Stand: 03.08.2016 12:19 Uhr

Vom blinden Maulwurf zur tödlichen Waffe

von Dirk Hempel, NDR.de
Das erste U-Boot der kaiserlichen Marine "U 1" auf eine Probefahrt. Im Ersten Weltkrieg versenkt es zahlreiche Schiffe.

Am 4. August 1906 gleitet das erste U-Boot der kaiserlichen Marine auf der Kieler Krupp Germaniawerft ins Wasser - eine technische Meisterleitung. Mehr als ein Jahr haben die Kieler Ingenieure und Arbeiter fieberhaft an dem Prototyp gebaut. Denn sie sind spät dran. Der Bau von U-Booten für die Kriegsführung hat weltweit schon vor der Jahrhundertwende begonnen. Amerikaner und Briten haben bereits seit Jahren tauchfähige Schiffe. In Frankreich, dem damals führenden Land des U-Bootbaus, herrscht eine wahre Begeisterung. Und die Russen haben sich 1904 drei Boote bauen lassen - ausgerechnet in Kiel.

Die Marineleitung will keine U-Boote

Warum sind die Deutschen so spät dran? Für den Leiter des kaiserlichen Marineamts, Großadmiral Alfred von Tirpitz, sind Unterseeboote lange Zeit nur "lahme Enten", eine Waffe für Feiglinge, die den offenen, ritterlichen Kampf auf See scheuen. Wie Kaiser Wilhelm II. setzt er auf den Bau großer Panzerschiffe, will so der Seemacht Großbritannien endlich Paroli bieten. U-Boote, diese "blinden Maulwürfe", kann Tirpitz beim Wettstreit mit den anderen Kolonialmächten um den "Platz an der Sonne" nicht gebrauchen.

Das ändert sich erst, nachdem die Russen mit den Kieler Booten zufrieden sind und in der Öffentlichkeit der Ruf nach deutschen Unterseebooten immer lauter wird. Sie stehen beim Bürgertum seit Jahrzehnten hoch im Kurs, Jules Vernes Kapitän Nemo mit seiner "Nautilus" ist vielen bekannt. Hunderte Erfinder und Tüftler haben sich immer wieder vergebens mit ihren Plänen für Tauchschiffe an das Marineamt gewandt, "Pastoren, Lehrer, Seminaristen, Apotheker, Sparkassenbeamte", wie eine halboffizielle Marinezeitschrift spottet.

Kiel ist im U-Boot-Bau erfahren

1904 gibt Tirpitz das erste U-Boot bei der Germaniawerft in Auftrag - widerwillig. Auch der mit der Konstruktion beauftragte Marineingenieur Gustav Berling ist angesichts der Aufgabe "ganz niedergeschlagen", hält er doch Tauchschiffe für "großen Unsinn".

Dabei haben die Kieler einige Erfahrung im U-Boot-Bau. Schon das erste in Deutschland konstruierte Boot, der "Brandtaucher", ist 1850 an der Förde gebaut worden, von der Maschinenfabrik Schweffel & Howaldt. Und die Germaniawerft hat 1903 das Unterseeboot "Forelle" nach Plänen des spanischen Konstrukteurs Raymondo d’Equevilley erprobt - vorerst noch auf eigene Rechnung, auch wenn der Industrielle Friedrich Krupp schon auf Staatsaufträge spekuliert. Ingenieur Berling entwickelt die Pläne d’Equevilleys weiter. Weil sie auf Entwürfen des führenden französischen Marineingenieurs Maxime Laubeufs basieren, bricht schon bald ein Plagiatsstreit aus, der bis heute nicht entschieden ist.

"U 1" ist eine technische Innovation

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Der große Kran der Krupp Germaniawerft in Kiel hebt das mehr als 150 Tonnen schwere U-Boot am 4. August 1906 ins Wasser.

Das deutsche Boot, das ab 1904 bei der Germaniawerft in Kiel entsteht, ist ein Zweihüllenboot, eine Erfindung Laubeufs, die schnelle und tiefe Fahrten auf hoher See ermöglicht: Es besteht aus einem inneren Druckkörper und einer äußeren Schiffshülle mit Tauchzellen, verfügt über einen Petroleummotor für Überwasser- und einen Elektromotor für Tauchfahrten. Das 42 Meter lange und 3,75 Meter breite Boot hat einen Kommandoturm, Seh- und Belüftungsrohre. Es wird von zwölf Mann Besatzung bedient, kann 30 Meter tief tauchen und zwölf Stunden unter Wasser bleiben. Die Höchstgeschwindigkeit über Wasser beträgt 8,7 Knoten (17 Km/h), unter Wasser läuft es sogar 10,8 Knoten (20 Km/h).

Nachdem der große Kran der Germaniawerft das mehr als 150 Tonnen schwere Boot am 4. August 1906 zu Wasser gelassen hat, unternimmt es zahlreiche Probefahrten. Das Hebeschiff "Oberelbe" des Norddeutschen Bergungsvereins assistiert bei den Tauchgängen mit und ohne Besatzung. Im November 1906 erhält das U-Boot die Bezeichnung "U 1". Im Monat darauf wird es offiziell in den Dienst der kaiserlichen Marine gestellt, Heimathafen wird Eckernförde.

U-Boote setzen sich durch

Die große Stunde für "U 1" kommt im Frühjahr 1907. Unbemerkt nähert es sich, mit drei scharfen Torpedos bestückt, unter Wasser dem Kreuzer "SMS München". Das ist brisant, denn an Bord des überraschten Kriegsschiffs befindet sich Kaiser Wilhelm II. Als "U 1" im August des Jahres auch noch eine lange Überwasserfahrt bei Sturm um Jütland herum besteht, sind auch die Militärs überzeugt.

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Die Krupp Germaniawerft in Kiel wird zu einer der führenden U-Boot-Fabriken Europas. Hier liegt "U 7" um 1910 am Ausrüstungskai.

Der U-Bootbau wird jetzt Geheimsache, die nächsten Boote produziert die kaiserliche Werft in Danzig - weit weg von den Westmächten. Nach und nach stellt die Marineleitung eine U-Boot-Flotille auf. Bei Ausbruch des Weltkrieges verfügt sie über 28 U-Boote. "U 1" ist 1914 allerdings technisch schon veraltet. Es dient nur noch als Test- und Schulungsschiff.

Die U-Boote entwickeln sich unter dem Druck des Krieges rasant weiter. Die Marineleitung ordnet nun den raschen Ausbau der Flotte mit Unterseekreuzern an, während die großen Panzerschiffe zumeist in den Häfen liegen, weil sie der Übermacht der Briten nicht gewachsen sind. 320 deutsche U-Boote sind insgesamt im Einsatz, versenken bis Kriegsende mehr als 6.000 zivile und 100 Kriegsschiffe. Der "blinde Maulwurf" wandelt sich jetzt in der Kriegspropaganda zum "Ritter der Tiefe".

U-Boot-Krieg bricht das Völkerrecht

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Das britische Passagierschiff "Lusitania" sinkt im Mai 1915, versenkt von "U 20" mit einem einzigen Torpedo. Fast 2.000 Menschen ertrinken.

Allerdings richtet sich der uneingeschränke U-Boot-Krieg der kaiserlichen Marine bald auch gegen Passagier- und neutrale Handelsschiffe - ein Bruch des Völkerrechts. Am 7. Mai 1915 versenkt "U 20" vor der Südküste Irlands die britische "Lusitania", 1.198 Passagiere und Besatzungsmitglieder ertrinken.

Bis 1918 gehen 200 deutsche U-Boote verloren, mehr als 5.000 Marinesoldaten sterben. Die Germaniawerft entwickelt sich jedoch bis 1918 zu einer der führenden U-Boot-Werften in Europa. 1916 entsteht hier das erste Handelsunterseeboot der Welt, die "Deutschland", die die britische Seeblockade durchbricht und die USA erreicht.

"U 1" heute im Museum

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"U 1" steht heute im Deutschen Museum in München und kann besichtigt werden, hier ein Blick in den Maschinenraum.

Nach Kriegsende wird "U 1" vor der Auslieferung an die Briten bewahrt, in Einzelteile zerlegt und mit der Eisenbahn nach München transportiert. Das Deutsche Museum hat schon 1917, auf dem Höhepunkt des erfolgreichen U-Boot-Kriegs, Interesse an dem ersten in Deutschland erprobten und eingesetzten U-Boot gezeigt. Nun vermittelt Friedrich Krupp den Ankauf, in seiner Eigenschaft als Verwaltungsratsvorsitzender des größten technischen Museums in Deutschland. Dort ist es noch heute zu besichtigen.


03.08.2016 12:19 Uhr

Hinweis der Redaktion: In der ersten Version des Beitrages hieß es, U 1 habe im Ersten Weltkrieg fünf Kriegs- und 13 Handelsschiffe versenkt. Das ist nicht korrekt. Das U-Boot war zu dem Zeitpunkt schon veraltet und diente nur noch als Test- und Schulungsschiff. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

 

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.05.2007 | 19:30 Uhr

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