Stand: 11.12.2014 07:27 Uhr

Ralph Giordano: Ein engagierter Kritiker

Ralph Giordano hat den Zweiten Weltkrieg und die Verfolgung durch die Nationalsozialisten nur knapp überlebt - versteckt in einem Hamburger Kellerloch. In den Jahrzehnten danach profilierte er sich als streitbarer Publizist, Romanautor und Fernsehreporter. Er starb am 10. Dezember 2014 im Alter von 91 Jahren.

Giordano - ein kompromissloser Kritiker

Die Schrecken der Nazizeit prägen ihn

Giordano kommt 1923 in Hamburg zur Welt. Zunächst verbringt er dort eine unbeschwerte Kindheit. Seine Eltern sind beide Musiker. Sein Vater hat sizilianische Wurzeln, die Mutter ist deutsche Jüdin. Er hat noch zwei Brüder, Egon und Rocco.

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Versteckt in einem Keller überlebte Ralph Giordano den Krieg. Das Foto vom Juli 1943 zeigt den Hamburger Stadtteil Eilbek kurz nach dem Bombenangriff.

Als die Nazis an die Macht kommen, beginnen die Schikanen gegen die jüdische Familie. Ralph Giordano muss das Gymnasium verlassen. Er wird mehrfach von der Gestapo verhaftet und gefoltert. "Wir waren arme Leute, eine Ausreise stand nie zur Debatte", beantwortete er einmal in einem Zeitungsinterview die Frage, warum seine Familie Deutschland nie verlassen hatte.

Nach der Ausbombung fliehen die Giordanos 1943 aus Hamburg, müssen aber nach einer Denunziation in die Hansestadt zurückkehren. Aus Angst vor der drohenden Deportation der Mutter taucht die Familie in verschiedenen Verstecken unter. Sie überlebte den Nationalsozialismus nur, weil eine Nachbarin bereit war, ihn unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu verstecken. Fast verhungert, wird die Familie am 4. Mai 1945 von der britischen Armee befreit.

Zwischenzeitliche Auswanderung in die DDR

Nach dem Krieg wird Giordano als Journalist tätig. Im Auftrag des Zentralrates der Juden in Deutschland beobachtet er die NS-Prozesse. Es folgt ein politisches Intermezzo bei den Kommunisten: 1946 tritt er der KPD bei und siedelt 1955 in die DDR über. Doch schon zwei Jahre später kehrt er zurück in die Bundesrepublik. In Veröffentlichungen wie "Die Partei hat immer Recht" (1961) rechnet er mit dem Stalinismus ab.

Spezialist für sozialpolitische Themen

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Zusammen mit anderen Prominenten wie Günter Wallraff oder BAP-Sänger Wolfgang Niedecken demonstriert Giordano 1991 für das Bleiberecht für Roma.

Anfang der 60er-Jahre beginnt seine Fernsehkarriere. Er produzierte über 100 Dokumentationen, viele für den NDR und den WDR. Als Spezialist für Minderheiten, angetrieben von seiner eigenen Biografie, berichtete er nicht nur über die Nazizeit und den Stalinismus, sondern auch über die Probleme der Entwicklungsländer in Filmen wie "Slums - Hinterhof der Menschheit" oder "Hunger - Herausforderung auf Leben und Tod", für den er 1968 mit dem Grimme-Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Aufarbeitung der Familiengeschichte

1982 veröffentlichte der Autor "Die Bertinis". Der teilweise autobiografische Roman schildert die Verfolgung einer Hamburger Familie im Nationalsozialismus. In dem 1988 vom ZDF verfilmten Buch, an dem er fast vier Jahrzehnte arbeitete, setzte er sich mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinander. Auf den Roman geht auch ein jährlich verliehener Preis für Zivilcourage zurück, der Bertini-Preis.

Warnung vor neuem Rechtsextremismus

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Ralph Giordano pflegte ungewöhnliche Hobbys: Er interessierte sich für Dampfmaschinen und seltene Tiere, wie den australischen Wombat.

Seine Lebenserfahrungen blieben für Giordano immer der wichtigste Antrieb, sich einzumischen. Auch in den 90er-Jahren erhob er immer wieder seine Stimme - beispielsweise in Büchern wie "Die zweite Schuld" oder "Die Last, Deutscher zu sein", aber auch als Kommentator des tagespolitischen Geschehens.

Stets bezog er Positionen zur Rolle von Minderheiten im Land, zur jüngeren deutschen Geschichte, zu Israel und zum Judentum. Umstritten waren seine Äußerungen zur Integration des Islam. Insbesondere seine Proteste gegen die Kölner Großmoschee brachte ihm 2007 auch Kritik ein. Vor allem aber warnte Giordano immer wieder vor den Gefahren eines erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland.

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