Stand: 20.12.2012 09:16 Uhr

Das Gemetzel von Wakenstädt

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Die Schlacht wurde im Sommer 2012 von Laien in historischen Kostümen nachgestellt.

Es sind dramatische Szenen, die sich am 20. Dezember 1712 vor den Toren der mecklenburgischen Stadt Gadebusch abspielen. Rund 35.000 Soldaten kämpfen um jeden Meter Gelände und ums Überleben. Als sich der Pulverdampf verzieht, liegen mehr als 3.000 Tote am Boden - Schweden, Dänen und Sachsen. Sie alle sind Opfer der größten Feldschlacht, die je auf mecklenburgischem Boden stattgefunden hat, der Schlacht von Wakenstädt. Was war geschehen?

Schweden auf dem Rückzug

Nordische Kriege

Seit dem 16. Jahrhundert gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen um die Vormacht im Ostseeraum - die Nordischen Kriege. Die größten Widersacher waren Schweden und Dänemark, im 18. Jahrhundert auch Russland und Polen/Sachsen. Der Dritte oder Große Nordische Krieg dauerte von 1700 bis 1721. Er festigte den Aufstieg Russlands sowie den sinkenden Einfluss Schwedens und Dänemarks.

In Nordeuropa wütet seit 1700 ein zäher Kampf um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Schweden und Dänemark, teils verbündet mit Sachsen, Preußen und Hannover, bekriegen sich heftig. Keine Partei scheint jedoch überlegen genug für einen endgültigen Sieg zu sein. Zehntausende Soldaten sind zu Fuß oder auf Pferden jahrelang unterwegs. Schweden ist unter König Karl XII. die Großmacht in der Region, beherrscht die östliche Ostsee bis weit ins Binnenland. Im Juni 1709 allerdings erleidet die königliche Armee eine vorentscheidende Niederlage. In der Schlacht von Poltawa in der heutigen Ukraine unterliegt sie den russischen Truppen und muss kapitulieren. Dennoch ist der Krieg noch nicht zu Ende.

Dänen suchen den Kampf

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Zar Peter I. herrschte von 1682 bis 1721 als Großfürst von Russland.

Im September 1712 landen frische schwedische Truppen auf Rügen. Sie sollen unter General Graf Stenbock die Armee des Erzfeindes Dänemark bekämpfen, die seit Monaten Wismar belagern. Die Dänen, zu dieser Zeit verbündet mit Sachsen und Russland, wollen einen Kampf wagen. Den Rat von Zar Peter I. auf russische Verstärkung zu warten, schlagen sie aus. Dänenkönig Frederik bezieht im Gadebuscher Schloss Quartier. Am 19. Dezember treffen die Schweden bei Gadebusch ein. Die Entscheidung naht. Am Mittag des folgenden Tages sind alle Vorbereitungen abgeschlossen, auf einem Feld bei Wakenstädt beginnt der Kampf. Die überlegene schwedische Artillerie feuert ihre Kanonen ab, es folgen Soldaten zu Pferd und zu Fuß. Offenbar ist der Boden in diesen Wintertagen nicht hart gefroren, denn die dänische Reiterei scheitert in dem sumpfigen Gelände.

Rund zwei Stunden tobt die Schlacht, dann müssen sich die Reste der dänischen Truppen zurückziehen. Gut 2.000 dänische Soldaten haben ihr Leben verloren, Hunderte sind verwundet, 4.000 geraten in schwedische Gefangenschaft. Auch die Schweden erleiden erhebliche Verluste, entscheiden das Gefecht aber für sich. Es ist ihr letzter großer Sieg in diesem Krieg. Im Mai 1713 kapituliert die schwedische Truppe bei Tönning.

Was genau geschah, liegt im Dunkeln

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Bleikugeln gehören zu den wenigen Fundstücken von der Schlacht.

Bis heute stellt das exakte Kampfgeschehen Forscher vor Rätsel. Erst 2002 wurde das Schlachtfeld anhand von alten Karten und Wegmarken genau lokalisiert. Doch trotz erheblicher Mengen an Munition, die damals verschossen worden sein müssen, haben Archäologen bislang nur wenige Fundstücke auf dem rund zehn Hektar großen Schlachtfeld geborgen. Dazu zählen daumendicke Bleikugeln, die nun im archäologischen Archiv im Schloss Wiligrad am Schweriner See aufbewahrt werden, sowie einige Teile von Gewehren. Landesarchäologe Detlef Jantzen erklärt die wenigen Funde damit, dass die arme Bevölkerung der Region die Kampfzone geplündert haben könnte. Außerdem seien noch nicht alle möglichen Fundorte untersucht worden.

Die Suche nach einem Massengrab dauert an

Die bisherigen Erkenntnisse über die Schlacht von Wakenstädt beruhen weitgehend auf schriftlichen Überlieferungen. Allerdings widersprechen sich die Angaben teilweise. Auch die Zahl der Toten schwankt zwischen 3.000 und 4.000. Jantzen gibt zu bedenken, dass man zwischen den unmittelbar getöteten Soldaten und denen unterscheiden müsse, die später ihren Verletzungen erlegen seien. Doch wo sind die Tausende Toten geblieben? Bislang wurde kein Massengrab entdeckt, in dem die Opfer vermutlich bestattet wurden.

Frank Rohmann, Vorsitzender des Kulturhistorischen Vereins 1712, ist sich sicher, dass es weitere Funde geben wird. Bis dahin will er die Erinnerung an die Schlacht wach halten und trifft immer wieder Gleichgesinnte aus Nordeuropa, um über die Ereignisse damals zu diskutieren.

Hintergrund

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Karte: Der Ort der Schlacht

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 06.11.2010 | 19:30 Uhr

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