Stand: 14.01.2016 18:32 Uhr

Vor 40 Jahren: Der Paukenschlag im Landtag

Am 14. Januar 1976 erlebt der Niedersächsische Landtag eine Sensation. Eigentlich ist alles klar: Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) will sich aus Altersgründen zurückziehen und sein Amt an seinen Parteikollegen Helmut Kasimier abgeben. Der ist bislang Finanzminister. SPD und FDP bilden die Regierungskoalition, sie haben die Mehrheit inne. Da soll die CDU ruhig ihren Gegenkandidaten namens Ernst Albrecht aufstellen. Doch dann der Schock für die SPD: Kasimier holt 75 Stimmen, Albrecht 77, drei Stimmen sind ungültig. Keiner von beiden hat die absolute Mehrheit, also folgt am nächsten Tag ein weiterer Wahlgang - der bringt Albrecht sogar 78 Stimmen, Kasimier nur 74.

Geschichte

Wahl-Krimi im Niedersächsischen Landtag

Es ist alles gut geplant, doch es wird ein Debakel. 1976 scheitern SPD und FDP in Niedersachsen bei der Wahl eines neuen Regierungschefs. Die Ära Albrecht beginnt. mehr

Panik in der SPD. Sie stellt statt Kasimier nun Karl Ravens auf. Im dritten Wahlgang, bei dem die einfache Mehrheit ausreicht, hat Ravens 75 Stimmen auf seiner Seite. Ernst Albrecht holt 79. Er wird am 6. Februar zum neuen Ministerpräsidenten von Niedersachsen gewählt. "Das Unbegreifliche" ist geschehen, so schreibt es das Nachrichtenmagazin "Spiegel" damals. Wer waren die Abtrünnigen aus der Koalition, die ihre Stimmen in der geheimen Abstimmung dem CDU-Mann gaben? Ein Mysterium, das nie gelöst wurde - auch 40 Jahre später nicht. Vermutet wird, dass die "Königsmörder" aus der FDP stammten. Für die läuft es nach der Wahl Albrechts erst mal gut: In sein neues Kabinett holt der Landeschef zwar zunächst nur CDU-Minister, ein Jahr später aber wird das Kabinett neu gebildet, und zwar auch mit liberalen Ministern.

Ernst Albrecht - Ein Politiker-Leben in Bildern

"Celler Loch" verursacht Risse im Image

Für Albrecht beginnt mit dem größten politischen Paukenschlag in der Geschichte des Niedersächsischen Landtags eine 14-jährige Amtszeit als Ministerpräsident. Und die ist auch nicht ohne Skandale. So wird 1986 bekannt, dass ein Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt (JVA) Celle im Jahr 1978 vom Verfassungsschutz fingiert wurde. Die Nachrichtendienstler wollten V-Leute in die terroristische Szene einschleusen. Mit der Aktion seien "schlimme Verbrechen verhindert" worden, sagt Albrecht, doch ein parlamentarischer Untersuchungssauschuss kommt zu einem anderen Schluss. Die Affäre geht als "Celler Loch" in die Geschichte ein - wegen des Lochs, das die Explosion in die Außenmauer der JVA gerissen hatte.

1988 folgt die Spielbankaffäre: Nach der Insolvenz der Kasinos in Hannover und Bad Pyrmont kommt der Verdacht auf, die privaten Spielbankbetreiber hätten sich mit verdeckten Parteispenden an die CDU politisches Wohlwollen erkauft. Der Verdacht kann nicht bestätigt werden, doch eine Falschaussage im parlamentarischen Untersuchungsausschuss kostet Albrechts Innenminister Wilfried Hasselmann das Amt.

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Am 26. Januar 1982 beginnt der Bau des Atommüll-Zwischenlagers in Gorleben. Seitdem hält im niedersächsischen Wendland der Protest gegen die Kernkraft an. mehr

AKW-Proteste - Albrecht will Staatsvertrag kündigen

Nicht nur Freunde macht sich Ministerpräsident Albrecht durch seine Entscheidung, Gorleben zum Standort eines "nuklearen Entsorgungszentrums" zu machen. Der Streit um Atomkraft und ihre Gegner führt auch zum Konflikt mit dem Norddeutschen Rundfunk: Albrecht und Gerhard Stoltenberg (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, sind mit der Berichterstattung des NDR über Proteste gegen das AKW Brokdorf nicht einverstanden. Sie kündigen 1978 den NDR Staatsvertrag. Aufgrund eines Formfehlers ist die Kündigung jedoch ungültig.

Einsatz für Boat People

Für eine große Zahl vietnamesischer Flüchtlinge löst der Name Ernst Albrecht dagegen auch heute noch Dankbarkeit aus. Niedersachsen war 1978 Vorreiter bei der Aufnahme der sogenannten Boat People, der Bootsflüchtlinge aus Vietnam. Die Bundesrepublik wurde damit zum ersten westlichen Land, das sich der asiatischen Flüchtlingskatastrophe annahm.

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Niedersachsens Landesväter im Porträt

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