Stand: 09.06.2012 11:25 Uhr

Bergedorfer Sternstunden

von Nicole Holst, NDR.de

Zum Sternegucken fährt man in Hamburg für gewöhnlich nach Winterhude. Fragt man Einheimische nach der Hamburger Sternwarte, fällt ihnen oft nur der hohe, schlanke Bau im Stadtpark ein. Stimmt nicht - das ist das Planetarium. Die Sternwarte steht seit 1912 auf dem Gojenberg in Hamburgs östlichstem Stadtteil Bergedorf und ist das größte deutsche Astro-Observatorium.

Lippert-Astrograph der Sternwarte Hamburg. © Hamburger Sternwarte

Hamburg damals: Bergedorfer Sternwarte

Hamburg Journal -

Mit dem Bau der Sternwarte im Jahr 1912 wurde Hamburg zum Mekka für Astronomen. Damals sorgte jede neue Entdeckung für helle Aufregung in der Bevölkerung.

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Vom Millerntor auf den Gojenberg

Planetarium oder Sternwarte?

Als Planetarium bezeichnet man ein Gebäude mit einer halbkugelförmigen Kuppel, auf deren Innenfläche Bilder des Sternenhimmels von einem speziellen Projektor erzeugt werden.

Eine Sternwarte ist ein astronomisches Observatorium zur Beobachtung des Sternhimmels, von Himmelskörpern oder anderen Objekten im Weltraum.

Die Anfänge der Hamburger Sternwarte liegen noch im frühen 19. Jahrhundert. 1802 gründete der Feinmechaniker Johann Georg Repsold ein kleines privates Institut auf dem Stintfang über dem Hafen. Unter der napoleonischen Besatzung aufgelöst, wurde das Observatorium 1825 am Millerntor wiedereröffnet und 1833 vom Hamburger Senat übernommen. Doch der Standort im Herzen der Stadt entwickelte sich nach und nach zum Problem für die Sternenforscher: In der rasant wachsenden Metropole wurde die Luft immer schmutziger, elektrisches Licht machte die Nächte hell - schlechte Arbeitsbedingungen für Astronomen.

So beschloss man kurz nach der Jahrhundertwende den Umzug ins ländliche Bergedorf. Am 6. Juli 1912 wurde Hamburgs neue Sternwarte eingeweiht: Hauptgebäude, Direktorenvilla und sechs Beobachtungsgebäude mit Kuppeldächern im neobarocken Stil, ausgestattet mit modernsten Teleskopen. Die Hansestadt verfügte nun über eine der größten und bedeutendsten Sternwarten Europas.

Technik unter barocken Kuppeln

Sternenkataloge und Zeitmessung

Für die Hafenstadt Hamburg war die Sternwarte damals von immenser Bedeutung: Schließlich waren die Schiffskapitäne bei der Navigation noch auf Sternenkarten und die genaue Uhrzeit angewiesen. Weltberühmt wurden die Bergedorfer Sternenkataloge, die das Institut bis in die 1960er-Jahre erstellte. Eine weitere Hauptaufgabe der Sternwarte war die Zeitmessung. In stundenlangen Himmelsbeobachtungen bestimmten die Astronomen auf dem Gojenberg die Uhrzeit schon vor 100 Jahren auf die Zehntelsekunde genau. Die Messwerte wurden bis Mitte der 30er-Jahre täglich auf eine Lichtzeichenanlage und einen "Zeitball" im Hamburger Hafen übertragen: Um exakt 12 Uhr Greeenwich-Zeit fiel dann der große schwarze Ball herunter, weithin sichtbar für die Kapitäne. Hamburgs Astronomen untersuchten aber auch die physikalischen Eigenschaften der Sterne sowie die Sternverteilung in der Milchstraße und anderen Galaxien. Und 1930 entwickelte der Optiker Bernhard Schmidt in Bergedorf das bahnbrechende Schmidt-Spiegelteleskop - für Astronomen damals eine Weltsensation.

Das Observatorium wird kriegswichtig

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Nicht mehr in Betrieb, aber immer noch schön anzusehen: Der Bergedorfer Meridiankreis bei Nacht.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Sternenforscher vom Gojenberg überwiegend für militärische Aufgaben eingespannt: Kriegsmarine und Luftwaffe benötigten Stern- und Planetenpositionen für die Navigation und eine exakte Zeitbestimmung. Die Hamburger Wissenschaftler lieferten auch aerodynamische Rechnungen für den Flugzeugbau und überwachten die Sonnenfleckentätigkeit, um Störungen der Kurzwellen-Übertragungen voraussagen zu können. Die Sternwarte überstand den Krieg fast unbeschädigt: Schon zu Beginn der 50er-Jahre war man zum normalen Forschungsbetrieb zurückgekehrt. Ein Meilenstein in der Geschichte des Instituts war die Gründung der Europäischen Südsternwarte (ESO) 1962 in Bergedorf. Hauptziel der Forschungsorganisation, die vom Status her mit der europäischen Raumfahrtbehörde ESA vergleichbar ist, war die Erforschung des Südsternhimmels - zu diesem Zweck finanzierte die ESO ein großes Observatorium in Chile.

Die Sternwarte heute: Besucher dürfen ans Teleskop

Sternwarte Hamburg

Gojenbergsweg 112
Besucherzentrun: August-Bebel-Str. 196
21029 Hamburg
Tel. (040) 428 38 - 85 12
Anfahrt: ab Bf. Bergedorf mit Bus 332 bis Sternwarte Universität oder Sternwarte Besucherzentrum oder Bus 135 bis Justus-Brinckmann-Straße

Die große Zeit der Hamburger Sternwarte ist heute längst Geschichte: Die Teleskope in den neobarocken Kuppelbauten sind veraltet; neue werden nicht mehr angeschafft. Anderswo auf der Welt sind die Sterne einfach öfter zu sehen als am oft bewölkten Hamburger Himmel. Die modernen Observatorien stehen heute in der chilenischen Atacama-Wüste oder auf dem Calar Alto in Südspanien. In Bergedorf betreibt man seit den 70er-Jahren in erster Linie Grundlagenforschung: Rund 30 Wissenschaftler arbeiten auf den Gebieten Kosmologie, Quasare und Stellarphysik. Seit 1968 gehört das Institut zum Fachbereich Physik der Uni Hamburg.

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Mit den gut erhaltenen Teleskopen dürfen Besucher in die Sterne gucken.

Die bestens erhaltenen Teleskope locken heute vor allem interessierte Laien auf den Gojensberg: An den öffentlichen Beobachtungsabenden dürfen Besucher in die Sterne gucken, an den Wochenenden werden regelmäßig Führungen angeboten. Für Schüler gibt es Ferienkurse und eine Astronomie-Werkstatt in Kooperation mit der Schulbehörde. Alle aktuellen Termine finden sich auf der Website des Besucherzentrums der Sternwarte. Aber auch ein einfacher Spaziergang zu Hamburgs Sternwarte lohnt sich: Die parkähnliche Anlage mit den schönen alten Kuppelbauten gehört seit 2008 offiziell zu den "national bedeutsamen Kulturdenkmälern" - die Bewerbung zum UNESCO-Weltkulturerbe läuft.

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Dieses Thema im Programm:

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