Stand: 14.02.2012 10:56 Uhr

15. Februar 1972: Tod in der eisigen Elbe

von Axel Franz, NDR.de

Es ist ein kalter Wintermorgen am 15. Februar 1972, im Hamburger Hafen treiben Eisschollen auf der Elbe. An den Schiffsanlegern zwischen Landungsbrücken und Sandtorhöft herrscht seit 6 Uhr Hochbetrieb. Wie an jedem Morgen starten Barkassen im Minutentakt, um Menschen zu ihren Arbeitsplätzen am anderen Ufer der Elbe zu bringen. Allein rund 6.000 Schauerleute, oft Tagelöhner, die Frachtschiffe be- und entladen, müssen auf das Hafengelände.

Zeitungen berichten ausführlich über das Unglück. Das "Hamburger Abendblatt" zeigt ein Foto von der Bergung der "Cäsar II".

Routine also für die Kapitäne der Barkassen, die über die Elbe pendeln. Zu ihnen gehört auch Rudolf Hierl mit seiner "Cäsar II". 45 Männer sind an Bord, als er an diesem Dienstag gegen 6.45 Uhr die Leinen am Baumwall losmacht. Mit seinem Schiff zieht er eine Kurve, steuert auf das Fahrwasser der Norderelbe zu - wie immer.

Das Unglück nimmt seinen Lauf

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Das Traditionsschiff "Kirchdorf" der HADAG gehört zur selben Baureihe wie die Unglücksfähre "Eppendorf".

Wenige Hundert Meter elbaufwärts hat kurz zuvor die Fähre "Eppendorf" der HADAG (Hafendampfschiffahrt-Actien-Gesellschaft) abgelegt. Noch ohne Passagiere an Bord steuert Kapitän Robert Marschatz auf die Landungsbrücken zu, dann soll es weitergehen nach Waltershof. Doch dazu kommt es an diesem Morgen nicht. Minuten später rammt die "Eppendorf" mitten auf der Elbe die "Cäsar II". Das deutlich größere Fährschiff trifft die Barkasse an der Seite, schiebt sie einige Meter vor sich her und drückt sie dann mit dem Heck unter Wasser. Alles geht blitzschnell. Augenzeugen erinnern sich später an keinerlei Rettungsaktionen. Niemand hat Zeit, zu den Rettungsringen oder -westen zu greifen. Die Barkasse versinkt in der eiskalten Elbe, die an dieser Stelle elf Meter tief ist.

Verzweifelter Überlebenskampf im Eiswasser

Stichwort: Barkasse

Die kleinen Schiffe gehörten von der Jahrhundertwende bis in die 1970er-Jahre zum Alltag in Hamburg. Sie transportierten Waren und Passagiere innerhalb des Hafens. Die flachen, teilweise nur gut zehn Meter langen Schiffe sind im Bereich hinter dem Steuerhaus offen. Vielfach stand auch der Schiffsführer im Freien. Heute werden Barkassen fast ausschließlich für Hafenrundfahrten eingesetzt.

Männer, die sich aus dem teilweise offenen Boot befreien konnten, schwimmen im Wasser. In der Dämmerung sind sie kaum zu erkennen. Sofort beginnt eine groß angelegte Rettungsaktion. Schiffsführer anderer Barkassen, die den Unfall beobachtet haben, kommen zu Hilfe, kreisen die Unfallstelle ein. Um 6.52 Uhr erreicht der erste Notruf die Feuerwehrzentrale. Fahrzeuge an Land und ein Löschboot starten in Richtung Landungsbrücken. Jede Minute zählt, denn in dem kaum ein Grad kalten Wasser können Menschen nur kurze Zeit überleben. Die Männer klammern sich verzweifelt an die Schiffe, werden mit Tampen und Bootshaken an Bord gezogen. Lichtkegel von Suchscheinwerfern kreisen über die Elbe und treffen immer wieder auf verzweifelt ums Überleben Kämpfende. Polizei- und Löschboote treffen ein, in der Luft steht ein Hubschrauber. Inzwischen suchen auch Taucher am Grund der Elbe im Wrack der "Cäsar II" nach Überlebenden - ohne Erfolg.

28 Menschen entkommen dem Tod

Als die Rettungsaktion Stunden später eingestellt wird, haben die Helfer 28 Personen lebend aus dem Wasser gezogen, darunter auch Barkassen-Kapitän Hierl. Die Zahl der Toten ist noch unklar, erst fünf Leichen wurden geborgen. Als die "Cäsar II" noch am selben Tag gehoben wird, besteht kein Zweifel mehr: 17 Schauerleute sind ertrunken. Damit ist der Zusammenstoß das schwerste Schiffsunglück im Hamburger Hafen seit dem Zweiten Weltkrieg. Erst neun Wochen nach dem Unfall wird des letzte Opfer gefunden. Die Leiche des 41 Jahre alten Arbeiters hatte sich an der Uferböschung beim Holthusenkai nahe der Elbbrücken verfangen.

Seeamt klärt die Schuldfrage

Schiffsführer Hierl muss sich vom 5. April an vor dem Seeamt Hamburg verantworten, das die Unfallursache klären soll. In der Verhandlung wird deutlich, dass es in der morgendlichen Rushhour auf der Elbe stets eng wird. Auch am Unglückstag fuhren mehrere Barkassen gleichzeitig im Pulk auf das Fahrwasser in der Elbmitte zu. Während die anderen Schiffsführer offenbar die nahende Fähre bemerkten und parallel zu ihr blieben, muss Hierl sie übersehen haben. Er zog sein Schiff nach links, um den Fluss zu überqueren. In diesem Moment sei die "Eppendorf" in 40 Meter Entfernung "wie ein Schatten" aufgetaucht, sagt der Mann mit 20 Jahren unfallfreier Berufserfahrung in der Verhandlung. Auch dem Kapitän der HADAG-Fähre, ebenfalls ein erfahrener Seemann, bleiben nur Sekundenbruchteile um zu reagieren. Beide Schiffsführer versuchen den Zusammenstoß zu vermeiden, doch so abrupt lassen sich Schiffe weder lenken noch stoppen. Das Seeamt spricht Hierl die Schuld an dem Unfall zu. Er habe nicht sorgfältig genug geprüft, ob sich ein vorfahrtsberechtigtes Schiff nähere.

Bewährungsstrafe für den Barkassenführer

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Heute werden Barkassen überwiegend für Hafenrundfahrten eingesetzt.

Rund ein Jahr später bestätigt ein Schöffengericht diesen Spruch und verurteilt den 55-Jährigen zu acht Monaten Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung in 17 Fällen. Rudolf Hierl steht zu dieser Zeit bereits wieder am Ruder seiner "Cäsar II". Das Schiff war nur wenig beschädigt und wieder instand gesetzt worden. Die "Eppendorf" kollidiert gut acht Jahre später erneut mit einer Barkasse, ein Mensch stirbt bei dem Unfall. 1989 verkauft die HADAG das Schiff nach Israel.

In den Hamburger Medien findet der schwere Unfall von 1972 ein breites Echo. Die Frage kommt auf, ob die Sicherheitsvorschriften im Hafen verschärft werden müssen. Neue Regelungen werden jedoch nicht erlassen. Erst 1987, als zunehmend Touristen auf Barkassen durch den Hafen fahren, verabschiedet der Senat eine neue Verordnung zur Personenbeförderung.

Karte: Zusammenstoß im Hamburger Hafen

Dieses Thema im Programm:

04.10.1984 | 19:25 Uhr

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