Stand: 17.01.2013 16:16 Uhr  | Archiv

Die A 1: Vom NS-Prestigeprojekt zum Dauerstau

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Dichter Autoverkehr und Staus auf der A 1 - hier vor Hamburg - sind an der Tagesordnung.

Zehn Kilometer Stau am Kamener Kreuz, stockender Verkehr zwischen Bad Oldesloe und Kreuz Lübeck, Behinderungen zwischen Hamburg und Bremen wegen einer Großbaustelle: Solche Meldungen kennen Autofahrer seit Jahren, die meisten haben schon einmal selbst im Stau gestanden auf der A 1. 732 Kilometer - von Heiligenhafen an der Ostsee bis nach Saarbrücken führt die Autobahn durch Deutschland. Sie ist eine der ältesten und meistbefahrenen und hat eine teils traurige, teils kuriose Geschichte.

Nazis machen den Bau von Reichsautobahnen zum Großprojekt

Die erste deutsche Autobahn eröffnet Konrad Adenauer, damals Bürgermeister von Köln, 1932 zwischen Köln und Bonn. Pläne für weitere Bauten liegen in der Weimarer Republik bereits vor. So möchte ein Bündnis von Ingenieuren, Beamten und Hamburger und Bremer Kaufleuten eine Autobahn zwischen den Hansestädten bauen.

Die Nazis stehen den Autobahnen zunächst skeptisch gegenüber, betrachten sie als Straßen für Reiche. Doch als sie an die Macht kommen, entdecken sie dieses Feld für ihre Propagandazwecke - neue Straßen für das Volk und Beschäftigung für die Arbeitslosen. Die Pläne sind ehrgeizig: "Das Netz der Reichsautobahnen wurde vorerst mit 7.000 Kilometern festgelegt. Es sieht vor: drei große Nord-Südverbindungen sowie drei Ost-Westverbindungen. Dem Kraftverkehr bringen diese Verbindungen endlich Straßen, die der technischen Entwicklung des Kraftwagens entsprechen", erklärt der oberste Bauherr der Autobahnen, Bauingenieur Fritz Todt, Anfang der 30er-Jahre. Später wird vermutet, dass Hitler die neuen Straßen nur zum Truppentransport nutzen wollte. In der heutigen Forschung ist das allerdings umstritten.

21. März 1934: Die Bauarbeiten beginnen

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Die Arbeit an der A 1 war körperliche Schwerstarbeit und zugleich schlecht bezahlt.

Der erste Spatenstich für die A 1 erfolgt am 21. März 1934 bei Oyten. Die sogenannte Hansalinie soll zunächst Hamburg und Bremen verbinden und später im Norden weiter nach Lübeck und im Süden bis ins Ruhrgebiet führen. Auch in Wandsbek, das damals noch nicht zu Hamburg gehört, und in Hamberge bei Lübeck beginnen die Bauarbeiten.

Viele Arbeiter bezahlen den Bau mit ihrer Gesundheit

Bis zu 2.200 Arbeiter schuften an dem Nazi-Prestigeprojekt. Viele von ihnen sind Arbeitslose, die zum Arbeitsdienst zwangsverpflichtet werden. Bewusst verzichtet man auf den Einsatz schweren Geräts wie Bagger: "Nirgends verdrängt die Maschine die menschliche Arbeit", heißt die Parole. Nur mit Hacke und Schaufel ausgestattet, bewegen die Männer unzählige Tonnen Erde und Moorboden. Sie sind in eigens eingerichteten Lagern untergebracht, erhalten Stundenlöhne von 50 Pfennig - schon zu damaligen Zeiten ein sehr geringer Satz. Viele ruinieren sich durch die harte körperliche Arbeit die Gesundheit, sie erkranken an der sogenannten Schipperkrankheit, bei der es zu Ermüdungsbrüchen im Hals- und Brustwirbelbereich kommt.

Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen lösen 1934 einen Streik im Lager Gyhum aus. 380 Mann legen die Arbeit nieder. Autobahnbauchef Fritz Todt greift hart durch - er lässt das Lager räumen und schickt die Arbeiter im Sonderzug zur Gestapo nach Berlin. Neun von ihnen kommen ins Konzentrationslager.

Hakenkreuzfahnen und Girlanden zur Einweihung

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Bereits gut zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich wurde der erste Abschnitt der A 1 eingeweiht.

Trotz der strapaziösen Bedingungen schreiten die Bauarbeiten zügig voran - das Regime treibt das Propaganda-Projekt unerbittlich an. Nur gut zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich ist der erste, 71 Kilometer lange Teilabschnitt zwischen Oyten und Dibbersen fertig. Am 25. Juli 1936 wird er feierlich eingeweiht und für den Verkehr freigegeben. Die Anwohner werden verpflichtet, die Strecke mit Hakenkreuzfahnen und Girlanden zu schmücken. Wieder ein knappes Jahr später, am 13. Mai 1937, wird der Abschnitt zwischen Hamburg und Lübeck eröffnet. Weitere Teilstrecken folgen bis 1940. 

Freizeitspaß entlang der Autobahn

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Keine Seltenheit bis in die 50er-Jahre: Camping an der noch wenig befahrenen A 1.

Da nur sehr wenige Menschen ein Auto haben, wird die neue Autobahn zunächst meist als Ausflugsziel statt als Schnellstraße genutzt. Gemütlich unternehmen die Leute - teils auch mit Fahrrädern - Vergnügungsfahrten auf der fast leeren Autobahn. Ziel sind oft die sogenannten Autobahnbäder, die extra eingerichtet werden - dort, wo Kies und Sand für die Straße abgebaut wurden. Einer ist der Grundbergsee, den Autofahrer heute nur noch als Raststätte kennen. Auch Campen an der A 1 ist bis in die 50er-Jahre beliebt. "Ich kriegte nach dem Krieg zur Konfirmation ein Fahrrad mit Hilfsmotor und bin dann in Bremen auf die Autobahn. Mein Freund hat sich an meiner Schulter festgehalten und dann waren wir nach einer Stunde schon dort und haben gezeltet", erinnert sich der Bremer Peter Böhm.

Ausbau einstweilen beendet

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Kurios: Beim Bau der A 1 wurde Sittensen geteilt. Damit die Kinder ihre Schule erreichen konnten, wurde eine Holzbrücke über die Autobahn gebaut, die dort bis in die 70er-Jahre stand.

Nach dem Krieg werden die Bauarbeiten an der A 1 mit dem beginnenden Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren wieder aufgenommen. 1970 führt sie durchgängig von Lübeck bis Köln. Der Ausbau geht bis ins neue Jahrtausend weiter: 2005 erreicht die A 1 ihren heutigen nördlichen Endpunkt in Gremersdorf an der Ostsee. Im Oktober 2012 gingen die vorerst letzten Arbeiten an der legendären Autobahn zu Ende: Die A 1 zwischen Bremen und Hamburg verläuft nun auf 74 Kilometern Länge sechsspurig.

Karte: Autobahn 1 von der Küste bis zur luxemburgischen Grenze
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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen / Unsere Geschichte / 19.01.2013 / 11:30 Uhr