Stand: 02.08.2013 16:51 Uhr

Wie Schwule in Hamburg verfolgt wurden

von Hanna Grimm, NDR.de

Wenn der 71-jährige Rolf-Mico Kaletta an die Sonntagnachmittage im Café Bohème in den 1950er-Jahren zurückdenkt, strahlen seine Augen. "Das war für mich eine schöne Gelegenheit, einen jungen Mann kennenzulernen", erzählt er. Die Hamburger Bar war damals einer der vielen Orte, wo sich Schwule zum Tanzen trafen - bis zum 4. November 1960. Denn dann erließ das Bezirksamt Mitte das sogenannte Tanzverbot. In den Lokalen Bohème, Capri, Roxi und Stadtkasino war es Männern von da an verboten, miteinander zu tanzen. Eine Hamburger Besonderheit - ein vergleichbares Verbot gab es nirgendwo sonst.

Hamburg: Wie viel schwules Leben war erlaubt?

"Durch das Tanzverbot sollten homosexuelle Cafés unwirtschaftlich gemacht werden", erklärt Ulf Bollmann. Der Archivar des Hamburg Staatsarchivs hat 2013 gemeinsam mit dem Historiker Gottfried Lorenz die Ausstellung "Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945" konzipiert und umgesetzt. 15 Monate haben die beiden Dokumente ausgewertet und Zeitzeugen befragt.

Hamburg: Alles andere als liberal

Die Ausstellung zeigt: Die Vorstellung, dass Hamburg schon immer eine liberale Stadt gewesen sei, ist falsch. "Hier stimmt die Selbstwahrnehmung nicht mit der Wirklichkeit überein", erklärt Historiker Lorenz. "In Hamburg wurde sofort nach dem Krieg die Verfolgung Homosexueller weiterbetrieben." Zwar seien Homosexuelle nicht mehr - wie unter den Nazis - in Konzentrationslager gesteckt worden, aber der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, sei rigoros durchgesetzt worden.

Der Paragraf 175

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragrafen. Die Bundesrepublik Deutschland hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen des § 175 aus der Zeit des Nationalsozialismus fest. Im Jahr 1969 kam es zu einer ersten, 1973 zu einer zweiten Reform des Paragrafen. Erst 1994 wurde er aufgehoben. Insgesamt wurden etwa 140.000 Männer nach § 175 verurteilt, 50.000 von ihnen nach 1949.

Für Rolf-Mico Kaletta ist die große Angst, die er als junger Mensch in Hamburg empfunden hat, heute noch präsent. "Das war eine sehr beklemmende Zeit", erzählt er. Innerhalb weniger Jahre hätten sich mindestens drei Bekannte das Leben genommen, weil sie fürchteten, dass ihnen der Prozess gemacht würde.

Überwachung auf ganzer Linie

Neben dem Tanzverbot gab es ein weiteres düsteres Kapitel der Homosexuellenverfolgung in Hamburg: Von 1964 an wurden unter dem damaligen Hamburger Innnensenator Helmut Schmidt (SPD) Spionierspiegel in öffentlichen Toiletten angebracht. Das waren verspiegelte Fenster, hinter denen sich kleine Räume verbargen, von wo aus die Toiletten überwacht werden konnten.

"Davon hatte ich gehört, konnte das aber gar nicht glauben. Ich habe mir das dann mal angeschaut und bin in so eine Toilette gegangen. Da war ich sehr nervös", erinnert Kaletta sich. Den Beweis, dass diese Spiegel tatsächlich existierten, erbrachte am 2. Juli 1980 der Hamburger Schauspieler und Theater-Macher Corny Littmann. Er zertrümmerte den Spiegel in den Toiletten am Jungfernstieg - dahinter kam ein Observationsraum zum Vorschein. Dass Littmann dabei fast einem Polizisten den Kopf eingeschlagen haben soll, sei aber ein Gerücht, klären Bollmann und Lorenz in ihrer Ausstellung auf.

Verrat, Anzeigen, Gewalt

Doch nicht nur über juristische und polizeiliche Vorfolgung berichten die beiden Kuratoren. Auch zwischenmenschliche Abgründe zeigt die Ausstellung. So geht es auf einer Schautafel auch um das sogenannte Schwulenklatschen. Dabei lauerten junge Männer, zum Beispiel am Dammtor Bahnhof, bewusst Homosexuellen auf und taten so, als würden sie sexuellen Kontakt suchen.

Wer darauf einging, wurde geschlagen, zur Polizei gebracht und dort nach Paragraf 175 angezeigt. Dokumente belegen, dass die Polizei diese Praxis häufig begrüßte. "Für heute ist Schluss, Jungs, bringt morgen mehr", sagte ein Polizist der Revierwache in der Feldbrunnenstraße im Jahr 1947.

Auch Kaletta hat diese Art von Schwulenhassern gefürchtet. Immer wenn er jemanden traf, sei da die Frage gewesen: "Ist das jetzt einer, der mit einem aufs Zimmer geht und dann die Polizei ruft?" Davor habe er fürchterliche Angst gehabt.

Die Zeit heilt keine Wunden?

Bei Kaletta hat die Homosexuellenverfolgung in Hamburg Wunden gerissen, die noch immer nicht verheilt sind. "Es wurde uns die Würde genommen. Sie wurde mit Füßen getreten. Von der Hamburger Politik und von der Polizei", sagt er rückblickend. Noch immer sei er unsagbar wütend, wenn er an die Zeit zurückdenke: "Meine Jugend wurde vernichtet."

Interview

"Meine Jugend wurde vernichtet"

Der Homosexuelle Rolf-Mico Kaletta blickt zurück auf seine Jugend in Hamburg. Seine Erinnerungen sind geprägt von Angst. Er sagt, Politik und Polizei hätten ihm die Würde genommen. mehr