Stand: 11.09.2017 14:51 Uhr

Vor 30 Jahren: Barschel-Affäre erschüttert die Republik

von Janine Kühl, NDR.de
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Barschel weist Vorwürfe zurück, er habe Oppositionsführer Engholm bespitzeln lassen.

Uwe Barschel sitzt mit Journalisten beim Kaffee auf dem idyllischen Gut Steinhorst im Lauenburgischen. Es ist Sonnabend, der 12. September 1987, ein Tag vor der mit Spannung erwarteten Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Der amtierende Ministerpräsident will in entspannter Atmosphäre einen langen und harten Wahlkampf ausklingen lassen. Während auf Gut Steinhorst noch Ruhe herrscht, schlägt in Hamburg eine Meldung große Wellen: "Barschels schmutzige Tricks" heiße die "Spiegel"-Titelgeschichte vom folgenden Montag. Der NDR berichtet gegen 15 Uhr zuerst von den darin beschriebenen Vorwürfen, CDU-Mann Barschel habe mit einer Verleumdungs- und Bespitzelungskampagne seinem politischen Gegner Björn Engholm (SPD) schaden wollen. Knapp zwei Stunden später bezieht Barschel Stellung. Er dementiert, bezeichnet die Anschuldigungen seines Medienreferenten Reiner Pfeiffer als "erstunken und erlogen". Ausschnitte der Pressekonferenz werden in den Abendnachrichten im Fernsehen gezeigt. In wenigen Stunden werden die Wahllokale ihre Türen öffnen. Wie werden die Schleswig-Holsteiner auf die angeblichen Enthüllungen reagieren?

"Spiegel"-Titelbild von 1987 mit Uwe Barschel © "Spiegel"-Verlag

Panorama vom 15. September 1987

Panorama -

Das Polit-Magazin berichtet kurz nach den Enthüllungen im "Spiegel" über die Hintergründe der Barschel-Affäre.

Angriff auf Engholms Privatleben

Was sich wie die Handlung eines Polit-Krimis liest, beginnt bereits im Januar 1987. Die CDU steht vor einem harten Wahlkampf im nördlichsten Bundesland der Republik, denn die SPD ist mit ihrem charismatischen Spitzenkandidaten Björn Engholm zu einem ernst zu nehmenden Gegner geworden. Erstmals seit 1950 könnten die Christdemokraten ihre absolute Mehrheit im Landtag einbüßen. Ministerpräsident Barschel sucht einen Medienreferenten als Unterstützung - und bekommt vom Axel-Springer-Verlag den Journalisten Reiner Pfeiffer empfohlen.

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Reiner Pfeiffer behauptet, von Uwe Barschel den Auftrag für die Aktionen gegen Engholm erhalten zu haben.

Der schreitet sogleich zur Tat und erstattet - angeblich mit einem von Barschel diktierten Brief - anonym Anzeige wegen Steuerhinterziehung gegen Engholm. Die Steuerakte des SPD-Politikers wird überprüft und für völlig korrekt befunden. Im Februar beauftragt Pfeiffer dann eine Bremerhavener Detektei mit der Bespitzelung Engholms. Ziel ist es, etwaige homosexuelle Neigungen oder außereheliche sexuelle Ausschweifungen des Herausforderers aufzudecken. Schließlich ruft Pfeiffer bei Engholm zu Hause an. Er gibt sich als Arzt Dr. Wagner aus und konfrontiert den Politiker mit der Behauptung, er habe Hinweise auf dessen angebliche Aids-Erkrankung. Sogar eine Telefonwanze versucht Pfeiffer zu beschaffen. Sie soll im Büro von Barschel platziert werden, um daraufhin der Opposition einen Abhörskandal in die Schuhe zu schieben. Keine der Aktionen führt zu dem gewünschten Ergebnis. Der Plan, Engholm zu diskreditieren, scheitert.

Erste Nachrichten über Bespitzelungen

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SPD-Politiker Björn Engholm sollte mit gezielten Bespitzelungen und Verleumdungen diffamiert werden.

Eine Woche vor der Wahl beginnt die Enthüllung der Machenschaften. Im Gespräch mit einem "Spiegel"-Redakteur erzählt Engholm von einigen gegen ihn gerichteten Maßnahmen, bittet den Journalisten aber um Verschwiegenheit. Doch auch ein anderer SPD-Mann - Klaus Nilius, Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion - spricht mit der "Spiegel"-Redaktion und berichtet von den Aktionen gegen den SPD-Kandidaten. Am 7. September bringt das Hamburger Nachrichtenmagazin den ersten Artikel über schmutzige Tricks im Kieler Wahlkampf. In Anlehnung an den "Watergate"-Skandal um US-Präsident Richard Nixon bekommen die Vorgänge im hohen Norden den Namen "Waterkantgate".

Über Reiner Pfeiffers Aktivitäten ist zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt. Doch das ändert sich schnell. Bereits am 9. September packt Pfeiffer aus. Während eines von Nilius organisierten Gesprächs mit "Spiegel"-Redakteuren schildert Barschels Medienreferent unter eidesstattlichen Versicherungen die illegalen Aktivitäten gegen Engholm. Dazu legt er als Beweismittel angebliche handschriftliche Notizen Barschels vor - und kassiert 165.000 Mark. Trotz besonderer Vorsichtsmaßnahmen sickern Details der Titelgeschichte durch und werden am Vortag der Wahl bundesweit bekannt. Der "Spiegel" sieht sich in der Folge mit dem Vorwurf konfrontiert, mit dem Bekanntwerden der Barschel-Pfeiffer-Affäre am Vorabend der Wahlen Einfluss auf deren Ausgang genommen zu haben.

Barschel: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!"

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03:32

Die Ehrenwort-Lüge

NDR Kultur

Am 18. September 1987 streitet Barschel in einer Pressekonferenz ab, seinen Kontrahenten Björn Engholm bespitzelt zu haben. Audio (03:32 min)

Die Landtagswahl am 13. September 1987 endet mit einem Desaster für Barschel. Seine CDU, die 1983 noch mit 49 Prozent der Wählerstimmen die absolute Mehrheit errungen hatte, kommt lediglich auf 42,6 Prozent. Wahlsieger ist die SPD mit 45,2 Prozent. Doch Barschel gibt sich noch nicht geschlagen. Am 18. September erklärt er auf einer Pressekonferenz: "Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort - ich wiederhole: Ich gebe Ihnen meine Ehrenwort! - dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind." In den folgenden Tagen jedoch verliert Barschel jeglichen Rückhalt in seiner Partei und tritt am 2. Oktober als Ministerpräsident Schleswig-Holsteins zurück.

Untersuchungsausschuss bestätigt Mitwisserschaft Barschels

Der schleswig-holsteinische Landtag setzt einen Untersuchungsausschuss ein. Im Zuge der Ermittlungen wird Barschel durch mehrere Zeugen schwer belastet. Im Abschlussbericht kommt der Ausschuss im Februar 1988 zu dem Ergebnis, dass Barschel von zahlreichen Aktivitäten Pfeiffers Kenntnis hatte oder eine Mitwisserschaft zumindest wahrscheinlich sei. Gleichzeitig wird deutlich, dass mehrere SPD-Politiker seit Längerem Informationen von Pfeiffer bekommen hatten. Am 12. Oktober soll Barschel vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Der Politiker wird jedoch am 11. Oktober tot in einem Genfer Hotel aufgefunden.

SPD gewinnt bei Neuwahl die absolute Mehrheit

Wahlergebnisse

Landtagswahl Schleswig-Holstein 1987

CDU 42,6 %
SPD 45,2 %
FDP 5,2 %
Grüne 3,9 %
SSW 1,5 %
Sonst. 1,6 %

Landtagswahl Schleswig-Holstein 1988

SPD 54,8 %
CDU 33,3 %
FDP 4,4 %
Grüne 2,9 %
SSW  1,7 %
NPD 1,2 %

Eine neue Landesregierung kann zunächst nicht gebildet werden. Das Wahlergebnis führt zu einem Patt im Landtag. Eine Koalition aus CDU und FDP sowie ein Bündnis der SPD mit dem SSW-Abgeordneten Meyer liegen gleichauf. Da dieser sich weigert, einem CDU-Kandidaten seine Stimme zu geben, ist eine Neuwahl nötig. Die Amtsgeschäfte übernimmt zunächst Barschels bisheriger Stellvertreter Henning Schwarz (CDU). Aus der Neuwahl am 8. Mai 1988 geht die SPD mit 54,8 Prozent als Wahlsieger hervor. Am 31. Mai wählt der Landtag Engholm zum Ministerpräsidenten. Fünf Jahre später kommt heraus, dass Engholm entgegen früherer Beteuerungen schon während des Wahlkampfes 1987 von den Machenschaften Pfeiffers wusste. Er tritt zurück.

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Der mysteriöse Tod Uwe Barschels

Am 11. Oktober 1987 wurde Uwe Barschel tot in einem Genfer Hotel aufgefunden. Wie und warum starb der CDU-Politiker? Ein Überblick über Mord- und Selbstmordtheorien. (10.10.2012 ) mehr

"Mein Schreibtisch in der Staatskanzlei wurde ausgeräumt"

17.09.2007 21:00 Uhr

Reiner Pfeiffer, Uwe Barschels ehemaliger Medienreferent, gibt Barschel die Schuld an der Bespitzelung Björn Engholms. Beweise kann er aber nicht vorlegen. Ein Interview. mehr

00:55

"Der CDU hat die Barschel-Affäre sehr geschadet"

Altkanzler Helmut Kohl berichtet von einem Uwe Barschel, der Kanzler werden wollte - und seiner Partei großen Schaden zufügte. (18.09.2007) Video (00:55 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.04.2011 | 09:20 Uhr

Der Fall Barschel: Polit-Skandal und Tod

Einen Tag vor der Schleswig-Holstein-Wahl am 13. September 1987 platzt die Bombe: SPD-Kandidat Engholm wurde im Wahlkampf ausspioniert. Wusste Ministerpräsident Barschel davon? mehr

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