Stand: 08.05.2015 07:00 Uhr  | Archiv

Als die SS-Verbrecher nach Flensburg kamen

11. März 1946, 23 Uhr: Noch ist alles ruhig auf dem Hof Hansen in Gottrupel bei Flensburg. Plötzlich Lärm. Die Bewohner schrecken zusammen. Sind es Polen, ehemalige Zwangsarbeiter, die plündern wollen? Doch die Türen werden von britischen Soldaten aufgerissen. Auch die der Knechtekammer. Dort schläft Franz Lang. Der ehemalige Marinemaat hilft auf dem Hof ohne Bauern. Ein fleißiger, ein netter Mann, der sich viel Zeit für die Kinder nimmt. Nun prügeln Gewehrkolben auf ihn ein. Blutüberströmt steht er im Unterzeug, als ihm der Ehering vom Finger gerissen wird. Captain Hans Alexander liest die Gravur: Rudolf und Hedwig. Der britische Nazijäger ist am Ziel. Er hat den KZ-Kommandanten von Auschwitz, er hat Rudolf Höß gestellt.

Bis zu 3.000 SS-Kriegsverbrecher

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Der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß (M.), wird Mitte der 40er-Jahre nach Polen ausgeliefert und später hingerichtet.

Höß wird an die Polen ausgeliefert und am 16. April 1947 in Ausschwitz vor seiner ehemaligen Kommandantenvilla mit Blick auf die Gaskammern gehängt. Er ist einer von wahrscheinlich bis zu 3.000 SS-Kriegsverbrechern, die im Mai 1945 in Flensburg untergetaucht sind. Der weitaus größte Teil von ihnen kann sich ungestraft in die Nachkriegszeit retten.

"Rattenlinie Nord"

Erst in den 1980er-Jahren prägten Historiker den Begriff "Rattenlinie". Er beschrieb im Ursprung die Flucht hochbelasteter Nazis über Italien, den Vatikan oder Spanien nach Südamerika. Erst durch neue Quellen wurde in den vergangenen Jahren klar, dass es auch eine "Rattenlinie Nord" gab. Sie führte nicht nach Südamerika, sondern über Flensburg ins Nachkriegsdeutschland.

Wie der Historiker Gerhard Paul beschreibt, sind die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Flensburg geprägt von Endzeitstimmung und Chaos - aber auch einer noch hocheffizienten Bürokratie. Die arbeitet im Polizeipräsidium und macht aus Massenmördern, Killern und Managern des Holocausts einfache Wehrmachtssoldaten.

Fluchtpunkt Flensburg

Nach dem Selbstmord von Adolf Hitler am 30. April 1945 gibt es keinen Plan. Aber es gibt ein Ziel: Flensburg. Schleswig-Holstein ist noch nicht von den Alliierten besetzt. Schon seit Ende 1944 rollen die Trecks der Flüchtlinge in den Norden. In den ersten Maitagen kommen dazu Züge mit KZ-Häftlingen aus Neuengamme nach Flensburg. Schiffe bringen sie ausgemergelt, zu Tode erschöpft über See aus dem Osten. SS-Reichsführer Heinrich Himmler hat das befohlen. Er will die KZ-Häftlinge als Geiseln.

Flensburg quillt über von Menschen. In wenigen Tagen verdoppelt sich die Einwohnerschaft der Fördestadt auf wahrscheinlich mehr als 150.000. Zu den hungernden Flüchtlingen, die inzwischen in jedem Haus einquartiert sind, kommen ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus dem Osten

Himmlers Plan scheitert

In feinen Uniformen, in Limousinen und Bussen, vollgepackt mit Vorräten, Geld und Gold, erreicht SS-Führer Heinrich Himmler mit seinem Stab von 150 Getreuen am 2. Mai Flensburg. Das Oberkommando der Wehrmacht kommt am 3. Mai, dann schließlich Hitler-Nachfolger Karl Dönitz. Auf ihn setzt Himmler. Nach seinen Versuchen über Separatverhandlungen und durch das Freilassen skandinavischer KZ-Häftlinge war er bei Hitler in Ungnade gefallen.

Nun buhlt Himmler um die Gunst von Dönitz. Er hofft, durch das Freilassen der KZ-Häftlinge, die Alliierten zu gewinnen. Doch am 6. Mai blitzt er auch bei Dönitz endgültig ab. Erst zwei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation wird Himmler klar: Er und seine SS-Führer können nur noch untertauchen. Er hat schon am 3. Mai den Organisatoren des Holocausts geraten, sich Dokumente zu besorgen, die aus ihnen einfache Wehrmachtssoldaten machen.

Neue Identitäten am Fließband

Der Identitätswechsel ist schon organisiert. SS-Standartenführer Hans Hinsch als Polizeipräsident sorgt dafür. Erste Station, das Polizeipräsidium Norderhofenden 1. Hier gibt es neue Papiere. Aus SS-Standartenführern werden einfache Feldpolizisten, Unteroffiziere der Wehrmacht, Maate der Marine. Die Taschen voller Geld geht es nach Mürwik. Dort gibt es die zur neuen Identität passende Uniform, gebrauchte Stücke werden bevorzugt.

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Himmler hatte geraten, sich dann nach Dänemark abzusetzen. Die meisten gehen aber nach Süden. Sie lassen sich von den nach Norden vorstoßenden Briten gefangen nehmen. In den Sperrgebieten Eiderstedt und Fehmarn/Ostholstein werden sie interniert. Viele werden als Wehrmachtssoldaten schon im Sommer 1945 entlassen. Rudolf Höß alias Marinemaat Franz Lang ist dafür ein typisches Beispiel. Er gibt an, er komme aus der Landwirtschaft und kommt so auf dem Hof bei Flensburg unter.

Die Nazi-Jagd beginnt

Die britischen Soldaten erreichen Flensburg am 8. Mai. Sie wissen, dass viele Nazi-Verbrecher versuchen, in der sich auflösenden Wehrmacht abzutauchen. An der deutsch-dänischen Grenze filtern die Briten innerhalb weniger Tage aus dem nach Schleswig-Holstein zurückflutenden Soldatenstrom aus Norwegen und Dänemark mehr als 2.400 als Wehrmachtssoldaten getarnte SS-Leute heraus.

Anders läuft es bei denen, die sich in Flensburg neue Identitäten besorgen: Der Mehrheit von ihnen gelingt der Trick. Sie entgehen der Strafe, tauchten später wieder in der neuen Bundesrepublik auf. In vielen Fällen gelangen sie wieder in Führungspositionen. Sie können sich auf ein Kartell schweigender Mitwisser verlassen.

Himmlers Ende

In Kollerup bei Flensburg taucht Heinrich Himmler ab. Der Reichsführer SS rasiert sich am 8. Mai den Schnäuz ab und verwandelt sich in einen schlichten Feldgendarm. Mit nur noch ein paar Getreuen geht es Richtung Süden. Am Nord-Ostsee-Kanal warten die Briten. So besticht Himmler einen Fischer, lässt sich über die Elbe bringen. Am 20. Mai wird er bei Lüneburg kontrolliert. Die Papiere des Feldpolizisten Heinrich Hitzinger fallen auf. Sie sind zu neu, zu frisch. Hitzinger wird als Himmler enttarnt.

In einem seiner Zähne ist eine Zyankalikapsel versteckt. Die zerbeißt er am 23. Mai 1945. Am gleichen Tag verhaften die Alliierten die Regierung Dönitz in Flensburg. Dönitz, Alfred Jodl - beide in feiner Admirals- respektive Generalsuniform, und Albert Speer im Trenchcoat werden mehrmals im Hof des Polizeipräsidiums Norderhofenden vorgeführt. Der Hof ist klein, die Kamerateams aus aller Welt sollen die Möglichkeit haben, das historische Bild vom Ende der Nazizeit zu machen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 08.05.2015 | 20:05 Uhr