Stand: 25.02.2010 19:21 Uhr  | Archiv

Flucht bei Minus 20 Grad

von Nadine Dietrich und Bert Lingnau
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Hunderttausende Flüchtlinge müssen Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen.

Um fünf Uhr morgens am 15. Januar 1945 in Herzogsau, einem Dorf im ehemaligen südlichen Ostpreußen: Alle Deutschen sind auf den Beinen, Pferdegespanne stehen dicht gedrängt auf den Dorfstraßen. Irgendwo in dem Durcheinander, das einmal ein Treck werden soll, befinden sich der damals elfjährige Otto Karkowski, seine 18-jährige Schwester Erika und sein Bruder Kurt. Bei Minus 20 Grad und 70 Zentimeter Schnee brechen die Karkowskis auf in Richtung Westen.

Kurt Karkowski, der älteste Sohn, ist damals 19 Jahre alt. Er hatte als Soldat in Stalingrad ein Bein verloren, war deshalb nicht mehr an der Front und lenkt nun den Pferdewagen der Familie, seine Krücken neben sich. Erika und Otto sitzen hinten auf dem Wagen oder laufen neben dem Gespann her, um sich aufzuwärmen. Ihr Vater ist verantwortlich für den Treck des gesamten Dorfes. Er läuft vor und zurück, hilft, Wagen aus dem Schnee zu zerren, treibt Zögernde an, versucht, den Treck irgendwie zusammenzuhalten.

Flieger greifen den Treck an

"Bei vielen waren schon am ersten Tag ältere Leute erfroren, Säuglinge gestorben", erinnert sich Otto Karkowski. "Die Leichen wurden im Schnee vergraben, so tief war der Schnee. Am ersten Tag, an dem wir im Treck unterwegs waren - Fliegerbeschuss! Wir hörten bloß die Hülsen, wie sie auf die Straße klingelten, auf den Pferdewagen und auch im Wald. Da haben wir uns versteckt. Wenn die Flieger wieder fort waren, konnte der Treck weiterfahren. Wir kamen dann wieder raus aus dem Wald oder aus dem Chausseegraben. Manchmal haben wir uns sogar im Schnee eingebuddelt."

Otto Karkowski und seine Schwester Erika tun alles, um sich in dem Durcheinander nicht zu verlieren. Nach einem der Fliegerangriffe finden sie weder ihren Bruder Kurt mit dem Pferdewagen der Familie wieder noch ihren Vater. Im Januar sind die Tage sehr kurz. Die Nebenstraßen und Waldwege, auf denen sich der Treck westwärts quält, sind nicht beleuchtet. So irren sie in der Dunkelheit umher, laufen von Wagen zu Wagen, fragen nach Kurt und dem Vater. Es hilft nichts. Sie müssen allein weiterziehen. "Das war natürlich für uns sehr schwer", erinnert sich Otto Karkowski. "Als die erste Nacht anbrach, haben wir in einem leeren Haus auf der Strecke Unterschlupf gesucht." Der Treck, dem sie sich am nächsten Tag anschließen, ist 30 Kilometer lang.

Unbeschreibliches Chaos auf den Straßen

Die Geschwister haben Glück: Ein Krankentransport der Wehrmacht nimmt die beiden mit. Tagelang kauern sie frierend zwischen schwerverletzten Soldaten. Das Chaos auf den Zufahrtsstraßen zu dem kleinen Ort Mohrungen an der Weichsel kann Otto Karkowski kaum beschreiben. Die Stimme versagt ihm. Pferdegespanne dicht an dicht, Menschen mit Handziehwagen, herumirrende Kinder, halb erfrorene Menschen, Leichen im Straßengraben. Gefechtslärm ist zu hören, die Rote Armee rückt immer näher.

Irgendwie schaffen Otto und Erika Karkowski es zum Mohrunger Bahnhof. Doch die Wehrmacht bereitet die Sprengung der Brücke über die Weichsel vor. Und der einzige und letzte Zug, der noch über die Brücke darf, ist übervoll mit verwundeten Wehrmachtssoldaten. Zivilisten mitzunehmen ist streng verboten. Otto Karkowski spricht einen deutschen Offizier an, der vor dem Bahnhof auf- und abgeht. Der Zufall will es, dass dieser der Verantwortliche für den letzten Zug ist. Im Heizwagen lässt er ein Loch in den Kohlen für die Geschwister graben.