Stand: 25.01.2012 14:09 Uhr

Als in Gorleben die Bagger anrollen

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Am 26. Januar 1982 beginnt der Bau des Atommüll-Zwischenlagers in Gorleben.

13 Castor-Transporte sind bislang ins Atommüll-Zwischenlager Gorleben gefahren. 13 Mal haben Atomkraft-Gegner versucht, den Transport zu behindern. Auch nach vielen Jahren ist der Protest nicht eingeschlafen. Ganz im Gegenteil: Beim vorerst letzten Castor-Transport nach Gorleben im Jahr 2011 war er so massiv wie nie zuvor. Nach der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima erhielt die Bewegung neuen Zulauf. Auch die ungelöste Frage, ob in Gorleben ein Endlager entsteht, bewegt die Gemüter. Der Standort Gorleben ist und bleibt Umweltschützern und Anti-Kernenergie-Aktivisten ein Dorn im Auge - seit 30 Jahren.

Atommüll gegen "Infrastrukturhilfe"

Am 26. Januar 1982 beginnt der Bau des Zwischenlagers in Gorleben etwa zwei Kilometer vom Ortskern entfernt. Der Kreistag, die Samtgemeinde Gartow (fast einstimmig) und die Gemeinde Gorleben haben den Bau im Sommer 1981 genehmigt - die Zustimmung bedeutet eine "Infrastrukturhilfe" in Millionenhöhe. Der Flächennutzungs- und der Bebauungsplan hatten in den Gemeinden ausgelegen und insgesamt knapp 2.000 Einwände von Bürgern nach sich gezogen. Diese bleiben jedoch unberücksichtigt.

Mitten im Landschaftsschutzgebiet

Die "Elbe-Jeetzel-Zeitung" schreibt im März 1981 über eine Ratssitzung in Gartow: "Derweil man sich für die über 650 bei der vorgezogenen Bürgerbeteiligung eingebrachten Einwendungen nur wenige Minuten Zeit nahm, widmete sich der Samtgemeinderat stundenlang den Eingaben amtlicher und halbamtlicher Stellen." Genau 15 Hektar werden für den Bau der Anlage veranschlagt. Die Fläche liegt mitten in einem Landschaftsschutzgebiet. Kurz nach der Umzäunung des Geländes erhalten die Kommunen eine Zuwendung von fünf Millionen Mark, anschließend jährlich eine Million Mark.

"Wie wüllt dien Schiet nich hem!"

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Widerstand von Anfang an: 1979 sammeln sich Bauern zur Trecker-Sternfahrt nach Hannover.

Schon vor Baubeginn ist den Wendländern klar, was eine Atommüll-Deponie für ihre Region bedeuten würde. Von Tag eins an, als der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) am 22. Februar 1977 verkündet, in Gorleben würden ein Entsorgungslager und eine Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll gebaut, formiert sich die Protestbewegung. Im März gründet sich die Bürgerinitiative, die noch heute aktiv ist. Zur ersten Großkundgebung in Gorleben am 12. März 1977 kommen etwa 20.000 Demonstranten. 1979 bricht ein Treck mit 350 Traktoren nach Hannover auf und Landwirt Heinrich Pothmer spricht vor rund 100.000 Demonstranten in der Innenstadt etwas aus, das seither für den Gorleben-Protest steht: "Mein lieber Herr Albrecht, wie wüllt dien Schiet nich hem!"

Republik Freies Wendland

Wenn die Einstellung der Regierung uns nicht gefällt, gründen wir eben unseren eigenen Staat. Das sagen sich Anti-Atomkraft-Aktivisten 1980 - und rufen kurzerhand die Republik Freies Wendland aus. Kein Atommüll-Lager soll es geben, stattdessen bauen sie ein Hüttenlager am künftigen Bohrloch 1004, fünf Kilometer von Gorleben entfernt. Aus Holz und Lehm entstehen Rundhütten, ein Klinikum, ein Kinderhaus, sogar warmes Wasser fließt, dank Solarzellen Marke Eigenbau. Es gibt auch eine Kirche, der Pastor erhält von seinen Vorgesetzten allerdings Predigtverbot. Viele Schaulustige sehen sich das bunte Treiben an. Nach einem Monat greift die Politik ein und lässt das Lager von 10.000 Polizisten räumen. Die Hütten werden zerstört.

Strukturschwach, aber meinungsstark

Der Plan einer Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben ist danach zwar recht schnell vom Tisch, den Genehmigungsantrag zieht die Landesregierung allerdings nicht zurück. Beim Bau eines Zwischenlagers bleibt es. Dort sollen Castor-Behälter mit hochradioaktivem Material gelagert werden, in einer Halle außerdem Behälter mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen.

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Ernst Albrecht kündigt 1977 eine vorläufige nationale Atommüll-Deponie in Gorleben an.

Die Landesregierung hatte offenbar gehofft, die Pläne im dünn besiedelten Wendland, in dem dringend Arbeitsplätze gebraucht werden, ohne nennenswerten Widerstand durchsetzen zu können. Doch der Protest weitete sich über die Grenzen des Wendlands hinaus in der ganzen Bundesrepublik aus. Atomkraft-Gegner sind sich einig: "Gorleben ist überall!"

16 Jahre Castor-Transporte

Im Jahr 1995 ist dann der erste "Tag X", der erste Transport rollt in Richtung Wendland - und trifft auf massiven Widerstand. Rund 15.000 Einsatzkräfte von Polizei und Bundesgrenzschutz (heute: Bundespolizei) sichern den Zug, Schlagstöcke und Wasserwerfer kommen zum Einsatz - Auftakt eines Rituals, das sich so oder ähnlich bei allen späteren Transporten wiederholen wird.

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Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima sind die Castor-Proteste 2011 so massiv wie nie zuvor.

Der 13. und vorerst letzte Castor-Transport ins Wendland im November 2011 bricht in Sachen Protest sämtliche Rekorde: 126 Stunden braucht der Zug, so lange wie nie zuvor. Mehr als 100 Blockaden mit Tausenden Aktivisten verzögern die Weiterfahrt. Auch die Kosten markieren einen neuen Rekord: Innenminister Uwe Schünemann (CDU) veranschlagt die Belastung für die Landeskasse mit etwa 33,5 Millionen Euro.