Stand: 08.11.2013 11:10 Uhr

Die Lübecker Märtyrer: "Wir sind wie Brüder"

von Stefanie Grossmann

"Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten." Mit diesem Ausspruch wollte Papst Johannes Paul II. 1994 an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts erinnern. Dazu gehören auch die katholischen Priester Hermann Lange, Johannes Prassek, Eduard Müller und der evangelische Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink.

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Johannes Prassek, Eduard Müller, Karl Friedrich Stellbrink und Hermann Lange (v.l.n.r.)

Mit ihrer Seligsprechung beziehungsweise dem ehrenden Gedenken am 25. Juni 2011 in Lübeck bekamen alle vier eine späte Anerkennung - für das Überwinden von Konfessionen, um gemeinsam gegen die Willkürherrschaft des nationalsozialistischen Regimes zu handeln.

Seligsprechung

In der katholischen Kirche verehren Gläubige Selige und Heilige als Vorbilder christlichen Lebens. Bei Seligen ist dies meist regional beschränkt. Voraussetzung für eine Seligsprechung ist ein Antrag des zuständigen Bischofs. Ein Kirchengericht prüft, ob die betreffende Person tugendhaft gelebt hat, im Ruf der "Heiligkeit" gestanden hat, unter einem Martyrium gelitten oder Wunder bewirkt hat. Nach der Entscheidung des Gerichts prüft die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse die Unterlagen und gibt eine Empfehlung an den Papst. Bis zur endgültigen Entscheidung vergehen manchmal Jahrzehnte. Bei den Lübecker Märtyrer dauerte es sechs Jahre. Seligsprechungen sind nicht selten, allein Johannes Paul II. nahm während seiner Amtszeit 1.338 vor. Er selbst wurde am 1. Mai 2011 von seinem Nachfolger Benedikt XVI. seliggesprochen - nur sechs Jahre nach seinem Tod. Die Evangelisch-Lutherische Kirche lehnt eine Hervorhebung Einzelner durch Seligsprechung ab.

Aufbauarbeit im Norden

Obwohl Lange, Prassek und Müller aus verschiedenen Regionen Deutschlands kamen, schienen sich ihre Wege schon früh zu kreuzen. Alle drei absolvierten in den 1930er-Jahren ihr Studium in Münster und besuchten anschließend das Priesterseminar in Osnabrück. In Lübeck begann ihr gemeinsames Wirken. Die Travestadt galt damals in höchsten Kirchenkreisen als "unkirchlich" und war fest in den Händen der Protestanten. Erst mit dem Bau der Herz-Jesu-Kirche nahm die katholische Kirche in der Hansestadt wieder einen festen Platz ein. Alle drei Priester empfanden ihr Wirken in dieser "Diaspora" als Herausforderung.

Johannes Prassek trat 1939 eine Stelle als Kaplan in Lübeck an und schrieb an einen Freund: "... auch hier muss man sich um Kleinstes mühen, auch hier wachsen die Heiligen nicht in paradiesischer Selbständigkeit aus dem Boden." Nur sechs Wochen nach Prassek zog Hermann Lange in das Pfarrhaus an der Parade und nahm eine Stelle als Vikar an. 1940 komplettierte Eduard Müller die spirituelle Wohngemeinschaft.

"Brüder vom gleichen Stamm"

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Die Arbeit mit Jugendlichen gehörte zu den Aufgaben der Priester. Hier baute Eduard Müller mit ihnen einen Jugendraum auf.

Vom Charakter unterschieden sich die drei Kapläne grundlegend, doch der Soldat und Weggefährte Stephan Pfürtner beschreibt sie auch als "Brüder vom gleichen Stamm". Johannes Prassek sei ein "Leader" gewesen, der besonders durch seine charismatische Begabung für Menschen auffiel. Lange wirkte eher bürgerlich, zielgerichtet und Müller war ein "Herzensmensch", so Pfürtner. Der gelernte Tischler galt als Spätberufener, war unpolitisch und verstand sich als Soldat Christi, der das Reich Gottes verteidige, so der Historiker Peter Voswinckel. Dem Dreierbund gemein war ihr Engagement für die Jugend oder auch für Zwangsarbeiter. Prassek, Müller und Lange betrachteten die Seelsorge als ihr oberstes Ziel. Schockiert zeigten sie sich beispielsweise über die Deportation und Tötung von 605 geistig behinderten Menschen aus Lübeck.

Vom glühenden Nationalsozialisten zum Widerständler

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Acht Jahre war Karl Friedrich Stellbrink als Auslandsprediger in Brasilien. Das Bild zeigt ihn 1926 mit Frau Hildegard und den Kindern Gerhard und Gisela.

Der Lebensweg von Pastor Stellbrink verlief weit weniger geradlinig. Er wuchs in Detmold am Fuße des Hermanns-Denkmals auf. Es symbolisierte das Deutschtum schlechthin. Kaiser Wilhelm stand damals als Protestant an der Spitze des Deutschen Reichs. Beides prägte den jungen Stellbrink ebenso wie die Ideologien Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus und eine Anti-Rom-Stimmung, die er im Johannesstift, einer Berliner Kaderschmiede des Nationalprotestantismus, vermittelt bekam. Seine acht Jahre als Auslandsprediger in Brasilien bestärkten Stellbrink noch mehr in seinem Glauben an das völkische Deutschtum und den Nationalsozialismus. Der linientreue Pfarrer erschien der "braunen" Lübecker Kirchenregierung eine Idealbesetzung für eine Pfarrstelle in der Hansestadt zu sein. Als er 1934 das Amt annahm, predigte er noch Alfred Rosenbergs Thesen von einer arischen Herkunft Jesu, die frei von Rom und Juda ist.

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1937 wurde die Lutherkiche in Lübeck feierlich eingeweiht. Unter den Teilnehmern war auch Pastor Stellbrink 2. Reihe links).

In den darauffolgenden Jahren verschlechterte sich sein Verhältnis zu den Kirchenoberen zusehends, weil er Kritik an der Jugendführung der Nationalsozialisten übte. Das Regime vereinnahmte die Jugend immer mehr für propagandistische Zwecke. 1936 wurde Stellbrink aus der Partei ausgeschlossen, der er seit 1933 angehörte. Eine seiner letzten großen Amtshandlungen ist die Einweihung der Lutherkirche 1937, dem einzigen Kirchenneubau in Lübeck während des Dritten Reichs. 1939 distanzierte sich Stellbrink vollends von Hitlers Aggressionspolitik.

Dieses Thema im Programm:

26.06.2011 | 11:30 Uhr

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