Stand: 04.01.2017 10:15 Uhr

Seit 70 Jahren blickt Deutschland in den "Spiegel"

von Irene Altenmüller, NDR.de

Ende 1946: Für das neue Nachrichtenmagazin muss schnell ein Name her. Über Nacht soll sich der damals 24-jährige Journalist Rudolf Augstein einen Titel ausdenken. Das ist die Bedingung der britischen Militärregierung, damit sie dem neuen Blatt eine Lizenz ausstellt. Augstein fragt daraufhin seinen Vater, was besser klinge: "Das Echo" oder "Der Spiegel"? Augsteins Vater ist für "Der Spiegel" - damit ist die Sache entschieden.

Der Spiegel

"Der Spiegel" wird 70 Jahre alt

Hamburg Journal -

Am 4. Januar 1947 erschien die erste Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Der streitbare Gründer Rudolf Augstein machte es zum "Sturmgeschütz der Demokratie".

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Wenige Tage später, am Sonnabend, den 4. Januar 1947, erscheint in Hannover die erste Ausgabe des neuen Magazins. Der Vorläufer "Diese Woche" war den Briten wegen der kritischen Haltung gegenüber den Besatzern bereits nach nur fünf Ausgaben lästig geworden. Deshalb geben sie die Verantwortung für das Blatt an das junge Journalisten-Team um Augstein ab.

Eine Mark pro Ausgabe

Eine Mark kostet die erste "Spiegel"-Ausgabe, sie ist 22 Seiten stark und hat eine Auflage von 15.000 Exemplaren. Auf dem Titel mit dem charakteristischen hellroten Rand ist Österreichs Gesandter Dr. Kleinwächter abgebildet, der im Weißen Haus in Washington vorspricht. Im Heft finden sich außerdem Artikel zum Abtreibungs-Paragraphen 218, zum geplanten Bau eines Tunnels unter dem Mont Blanc, zum Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Ausland und zur Situation auf dem Schwarzmarkt.

"Der Spiegel" ist von der ersten Ausgabe an erfolgreich, die Auflagen sind stets ausverkauft. Bundesweit bekannt wird das Magazin 1950, als es berichtet, dass Bonn nur deshalb zur vorläufigen Hauptstadt der Bundesrepublik gewählt worden sei, weil Abgeordnete bestochen wurden. Der Bundestag richtet daraufhin einen Untersuchungsausschuss ein. Der sogenannte Spiegel-Ausschuss bleibt allerdings ergebnislos.

"Sturmgeschütz der Demokratie"

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"Spiegel"-Affäre: Angriff auf die Pressefreiheit

Die Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit" des "Spiegel" führt am 26. Oktober 1962 zu Verhaftungen von Redakteuren. Dieser Angriff auf die Pressefreiheit löst Empörung aus. mehr

1952 zieht das Magazin von Hannover nach Hamburg um. Seinen kritischen Kurs behält es auch an der Elbe bei. Augstein selbst bezeichnet es - nicht ganz ohne Ironie - als "Sturmgeschütz der Demokratie". Über die Jahre deckt der "Spiegel" zahlreiche Skandale auf, berichtet über Machenschaften von Politikern, bleibt unbequem. Im Jahr 1962 steht das Magazin selbst im Mittelpunkt einer Affäre: Wegen einer kritischen Titelgeschichte zur schwächelnden Verteidigungsstrategie der Bundesrepublik werden die Redaktionsräume durchsucht und geschlossen, die Chefredakteure sowie Herausgeber Rudolf Augstein verhaftet.

70 Jahre "Spiegel" - ein Rückblick in Bildern

Der Vorwurf lautet auf Landesverrat. Doch die "Spiegel"-Affäre bedeutet nicht etwa für das Magazin das vorläufige Ende, sondern für den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), der die Verhaftungen veranlasst hatte und zurücktreten muss. Der "Spiegel" kann dagegen seine Auflage deutlich steigern. Sie klettert Ende 1962 erstmals über 500.000.

1969: Ein eigenes Hochhaus für den "Spiegel"

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Die schlichte Fassade des "Spiegel"-Hochhauses in Hamburg täuschte: Innen waren Gänge und Kantine in knallbunten Farben eingerichtet.

1969 zieht der Verlag erneut um, diesmal in ein Hochhaus an der Brandstwiete. Legendär ist bis heute die psychedelisch anmutende Inneneinrichtung der Kantine. Sie wird später unter Denkmalschutz gestellt und kommt 2011, als die "Spiegel"-Gruppe in einen Neubau in die Hafencity zieht, als Designkunstwerk in das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.

"Spiegel" deckt etliche Affären auf

In den 1980er-Jahren deckt das Magazin etliche Skandale auf, darunter die Flick-Parteispendenaffäre Anfang der 1980er-Jahre, den Skandal um die "Neue Heimat" 1983 und die Barschel-Affäre um den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten 1987. Auch die verkaufte Auflage steigt in den 1980er-Jahren kontinuierlich. Ab 1990 überspringt sie regelmäßig die Millionengrenze, in den ersten drei Monaten des Jahres 1991 liegt sie im Schnitt sogar bei 1,2 Millionen - der Irak-Krieg treibt die Auflage in die Höhe.

1988 bekommt der "Spiegel" mit dem Spiegel TV-Magazin einen Fernseh-Ableger bei dem Privatsender RTL. 1994 geht er als eines der ersten Nachrichtenmagazine ins Netz: Mit "Spiegel-Online" bekommt das Magazin einen eigenen Internetauftritt.

Auflagen-Krise und interne Reibereien

Doch die Krise der Printmedien trifft auch das renommierte Nachrichtenmagazin: Ab 2008 sinken die Verkaufszahlen. Zwar bleibt der "Spiegel" das meistzitierte Medium in Deutschland, dennoch erreicht die verkaufte Auflage ab 2010 die Millionenschwelle nicht mehr. Ende 2015 sinkt sie gar unter 800.000. Im Vergleich zum Jahr 1998 ist die Auflage bis heute um rund 25 Prozent geschrumpft.

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Die Chefredakteure Müller von Blumencron (l.) und Mascolo streiten über die Ausrichtung von Heft und Online-Auftritt. 2013 werden sie abberufen.

Auch im Haus herrscht Unruhe: 1974 hatte Verleger Augstein den Mitarbeitern 50 Prozent des Unternehmens geschenkt. Seitdem sind sie stille Teilhaber und mit 50 Prozent am Gewinn beteiligt. Diese und andere Privilegien gelten aber nur für Mitarbeiter des Print-Magazins, nicht aber etwa für die Mitarbeiter des erst viel später gegründeten Online-Ablegers. Die Ungleichbehandlung sorgt für Spannungen: "Wie können wir eins werden, wenn ein Teil über die anderen bestimmt, doppelt so viel verdient und das alles noch mit einem arroganten Gehabe raushängen lässt?", zitiert der "Tagesspiegel" aus einem internen Papier. Außerdem kommt es zwischen leitenden Redakteuren immer wieder zu Auseinandersetzungen über die strategische Ausrichtung, insbesondere des Online-Auftritts.

Neue Print-Hefte und kostenpflichtige Online-Angebote

Um den Veränderungen in der Medienbranche zu begegnen, will sich der "Spiegel" laut Chefredakteur Klaus Brinkbäumer künftig weitere Einnahmequellen erschließen. So solle es sowohl neue, zahlungspflichtige Online-Angebote geben als auch neue Printprodukte, darunter etwa der Titel "Spiegel Classic" mit Hintergrundstücken und Analysen, der ab März 2017 erscheinen wird und sich an eine ältere Zielgruppe richtet. Das Unternehmen hat sich zudem seit Ende 2015 einen Sparkurs verordnet. Rund 150 Stellen - etwa jeder fünfte Arbeitsplatz - sollen bis Ende 2017 abgebaut werden.

"Es geht es um alles"

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Als "Sturmgeschütz" sehe er den "Spiegel" nicht, sagt Chefredakteur Brinkbäumer. Wohl aber als "Verteidiger von "Demokratie und Pressefreiheit".

In der Jubiläums-Ausgabe zieht Klaus Brinkbäumer Parallelen zwischen den Anfängen des "Spiegel" 1947 und der heutigen Situation: Damals wie heute gehe es "um alles" - um "Freiheit, Aufklärung und Demokratie". Angesichts des Wahlsiegs von Donald Trump, angesichts von Fake News und "Lügenpresse"-Vorwürfen gibt sich der Brinkbäumer kämpferisch: Es seien "wichtige Zeiten für den 'Spiegel'. Zeiten, die Medien wie den 'Spiegel' brauchen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hamburg Journal | 04.01.2017 | 19:30

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/70-Jahre,spiegel776.html

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