Stand: 01.03.2012 12:52 Uhr

1. März 1952: Helgoland ist wieder deutsch

"Hisst Flagge!" - mit diesen Worten ist am 1. März 1952, fast sieben Jahre nach dem Ende des Naziregimes, auch für Helgoland der Krieg endgültig vorbei. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Friedrich-Wilhelm Lübke nimmt die Insel feierlich in Besitz. Am Südhafen der Hochseeinsel wehen die bundesdeutsche, die Helgoländer und die schleswig-holsteinische Flagge. Schon in der Nacht haben Helgoländer Fischer mit grünen, roten und weißen Signalfeuern - den Farben der Inselflagge - die neue Ära eingeläutet. Auf dem Festland läuten die Kirchenglocken - Helgoland gehört wieder zu Deutschland.

Feierliche Zeremonie auf einem Trümmerfeld: Zur Übergabe Helgolands an die Bundesrepublik werden die Flaggen gehisst - ein Bild mit Symbolkraft.
Die Proteste zweier Studenten läuten die Rückgabe ein

Was offizielle Eingaben der Bundesrepublik nicht zu bewerkstelligen vermochten, haben zwei Heidelberger Studenten mit einer einsamen Protestaktion erreicht: die Briten zur Rückgabe Helgolands zu bewegen. Kurz vor Weihnachten 1950 setzen der damals 22-jährige René Leudesdorff und der 21-jährige Georg von Hatzfeld in Begleitung zweier Journalisten auf die unbewohnte Insel über. In einer "friedlichen Invasion" besetzen sie den Roten Felsen, hissen die deutsche, die europäische und die Helgoländer Flagge und harren zwei Tage und Nächte in eisiger Kälte inmitten von Trümmern und Bombenkratern aus.

Helgoland schreibt international Schlagzeilen

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Mit Flaggen für eine freie Insel

Gemeinsam mit einem Freund besetzt René Leudesdorff Ende 1950 Helgoland, um für die Rückgabe der Insel zu demonstrieren. Der damals 22-Jährige erinnert sich. mehr

Sie wollen ein Zeichen für ein friedliches Europa und gegen die Wiederbewaffnung setzen und fordern die Freigabe der Insel. Ihre Aktion ist unerwartet erfolgreich: In ganz Europa berichtet die Presse darüber, weitere "Inselbesetzer" folgen in den nächsten Wochen dem Beispiel der beiden Studenten und setzen auf die Insel über. Schon bald nehmen die Briten die Verhandlungen mit der Regierung Adenauer auf. Nur wenige Wochen später, am 21. Februar 1951, beschließt die britische Regierung, die Insel zurückzugeben.

Warum blieben die Briten so lange auf Helgoland?

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Der U-Boot-Bunker, den die Nazis um 1942 erbaut haben, wird im April 1947 gesprengt und komplett zerstört.

Dass Helgoland auch nach Kriegsende in britischer Hand bleibt, ist eine Folge seiner strategisch günstigen Lage in der Nordsee. Ab 1935 ließen die Nationalsozialisten die Insel zur Festung ausbauen, geplant war ein riesiger Flottenstützpunkt. Die Seefestung Helgoland besaß einen Militärflugplatz und ein riesiges Bunkersystem samt U-Bootbunker.

Bombenangriff in den letzten Kriegswochen

Am 18. und 19. April 1945 fliegen die Briten mit 979 Flugzeugen den letzten großen Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs. Ziel ist Helgoland. 285 Menschen, großteils Soldaten, sterben, die meisten Einheimischen können sich in die Bunker retten. Ihre Häuser werden jedoch komplett zerstört. Einen Tag nach den Bombardements wird die Insel evakuiert, die rund 2.500 Helgoländer müssen aufs Festland ziehen. Sie reihen sich ein in Millionen von Vertriebenen, die infolge des Krieges ihre Heimat verlassen müssen. Am 11. Mai besetzen die Briten die Nordseeinsel.

"Operation Big Bang"

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Kilometerhoch steigt die Rauchwolke nach der Sprengung in den Himmel. Es ist die größte Explosion mit konventionellen Sprengstoff in der Geschichte.

Die Helgoländer sind fort, doch auf der menschenleeren Insel lagert weiter Munition, überall gibt es Bunker und andere militärische Anlagen. Die Briten beschließen, mit einer gewaltigen Sprengung sämtliche Militäranlagen zu zerstören. Am 18. April 1947 um 13 Uhr mittags zünden sie rund 6.700 Tonnen Sprengstoff an verschiedenen Stellen der Insel - die größte Explosion mit nicht-nuklearem Sprengstoff in der Geschichte der Menschheit. Eine kilometerhohe Rauchwolke steigt in den Himmel. Bis heute hält sich die Information, dass die Briten mit der "Operation Big Bang" die gesamte Insel sprengen wollten. Historische Unterlagen sprechen dagegen. Demnach geht es den Briten um eine vollständige Zerstörung aller militärischen Anlagen - dass sie dabei auch Teile der Insel selbst zerstören könnten, nehmen sie allerdings billigend in Kauf. Insgesamt verliert Helgoland durch die Sprengung rund 70.000 Quadratmeter.

Nach 1947 gehen die Bombenabwürfe weiter

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Das Helgoländer Oberland Ende der 40er-Jahre. Nur der ehemalige Leitturm für die Flugabwehr bleibt unzerstört.

Auch in den Jahren nach der Sprengung gehen die Briten alles andere als zimperlich mit Helgoland um, das offiziell zum deutschen Staatsgebiet zählt. Die Insel bleibt militärisches Sperrgebiet und dient den Briten fortan als Ziel für Übungsbombardements. Sie ist unbewohnt, liegt weit entfernt vom Festland und doch nah genug, um für die britischen Flieger schnell erreichbar zu sein - ein ideales Trainingsziel für die Luftwaffe. Und so gehen die britischen Bombardements auf bundesdeutsches Staatsgebiet auch nach Kriegsende weiter. Der Bombenhagel zerstört das Inselmassiv immer weiter, tief graben sich die Bombenkrater in den Fels. Einigermaßen intakt bleibt nur der 1938 erbaute Flakleitturm, heute der Leuchtturm der Insel.

Bombentrichter, Trümmer und Geröll

Nach ihrer Rückgabe am 1. März 1952 gleicht die Insel einem Trümmerfeld. Zwar sind die Bomben weitgehend geräumt, Fußwege zwischen den Trümmern sind markiert. Die Post hat einen Briefkasten aufgebaut und eine Funkverbindung hergestellt. Doch die Insel selbst ist nur noch "ein großer Haufen Felsbrocken und Geröll", erinnert sich Leuchtturmwärter Willy Krüss. Viele hätten bei dem niederschmetternden Anblick geweint. "Die gesamte Südspitze war weggesprengt. Überall gab es Bombentrichter und Trümmer - es war schockierend", erzählt der heute 80-jährige Paul Artur Friedrichs, der 1952 als Tischler am Wiederaufbau der Insel mitarbeitete.

"Egal, wie das Haus aussah - man war wieder zu Hause"

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Drei Helgoländer auf dem ersten Besichtigungsrundgang über die Insel am 1. März 1952: Die Hauptstraße ist völlig zerstört.

Doch die Helgoländer Familien, die sieben Jahre auf ihre Heimkehr warten mussten, lassen sich nicht entmutigen: "Wir wussten, irgendwann geht es wieder zurück. Die Hoffnung starb nie. Als das Ziel dann erreicht war, das war schon ein ungeheures Glücksgefühl. Es konnte ganz egal sein, wie das Haus aussah, aber man war wieder zu Hause," erinnert sich Erna Rickmers an diese Tage.

Der Wille zum Wiederaufbau ist groß. Schon im Sommer 1952 kommen die ersten Badegäste auf die Düne, 1962 wird Helgoland Nordseeheilbad. Schon bald entwickelt sich die Hochseeinsel auch wegen der Möglichkeit zum zollfreien Einkaufen zu einem beliebten Touristenziel. Bis zu 500.000 Gäste kommen jährlich. Der Tourismus entwickelt sich zur Haupteinnahmequelle der Insulaner.

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Heute sieht man Helgoland kaum noch an, dass es auf einem Trümmerfeld wiedererrichtet wurde. Nur vereinzelte Betontrümmerteile und überwachsene Bombentrichter erinnern an das Schicksal der Insel. In jüngster Zeit steigt die Zahl der Touristen nach jahrelangem Rückgang wieder leicht an. Doch nachdem der Vorschlag, die Hauptinsel und die Düne durch Landaufschüttung wieder zu vereinen, um so neue touristische Flächen zu gewinnen, am 26. Juni 2011 in einem Bürgerentscheid gescheitert ist, sieht Bürgermeister Jörg Singer seine Insel 60 Jahre nach der Wiederbesiedlung erneut an einem Wendepunkt. Neben dem Tourismus sollen Offshore-Windparks die Zukunft der Insel sichern: "Windenergie wird Helgoland ein neues Standbein bescheren und in den nächsten 60 Jahren eine ganz große Rolle spielen."

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