Stand: 03.06.2017 08:29 Uhr

Gewalt statt Glamour: Als der Schah Hamburg besuchte

von Dirk Hempel, NDR.de
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Bei der Ankunft in Fuhlsbüttel am 3. Juni 1967 winkt das Kaiserpaar Schaulustigen zu.

In der westlichen Regenbogenpresse gelten sie als glamouröses Traumpaar, das Persien ein modernes Antlitz gibt: Schah Reza Pahlavi und seine Frau Farah Diba. Im Frühjahr 1967 besucht das Kaiserpaar die Bundesrepublik. In Rothenburg ob der Tauber sehen sie Volkstänzen zu, in München besuchen sie eine Gemäldesammlung und in Bonn empfängt Bundeskanzler Kiesinger den Schah zu Gesprächen. Dann kommt es in Berlin zu heftigen Protesten gegen den Staatsbesuch. Der Polizeieinsatz gegen die Demonstranten gipfelt in der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg. Am Ende seiner Rundreise besucht das persische Herrscherpaar am 3. Juni 1967 Hamburg. Auch dort gibt es Proteste - und einem brutalen Polizeieinsatz.

Demonstration gegen den Schahbesuch am 3. Juni 1967 in Hamburg © NDR

1967: Proteste gegen den Schah in Hamburg

Hamburg Journal -

Nach dem gewaltsamen Tod des Studenten Benno Ohnesorg am Vortag in Berlin demonstrieren am 3. Juni 1967 in Hamburg Tausende gegen den Besuch von Schah Reza Pahlavi.

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Staatsbesuch unter Polizeischutz

Die Sicherheitsvorkehrungen sind extrem streng, das Polizeiaufgebot enorm: 30.000 Beamte sind bundesweit im Einsatz, mehr als je zuvor bei einem Staatsbesuch. Sie haben Autobahnen gesperrt, Innenstädte geräumt und überall Exiliraner kontrolliert. Denn die Behörden befürchten Proteste, halten sogar ein Attentat für möglich. Der Schah ist ein enger Verbündeter des Westens im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion. Aber er gilt iranischen Oppositionellen und linken Studenten als Gewaltherrscher, der auf Kosten der verarmten Bevölkerung ein Luxusleben führt, mit massiver Wirtschafts- und Militärhilfe der USA.

Am Tag zuvor: Straßenschlachten in Berlin

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In Berlin erschießt ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg bei der Demonstration gegen den Schahbesuch.

Auch in Hamburg bieten die Behörden Tausende Polizisten auf. Froschmänner untersuchen die Brücken der Innenstadt auf Sprengsätze, Sicherheitskräfte bewachen den Flughafen mit Maschinenpistolen und riegeln Straßenzüge ab. Die Stimmung ist angespannt. Denn am Tag zuvor sind in Westberlin die Proteste gegen den Schahbesuch eskaliert. Iranische Geheimdienstler haben mit Holzlatten auf Demonstranten eingeschlagen. Und die Polizei ist mit Wasserwerfern, Reiterstaffeln und Schlagstöcken äußerst brutal gegen die Protestierenden vorgegangen. Ein Beamter hat den Studenten Benno Ohnesorg erschossen, aus kurzer Distanz in den Kopf.

Erste Proteste auf dem Rathausmarkt

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Die Hamburger Polizei greift hart durch. Ein Demonstrant, der gegen den Schah protestiert hat, wird auf dem Rathausmarkt weggetragen.

Deshalb mischen sich auch aufgebrachte Studenten mit schwarzen Trauerfahnen und Trillerpfeifen unter die Schaulustigen, als das Kaiserpaar am Mittag des 3. Juni vor dem Hamburger Rathaus vorfährt. Sie rufen "Demokratie - ja, Diktatur - nein!" und "Mörder!". Während der Schah und seine Frau beim Senatsempfang Büsumer Krabben, getrüffelten Filetbraten und Vierländer Erdbeeren mit Schlagsahne speisen, lösen die Polizisten die Demonstration auf dem Rathausmarkt gewaltsam auf. Unter dem Beifall der Zuschauer zerbrechen sie Fahnen, schlagen den Demonstranten die Trillerpfeifen aus dem Mund, nehmen einzelne fest. Noch haben sie die Lage unter Kontrolle.

Tausende demonstrieren vor der Oper

Am Nachmittag steht eine Hafenrundfahrt auf dem Programm. Danach besichtigt der Schah die Flugzeugfabrik auf Finkenwerder, die Kaiserin das Barlach-Haus im Jenisch-Park. Unter die zahlreichen Zuschauer mischen sich nur wenige Störer. Doch als das Kaiserpaar um 19.07 Uhr an der Staatsoper vorfährt, spitzt sich die Situation zu. Tausende Menschen, allen voran Studenten, sind vor den Absperrungen am Dammtorwall versammelt. Unter ihnen befinden sich auch Demonstranten, die schwarze Fahnen schwenken. Rufe werden laut: "Nieder mit dem Schah!" Ein Ei zerspritzt an der Seitenscheibe des schwarzen Mercedes 600.

Reiterstaffel verbreitet Angst und Schrecken

Während Reza Pahlavi wenig später im ersten Rang der Oper neben Bürgermeister Herbert Weichmann die Ovationen des Publikums entgegennimmt, ertönt auf der Dammtorstraße plötzlich das Kommando: "Pferde marsch!" Ohne Vorwarnung sprengt die Reiterstaffel in die Menschenmenge, wie Augenzeugen später berichten. Panik bricht aus. Schreiend flüchten Demonstranten und Schaulustige Richtung Stephansplatz, von den Polizeireitern verfolgt, die mit ihren Pferden die Menschen vor sich hertreiben, an Häuserwände drücken, vom Sattel aus in den Rücken treten.

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Am Abend des 3. Juni setzt die Polizei gegen die Demonstranten in der Dammtorstraße ihre Reiterstaffel ein.

Hinter ihnen stürmen Schutzpolizisten vorwärts. Der Schriftsteller Peter Rühmkorf, der sich unter den Demonstranten befindet, gibt später zu Protokoll: "Polizisten drangen mit gezogenen Gummiknüppeln gegen die Menge vor, Menschen kamen zu Fall, Polizisten stürzten sich auf die am Boden Liegenden." In der Staatsoper schweben unterdessen grazile Balletttänzerinnen in karierten Röcken zu den Klängen von Felix Mendelssohn-Bartholdys "Schottischer Sinfonie" über die Bühne.

Verkehrschaos am Stephansplatz

Vor der Oberpostdirektion stockt der Verkehr, Feuerwerkskörper explodieren, ein Pferd steigt wiehernd hoch. Blutüberströmte Menschen irren zwischen den Autos am Gorch-Fock-Wall umher, flüchten in ihrer Angst sogar über Kühlerhauben, während vom Eingang zu Planten un Blomen her eine Gruppe Demonstranten skandiert: "Mörderpack, Mörderpack!"

Das Philharmonische Orchester spielt jetzt Szenen aus einer Oper von Donizetti, die Primaballerina triumphiert, wie das Hamburger Abendblatt später meldet, "mit prickelnden Schrittfolgen". Es gibt Sonderapplaus für weite Sprünge und "flirrende Entrechats", das mehrmalige Kreuzen der Füße im Sprung.

Auf der Straße wagen sich zur gleichen Zeit die Demonstranten vor, wenn sich die Reiter zurückziehen, und flüchten wieder Richtung Kriegerdenkmal, wenn die Polizisten vorrücken. Nur allmählich beruhigt sich die Lage, immer mehr Studenten wandern Richtung Rathaus ab, wo der Schah später noch zu einem weiteren Festempfang erwartet wird.

Gummiknüppel und Faustschläge am Rathaus

Dort macht die Polizisten eine Stunde vor Mitternacht erneut gnadenlos Jagd auf die demonstrierenden Studenten. Dutzende werden mit Schlagstöcken und Fäusten traktiert und anschließend verhaftet. Anscheinend greifen auch iranische Sicherheitsbeamte ein, mit Billigung der Polizei. Fragen nach ihren Dienstnummern beantworten die Polizisten nicht, den Appell an die garantierte Versammlungsfreiheit quittiert ein Polizeiführer lakonisch mit dem Satz "Das Grundgesetz interessiere ihn nicht",  berichtet ein Demonstrant später. Erstmals rufen die fliehenden Studenten jetzt auch: "Nazimethoden!"

Rosen für die Kaiserin

Als das iranische Herrscherpaar am nächsten Tag nach einem ruhigen Vormittag in Lübeck vom Flughafen Fuhlsbüttel aus nach Paris weiterreist, ist die Stimmung friedlich. Die Honoratioren überreichen der Kaiserin zum Abschied Sträuße mit weißen Orchideen und gelben Rosen. Das auf dem Flugfeld angetretene Musikkorps der Schutzpolizei intoniert "Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus".

Der Staatsbesuch verändert die Republik

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Der Spruch, den die Studenten im November 1967 im Hamburger Audimax zeigen, wird zur Parole der Studentenbewegung.

Doch die Idylle trügt. Der Staatsbesuch des Schah wird zur Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Erschießung Benno Ohnesorgs, aber auch die Reaktionen führender Politiker erbittern viele Studenten. Denn in Berlin billigt der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz, ein protestantischer Pastor, das brutale Vorgehen der Polizei ausdrücklich. Er macht die Demonstranten sogar für den Tod Benno Ohnesorgs verantwortlich. In Hamburg verurteilt Bürgermeister Weichmann, der 1933 vor den Nazis geflohen war, "Krawalle" und "Rabaukentum" und stellt empört fest: "Freiheit hat ihre Grenzen!"

In den folgenden Monaten nehmen die Proteste der Studenten, deren Vertrauen in die Demokratie erschüttert ist, weiter zu. Sie richten sich gegen die Rückkehr des Polizeistaats, die Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg und reaktionäre Strukturen in Staat und Gesellschaft. Im Audimax der Hamburger Universität entrollen Studenten im November 1967 bei einer Feier ein Transparent mit der Aufschrift "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren". Der Slogan wird zur Parole einer politischen Bewegung, die im folgenden Jahr das ganze Land ergreift und die Republik verändern wird.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 03.06.2012 | 19:30 Uhr

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