Stand: 09.09.2014 08:18 Uhr  | Archiv

Herr Pröhl und die Flucht mit der Kalaschnikow

von Nils Hartung

Zwei Schwalben flattern über den Todesstreifen. Den ehemaligen Todesstreifen. Fast genau 25 Jahre nach dem Mauerfall ist die Natur wieder auf dem Vormarsch in Hötensleben (Sachsen-Anhalt). Wilde Blumen und Gräser ringen Metall und Beton Zentimeter um Zentimeter Boden ab. Hier, an der Grenze von Sachsen-Anhalt zu Niedersachsen, steht Hermann Pröhl und denkt an den 12. Juli 1968. An den Wendepunkt in seinem Leben, wie er sagt. Daran, wie leichtsinnig er gewesen ist bei seiner Flucht nach Schöningen in Niedersachsen. Und daran, wie viel Glück er gehabt hat. Pröhl, heute 67 Jahre alt, steht vor dem Zaun des Grenzdenkmals und hat eine Gänsehaut.

Boulevards und Bluejeans

Er kannte den Geruch der großen, weiten Welt aus West-Berlin, erzählt er. Die breiten Boulevards der Metropole, die schicken Bluejeans in den Geschäften. Er wollte dahin, abhauen aus der DDR. Das wusste er bereits mit 16 Jahren. Fünf Jahre später, mit Anfang 20, war Pröhl Grenzsoldat der Nationalen Volksarmee (NVA) in Hötensleben. Ein gutes Sprungbrett für eine Flucht - aber auch gefährlich. Wie eine Fata Morgana lag das Gelobte Land direkt vor seinen Augen. Nur gab es keinen Weg. Zumindest keinen direkten, ungefährlichen. Der junge NVA-Grenzer musste Risiko gehen. Erst probierte er es mit Schlaftabletten, die er einem Kameraden bei der gemeinsamen Nachtwache in die Wasserflasche mischte, um ihn außer Gefecht zu setzen. Doch das Medikament wollte sich nicht auflösen. Pröhl machte einen Rückzieher.

11. Juli 1968 - der Vorabend der Flucht

Auch ein zweiter Versuch misslang. Dann kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein neuer Kamerad zog ein. Und der hielt nicht lange hinter dem Berg mit seiner Meinung zur DDR. Bereits am ersten Tag erzählte er Pröhl, dass er rübermachen wollte. Pröhl, etwas skeptisch, knöpfte sich den Grünschnabel vor und gab ihm deutlich zu verstehen, dass er etwas diskreter vorgehen solle. Nicht ganz uneigennützig, schließlich wollte er keinen Wirbel. Eines Abends ergab die Einteilung der Wachposten an der Grenze dann die erhoffte Paarung: Pröhl und der Neue hatten zusammen Dienst. Es war der 11. Juli 1968 - eine stürmische Sommernacht. Der damals 21-jährige Pröhl entschied sich. Es gab kein Zurück. Er machte Ernst.

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03:57 min

"Einen Blick zurück gab es nicht"

Am 12. Juli 1968 flieht der damalige NVA-Soldat Hermann Pröhl gemeinsam mit einem Kameraden nach Schöningen in den Westen. Bei NDR.de erzählt er die Geschichte seiner Flucht. Video (03:57 min)

Der Lauf passt ins Loch

Bei einer unbeobachteten Gelegenheit war ihm aufgefallen, dass am Grenzzaun große Löcher in die Betonpfosten gebohrt waren. Bei einer Probe aufs Exempel hatte der Lauf seiner Kalaschnikow genau in solch ein Loch gepasst. Das war sein Plan: Er wollte seine Waffe, die AK-47, als Steigeisen benutzen. Doch er brauchte Hilfe. Der Neue musste mit. Der ließ sich nicht lange bitten und gemeinsam gelang mit Kalaschnikow und Räuberleiter der Sprung in den Westen. Die Flucht blieb fast eine Stunde lang unbemerkt - und das, obwohl die beiden Fahnenflüchtigen drei Magazine der zweiten Kalaschnikow als Freudenfeuer in den Nachthimmel der Schöninger Aue ballerten. Es war geschafft.

20 Jahre Schweigen

Noch nicht ganz. Denn nun wurden die beiden Ex-Grenzer erst Mal im Westen in die Mangel genommen. Erst nach einigen Wochen voller Befragungen war Pröhl ein freier Mann. Er versuchte sein Glück in Nordrhein-Westfalen. Doch dort blieb er ein Fremder. So ging er 1969 nach Berlin, bis heute wohnt er in Neukölln. Über seine Flucht redete er nicht gerne. Auch, weil seine Eltern im heimischen Zeitz (heute Sachsen-Anhalt) Repressalien zu befürchten hatten. Der junge Mann schwieg, bis er schließlich nicht mehr jung war. Nach mehr als 20 Jahren brach er endlich sein Schweigen, weil er auf Achim Walther traf. Walther, heute Leiter der Gedenkstätte Hötensleben, lernte Pröhl durch Zufall direkt am Grenzdenkmal kennen. "Auf jemanden wie Sie habe ich schon seit Ewigkeiten gewartet", sagte Walther zu ihm. Ein Glücksfall, für beide Seiten. Und Pröhl begann zu reden.

"Herzklopfen war groß"

Weihnachten 1989, kurz nach dem Mauerfall, durfte der Fahnenflüchtige zum ersten Mal zurück in seine alte Heimat. "Das Herzklopfen war groß", erzählt er. Seine Frau saß am Steuer, als das Paar die Stadtgrenze von Berlin-Schönefeld passieren wollte. Beamte des DDR-Zolls und der Volkspolizei kontrollierten ihre Papiere. Einige Sekunden der Ungewissheit, schließlich waren Pröhls Anträge auf Amnestie und Benutzungserlaubnis für Transitautobahnen zuvor allesamt abgelehnt worden. Doch die Grenzer wünschten nur "Gute Fahrt!" und "Frohe Weihnachten". Die Zeit der Deutschen Demokratischen Republik neigte sich dem Ende entgegen. Seinen ehemaligen Kameraden hat Pröhl nach der gemeinsamen Flucht übrigens nie wiedergesehen. Ihn hatte es in ein anderes Bundesland verschlagen. Trotz Suche in Telefonbüchern und im Internet hat Pröhl keine Spur entdecken können.

Tote an der deutsch-deutschen Grenze

Wie viele Todesopfer die Flucht über die innerdeutsche Grenze insgesamt gefordert hat, ist bis heute nicht abschließend erforscht. Die Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen zählte 872 Tote. Das Mauermuseum am Checkpoint Charlie geht von 1.393 Toten aus. Forscher der Freien Universität Berlin rechnen mit insgesamt etwa 1.000 Opfern.