Stand: 15.11.2012 09:41 Uhr

1982: RAF-Terrorist Klar geht in die Falle

von Janine Kühl, NDR.de
Christian Klar gilt als einer der Köpfe der zweiten Generation der RAF. Er wird 1985 wegen neunfachen Mordes verurteilt.

16. November 1982. Um die Mittagszeit schließt ein Mann in einem blauen Jogginganzug sein grünes Fahrrad in der Nähe der S-Bahn-Station Friedrichsruh an. Alles deutet darauf hin, dass die Person im Sachsenwald östlich von Hamburg eine Joggingrunde drehen möchte. Doch stattdessen begibt sich der Mann abseits der Wege tief ins Unterholz einer Tannenschonung. Dort, am Rande eines versteckten Erdlochs, schnappt die Falle zu. Polizeieinheiten aus Schleswig-Holstein und Hamburg überwältigen Christian Klar, den national und international gesuchten Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF).

Drei Terroristen innerhalb weniger Tage gefasst

Bereits wenige Tage zuvor, am 11. November 1982, hat die Polizei mit Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz zwei weitere Mitglieder der RAF festgenommen. Die beiden Frauen gehen dem Bundeskriminalamt an einem Zentraldepot der Terroristen bei Frankfurt ins Netz. Bei den Frauen findet die Polizei einen Codierungsschlüssel zu einem Lageplan, den die Beamten bereits Ende Oktober 1982 im Frankfurter Stadtwald entdeckt hatten. Hierauf ist auch das Erddepot "Daphne" im Sachsenwald verzeichnet. In dem Versteck lagern etwa 90 falsche Pässe, zahlreiche Waffen sowie mehr als 10.000 DM.

Neue Infrarot-Technik im Einsatz

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Die Polizei spürt Christian Klar mithilfe eines Detektors auf. Er lässt sich ohne Gegenwehr festnehmen.

In dem weitläufigen Waldgebiet bei Hamburg geht die Polizei mit äußerster Vorsicht vor und bedient sich zudem einer neuen Technik. Dank eines Infrarot-Detektors, der auf Körperwärme reagiert, können die Beamten der Sondereinheiten in einiger Entfernung zum Depot tagelang auf den Gesuchten warten, bis der Detektor schließlich am 16. November gegen 13.15 Uhr anschlägt. Nach dem Aufruf "Hände hoch" wirft sich Klar sofort zu Boden und lässt sich ohne Gegenwehr festnehmen. Er führt einen dänischen Pass mit sich, der ihn als Martin Barbarossa Wymand ausweist. Doch die Fingerabdrücke beweisen: Es handelt sich tatsächlich um Christian Klar. Der damals 30-Jährige gilt zusammen mit Mohnhaupt und seiner Freundin Schulz als Kopf der sogenannten zweiten Generation der RAF und ist dringend verdächtig, an den Morden und Anschlägen im Deutschen Herbst 1977 beteiligt gewesen zu sein.

Bei Klar findet die Polizei eine geladene und entsicherte Pistole. Zunächst gibt es Gerüchte, dass sich eine zweite Person in der Nähe aufgehalten habe. Nach einer erfolglosen Suche in dem abgesperrten Gebiet im Sachsenwald erklärt die Polizei jedoch, dass der Festgenommene allein gewesen sei.

Die Vorwürfe gegen Klar

5. Januar 1977: Versuchter Mord an einem Schweizer Grenzbeamten und einem Autofahrer
7. April 1977: Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinem Fahrer und seinem Leibwächter
30. Juli 1977: Mord an Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank
25. August 1977: Versuchter Raketenanschlag auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft
5. September 1977: Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, Mord am Fahrer und an drei Leibwächtern
18. Oktober 1977: Ermordung Hanns Martin Schleyers
19. November 1979: Banküberfall in Zürich/Schweiz, Schüsse auf Polizisten
15. September 1981: Anschlag auf Frederick J. Kroesen, den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Europa

Klar in der Falle: Unvorsichtigkeit oder Absicht?

Warum Klar das hohe Risiko in Kauf nimmt, das Depot aufzusuchen, bleibt unklar. Generalbundesanwalt Kurt Rebmann äußert damals: "Christian Klar hat als einstiger Terrorist mit 'geschliffener' Kriminalität erstaunliche Fehler gemacht. Nach der Enttarnung der Code-Lagekarte der RAF-Depots hätte er unter normalen Umständen niemals das Hamburger Versteck aufsuchen dürfen." Viele Ermittler vermuten, dass Klars Durchhaltewillen gebrochen ist. Oder dass er Geld, Pässe und Waffen dringend benötigte und keine andere Möglichkeit sah. Bundesanwaltschaft und BKA halten die RAF aufgrund der Festnahmen von Klar, Mohnhaupt und Schulz für geschwächt.

Wegen neunfachen Mordes verurteilt

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Christian Klar wird 1983 als Zeuge in einem weiteren RAF-Prozess in Stuttgart-Stammheim vorgeladen.

Nach seiner Festnahme sitzt Klar zunächst in Hamburg in Untersuchungshaft, bevor er in die Justizvollzugsanstalt Bruchsal überführt wird. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilt Klar im April 1985 wegen neunfachen, gemeinschaftlich begangenen Mordes und elffachen Mordversuchs zunächst zu fünfmal lebenslänglich und zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Das Gericht wirft dem Angeklagten die Beteiligung an allen Taten der RAF seit 1977 vor. In einem weiteren Prozess wird Klar 1992 erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. 1997 entscheidet das Oberlandesgericht, dass Klar mindestens 26 Jahre in Haft bleiben muss.

Vom Wehrdienstverweigerer zum RAF-Terroristen

Erstmals ist Klar 1974 ins Visier der Polizei geraten, als er sich zusammen mit Schulz an der Besetzung der Hamburger Büros von Amnesty International beteiligt. Ziel der Aktion ist, auf die Haftbedingungen der RAF-Terroristen hinzuweisen. 1976 schließt sich Klar der RAF an. Dabei hat der Sohn aus gutbürgerlichem Haus nach dem Abitur den Wehrdienst mit der Begründung verweigert, er wolle niemals eine Waffe gegen einen anderen Menschen richten. Der gebürtige Freiburger studiert zunächst Politologie und Philosophie, bevor er sich 1976 der RAF anschließt und zu einem der meist gesuchten Terroristen der Bundesrepublik wird.

Debatte um Gnadengesuch und Freilassung

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2007 lehnt Bundespräsident Horst Köhler ein Gnadengesuch Christian Klars ab.

Zweimal richtet Klar ein Gnadengesuch an einen Bundespräsidenten: 2003 an Johannes Rau und 2007 an Horst Köhler, der den Häftling sogar zu einer persönlichen Anhörung trifft. Beide Präsidenten lehnen eine Begnadigung ab. Als bekannt wird, dass der RAF-Terrorist Anfang 2009 nach 26 Jahren aus der Haft entlassen werden soll, entflammt eine öffentliche Debatte über diesen Schritt. Kritiker werfen Klar, der bis zur Selbstauflösung der RAF 1998 deren Mitglied bleibt, fehlende Reue und mangelndes Unrechtsbewusstsein vor. "Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere die Gefühle, aber ich mache sie mir nicht zu eigen", erklärt Klar 2001 in einem Fernsehinterview.

Christian Klar wird am 19. Dezember 2008 aus der Justizvollzugsanstalt Bruchsal entlassen. Aus Protest dagegen gibt Jürgen Vietor, Co-Pilot während der Flugzeugentführung der "Landshut" durch RAF-Sympathisanten im Jahr 1977 nach Mogadischu, sein Bundesverdienstkreuz zurück.

Stichwort: RAF

Die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet sich im Frühjahr 1970 um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Einige Medien bezeichnen die Gruppe zunächst als "Baader-Meinhof-Bande". Die Wurzeln der RAF reichen in die Studentenbewegung der späten 60er-Jahre, ihre exakte Verbindung ist jedoch unter Historikern umstritten.
Ein zentraler Begriff im Selbstverständnis der Gruppe ist "Stadtguerilla" in Anlehnung an revolutionäre Vereinigungen in Lateinamerika. Ihr gemeinsames Ziel: Veränderung des politischen Systems durch eine kleine Gruppe - auch mit Gewalt.
Einer Serie von Raubüberfällen folgt im Mai 1972 der erste Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Kurz danach gibt es weitere Anschläge; unter anderem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlages in Hamburg. Innerhalb weniger Monate nehmen die Ermittler nahezu alle Mitglieder der RAF fest.

Während den Anführern der Gruppe 1975 in Stuttgart-Stammheim der Prozess gemacht wird, verübt die "Zweite Generation" der RAF immer brutalere Anschläge. Seinen Höhepunkt erreicht der Terror 1977 während des sogenannten Deutschen Herbstes, der mit der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September beginnt. Wochenlang halten die Terroristen das Land in Atem. Am 19. Oktober 1977 wird Schleyer ermordet aufgefunden. Er ist einer von 34 Toten, die auf das Konto der RAF gehen. Einen Tag zuvor hatten sich die drei führenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim offenbar selbst getötet.
Eine "Dritte Generation" ändert Anfang der 80er-Jahre die Strategie und will die RAF internationalisieren. Das Morden geht dabei weiter. Erst 1998 erklärt sich die RAF für aufgelöst.

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