Stand: 21.07.2015 11:01 Uhr

Mit Volldampf über die Insel

von Carina Werner

Wilhelm von Humboldt nannte seine Reise durch Rügen eine Qual. Johannes Brahms wetterte über die schlechten Verkehrsmöglichkeiten. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts ist Deutschlands größte Insel verkehrstechnisch schlecht angeschlossen. Holperige Landstraßen erschweren den Touristen das Vorwärtskommen - und den Einheimischen ohnehin. Da es weder einen regulären Fährbetrieb noch Brücken gibt, ist Rügen vom Rest der Welt weitgehend abgeschnitten.

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Ab 1883 war Rügen, hier der Hafen von Sassnitz, vom Festland aus per Schiff zu erreichen.

Das ändert sich: 1863 wird die Eisenbahnverbindung von Berlin nach Stralsund eröffnet. Von nun an ist auch eine Verlängerung über den Strelasund nach Rügen im Gespräch. 1883 wird nicht nur der Fährverkehr zum Festland aufgenommen, sondern auch die erste Eisenbahnverbindung auf Rügen, zwischen Altefähr im Süden und Bergen im Zentrum.

"Mit Gott per Dampf quer durch die Insel" steht auf der Lokomotive des Eröffnungszuges. 1891 wird die Strecke nach Sassnitz verlängert. "Nach Rügen reisen heißt nach Sassnitz reisen" schwärmt Theodor Fontane. Die Route vom Festland über Bergen bis nach Sassnitz avanciert auf Rügen zur Hauptverkehrsader.

Zuckerrüben und Touristen

1889 geht auch eine Eisenbahn von Altefähr nach Putbus in Betrieb, die vor allem landwirtschaftlichen Zwecken dient. An weiteren Strecken auf der Insel hat der preußische Staat allerdings wenig Interesse. In ländlichen Gegenden gilt die Ausweitung des Schienennetzes als unrentabel. Doch auf Rügen, wie auch in anderen dünn besiedelten Gegenden Deutschlands, gibt es zahlreiche Menschen, die sich für den Ausbau der Eisenbahn brennend interessieren: um landwirtschaftliche Produkte schneller zu transportieren, die Einheimischen zum weit entfernten Arzt oder zur Arbeit zu bringen und um den Tourismus anzukurbeln.

Werben für die Rügener Kleinbahn

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Schmalspurbahnen sind Ende des 18. Jahrhunderts beliebt, weil ihr Bau politisch gefördert wird.

1892 hält der Rügener Kreisbaumeister Ohnesorge einen "Vortrag über Tertiärbahnen für die Insel Rügen" vor großem Publikum. Er wirbt für den Ausbau der Rügener Bahnstrecken, vor allem, um den schnellen, massenhaften Transport von Zuckerrüben zu gewährleisten, der "auf Landwegen so gut wie unmöglich" ist. Der Kreisbaumeister befürwortet eine Schmalspurbahn, da diese in Bau und Betriebsführung weitaus günstiger ist.

Schmalspurbahnen zählen zu den "Tertiärbahnen" oder auch Kleinbahnen und sind in der Regel halb so schmal wie normalspurige Bahnen. Ende des 19. Jahrhunderts kommen Schmalspurbahnen, ob im Harz, in Sachsen oder im Ruhrgebiet, in ganz Deutschland in Mode. Dazu trägt auch das Preußische Kleinbahngesetz bei, das 1892 verabschiedet wird. Das neue Gesetz sieht für den Bau von Tertiärbahnen vereinfachte technische Anforderungen vor sowie finanzielle Unterstützung.

Bahn frei für den "Rasenden Roland"

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Mit Volldampf durch Rügens Bilderbuchlandschaft: der "Rasende Roland" 1995.

Das Werben von Ohnesorge hat Erfolg: Die 1890 gegründete Rügensche Kleinbahn-Aktiengesellschaft, kurz RüKB, beschließt, auf der Insel ein weitverzweigtes Streckennetz für schmalspurige Bahnen mit 750 Millimetern Spurweite zu errichten. Bau und Betriebsführung übernimmt die Stettiner Firma Lenz & Co., die im Wilhelminischen Reich zum wichtigsten Kleinbahn-Unternehmen Deutschlands aufsteigt. 1895 errichten Bauarbeiter, die auch aus Russland angeheuert werden, die erste Strecke von Putbus bis in den 10,8 Kilometer entfernten aufstrebenden Badeort Binz.

Harte Sitzbänke und ein Plumpsklo - für heutige Verhältnisse bietet die Rügener Kleinbahn nicht gerade viel Komfort. Doch das tut der Jungfernfahrt des "Rasenden Rolands", wie die Bahn frei nach dem berühmten italienischen Epos genannt wird, keinen Abbruch. Am 21. Juli 1895 ruckelt die dampfbetriebene Bahn zum ersten Mal von Putbus nach Binz-Ost, durch endlose Felder und Wiesen.

Das Schienennetz wächst schnell

Ein Jahr später sind bereits die Schienenstrecken nach Sellin und Altefähr fertiggestellt. Binnen weniger Jahre baut die Rügensche Kleinbahn-Aktiengesellschaft das Streckennetz auf 97,3 Kilometer aus und verbindet so die Bahnhöfe von Altefähr, Stralsund, Göhren, Altenkirchen, Bergen und Kap Arkona miteinander. Nicht nur der "Rübenverkehr", auch der Tourismus erlebt, vor allem an der Ostküste Rügens, eine ungeahnte Blüte. Zwischen 1901 und 1916 verkehren zwischen Binz und Putbus sogar "Theaterzüge", die die Gäste von den Badeorten zum Theater bringen.

Der Niedergang der Schmalspurbahnen

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Nostalgische Dampflokomotiven und Waggons fahen heute Touristen über die Insel.

Ab den Zwanzigerjahren, als immer mehr Lkw, Busse und Kleinwagen die asphaltierten Straßen bevölkern, verlieren die Schmalspurbahnen als Transportmittel an Bedeutung. Vor allem in den späten Sechzigerjahren werden viele der einstigen Streckenabschnitte stillgelegt - auch auf Rügen.

Heute sind lediglich 24,1 Kilometer des einstigen Streckennetzes übrig. Doch der "Rasende Roland", mittlerweile betrieben von der Rügenschen BäderBahn, dampft und schnauft noch immer: Mit maximal 30 Stundenkilometern fährt er im Zweistundentakt von Lauterbach über Putbus, Binz, Sellin und Baabe nach Göhren. Längst wird die Bahnstrecke nicht mehr für den Güterverkehr benutzt, sondern als reine Touristenattraktion - mit nostalgischen Dampflokomotiven und Waggons.

Weitere Informationen

Rügen mit dem Rasenden Roland entdecken

Wer Rügen auf gemütliche Art entdecken möchte, sollte in den "Rasenden Roland" steigen. Die Schmalspurbahn ist mit maximal Tempo 30 unterwegs. Nostalgie pur - seit gut 120 Jahren. mehr

Dieses Thema im Programm:

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