Stand: 26.02.2015 11:33 Uhr  | Archiv

18. Juni 1984: Dioxinskandal schockt Hamburg

von Irene Altenmüller, NDR.de

Ein riesiger Parkplatz im Süden Hamburgs: Hunderte Lastwagen parken auf der Asphaltfläche an der Andreas-Meyer-Straße im Hamburger Stadtteil Moorfleet. Wer das Gelände betritt, steht auf einer der giftigsten Altlasten der Bundesrepublik. Pumpen fördern stündlich rund 20 Kubikmeter verseuchtes Grundwasser nach oben, eine Abwasserreinigungsanlage auf dem Gelände scheidet das Gift ab - sie arbeitet Tag und Nacht.

Die Boehringer-Werkshallen in Moorfleet in den 70er-Jahren. Als Abfallprodukte entstanden dort tonnenweise Dioxine.

Dort, wo sich heute Lkw zum Verkauf aneinanderreihen, standen bis in die 90er-Jahre die Fabrikhallen des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim. Das Unternehmen verursachte einen der größten Umweltskandale in der Geschichte der Bundesrepublik, bis heute befinden sich mehr als 100 Tonnen Dioxin und andere Umweltgifte im Boden und im Grundwasser unter der 85.000 Quadratmeter großen Freifläche. In einer sogenannten Fahne - das sind die Grundwasserströme außerhalb des Werksareals - hat sich das Gift im Boden über eine Fläche von bis zu 1.000 Metern weiter verteilt.

18. Juni 1984: Chemie-Werk Boehringer muss schließen

Wie konnte es dazu gekommen? Ein Rückblick: Am 18. Juni 1984 muss das Werk des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim in Hamburg-Moorfleet schließen - die Fabrik kann Auflagen der Umweltbehörde nicht erfüllen. Wenige Wochen davor waren auf Altlasten-Deponien auf der Veddel und in Georgswerder Dioxin verseuchte Abfälle gefunden worden, die nachweislich von Boehringer stammen. Der Fall erregt bundesweit Aufsehen: Zum ersten Mal lässt eine deutsche Behörde einen großen Chemiebetrieb aus Gründen des Umweltschutzes schließen.

Video
03:55 min

Hamburg damals: Dioxin-Skandal

Hamburg Journal

Der damalige Hamburger Umweltsenator Wolfgang Curilla blickt auf den Dioxin-Skandal im Jahr 1984 zurück. Video (03:55 min)

Dioxine breiten sich aus

Doch die Schließung kommt zu spät, das Gift ist bereits überall: im Boden, im Grundwasser, in der Luft, in der Milch der Kühe, die in der Umgebung grasten - und in den Körpern der Boehringer-Mitarbeiter. Viele von ihnen waren dem Dioxin ungeschützt ausgesetzt. Insgesamt sind rund 1.600 Boehringer-Arbeiter betroffen, zuletzt arbeiteten noch 240 Mitarbeiter in dem Werk in Moorfleet. Viele von ihnen erkranken in den Folgejahren an Krebs oder anderen Krankheiten, die mit Dioxin in Verbindung gebracht werden.

Ein Abschlussbericht aus dem Jahr 2011 konstatiert für die untersuchten Boehringer-Arbeiter nüchtern eine "signifikant erhöhte Mortalitätsrate" sowie "ein erhöhtes Risiko" an bösartigen Neubildungen" zu erkranken. Bei Frauen sei vor allem das "Risiko an Brustkrebs zu versterben, erhöht". Einer frühere Studie zufolge, die der Hamburger Senat 1991 veröffentlichte, erkrankten Arbeiter, die 20 Jahre bei Boehringer beschäftigt waren, doppelt so häufig an Krebs wie der Durchschnittsbürger.

Erste Mitarbeiter erkranken in den 50er-Jahren

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Auch auf die Mülldeponie in Georgswerder - heute der "Energieberg" - gelangten Giftstoffe des Boehringer-Werks.

Dioxine sind äußerst langlebig und reichern sich in den Körpern von Menschen, Tieren und in Pflanzen an, zersetzen lassen sie sich nur durch sehr hohe Temperaturen. Sie sind Abfallprodukte, die bei verschiedenen Produktionsprozessen entstehen, bei Boehringer etwa bei der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln. Schon 1953 waren bei Boehringer in Hamburg die ersten Arbeiter an der sogenannten Chlorakne, einer typischen Erscheinung einer Dioxin-Vergiftung, erkrankt.. Boehringer lässt die Produktion vorübergehend stoppen, nimmt jedoch 1957 mit einem neuen, als unbedenklich beurteilten Verfahren die Produktion erneut auf. Die dioxinhaltigen Produktionsabfälle schafft das Unternehmen auf die Altlasten-Deponie an der Müggenburger Straße auf der Veddel, später auf die Mülldeponie in Georgswerder.

"Prometheus" soll die Dioxine verbrennen

Der jahrzehntelange, sorglose Umgang mit den Giftstoffen rächt sich nach der erzwungenen Schließung: Rund 1.000 Tonnen Gift lagern in Fässern auf dem Werksgelände, hinzu kommen die dioxinlastigen Abfälle auf den Deponien. Was tun gegen das Gift, das bereits metertief in das Erdreich eingedrungen ist? Im November 1984 gründet Boehringer die Tochterfirma Dekonta, die Pläne zur Sanierung des Werksgeländes entwickelt. Das Unternehmen lässt die Hochtemperaturverbrennungsanlage "Prometheus" entwickeln. Sie soll den belasteten Boden auf 800 Grad erhitzen, sodass die Schadstoffe zunächst verdampfen und in einer zweiten Brennkammer bei Temperaturen um 1.200 Grad zersetzt werden können. Bis zu vier Meter tief wird der Boden ausgehoben, Pumpen sollen das verseuchte Grundwasser nach oben befördern, wo es gereinigt werden soll.