Stand: 10.04.2015 14:11 Uhr

"Beseelt von der Idee der Gleichheit"

"Patriotische Gesellschaft von 1765": Wer nicht weiß, worum es sich handelt, mag angesichts des Namens an einen Zusammenschluss von Hütern nationalkonservativer Ideen denken. "Manchmal, wenn wir außerhalb Hamburgs Räume anfragen, bekommen wir zur Antwort: 'Nee, wir vermieten nicht an Rechte", erzählt die erste Vorsitzende Ingrid Nümann-Seidewinkel im Gespräch mit NDR 90,3. Dabei stehen die 71-Jährige und ihre Mitstreiter für das Gegenteil. Die Patriotische Gesellschaft ist ein Netzwerk liberaler und äußerst engagierter Hanseaten. Seit 250 Jahren setzen sie sich ehrenamtlich für das Gemeinwohl ein, überkonfessionell und parteipolitisch unabhängig.

Eine Gesellschaft zur Förderung des Gemeinwohls

"Wunsch, Bürgerrechte zu stärken"

Am 11. April 1765 wird die Patriotische Gesellschaft gegründet. Im Geist der Aufklärung schließen sich an diesem Tag Hamburger Bürger zusammen, "beseelt von der Idee der Gleichheit der Menschen und dem Wunsch, Bürgerrechte und Gemeinwohl zu stärken", wie es auf der Homepage der Patriotischen Gesellschaft heißt, die sich anfangs noch "Hamburgische Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe" nennt. Das Ungewöhnliche: Die Gründungsmitglieder gehören unterschiedlichen Berufsgruppen an, von Handwerksgesellen über Kaufleute bis hin zu Ärzten und Juristen. In der damals streng nach Ständen organisierten Gesellschaft ist eine derartig klassenübergreifende Bewegung ein Novum. Viele der ersten ehrenamtlich Engagierten sind Freunde des Dichters und Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing.

Bücherhallen und Sparkasse initiiert

In diesem zeitgenössischen Kontext, als bürgerliche Mitbestimmung an die Stelle monarchischer absoluter Regierungssysteme tritt, drückt der Begriff "patriotisch" Fortschritt und republikanisches Denken aus. Die nach eigenen Angaben "älteste zivilgesellschaftliche Organisation im deutschen Sprachraum" fühlt sich seither den Werten der Aufklärung wie Gleichheit und Menschenrechten verpflichtet.

In der Regel agieren ihre Mitglieder im Stillen - und so unermüdlich wie die sprichwörtlich fleißigen Bienen, die auf dem Wappen der Gesellschaft zu sehen sind. Zahlreiche Veranstaltungen und Einrichtungen gehen auf ihre Initiative zurück, unter anderem die Bücherhallen, das Museum für Kunst und Gewerbe und die Sparkasse. Zudem fördert sie mit dem Diesterweg-Stipendium benachteiligte Kinder mit Migrationshintergrund und deren Familien und ist Gesellschafterin der Obdachlosenzeitschrift Hinz & Kunzt.

Unter Hitler Juden ausgeschlossen

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Die Vorsitzende Ingrid Nümann-Seidewinkel will mehr Menschen aus dem Ausland für die Patriotische Gesellschaft gewinnen.

Auch als aktive Mitwirkende möchte die Gesellschaft künftig mehr Menschen gewinnen, die aus dem Ausland nach Hamburg gekommen sind. "Das sind die modernen Patrioten", sagt die Vorsitzende Nümann-Seidewinkel. Diese die Vereinigung auszeichnende Tradition von Offenheit und humanistischer Philosophie wurde in den Jahren unter Hitler stark in Frage gestellt. 1935 erließ der Vorstand einen "Arierparagrafen", nach dem jüdische Mitglieder ausgeschlossen wurden. An ihr Schicksal sollen künftig sogenannte Stolpersteine im Pflaster vor dem Haus der Gesellschaft an der Trostbrücke in der Innenstadt erinnern.

Aktuell hat die Organisation etwa 400 Mitglieder, die sich in Arbeitskreisen zu verschiedenen Themen organisieren. "Es muss am Puls der Zeit und für die Stadt wichtig sein", fasst Nümann-Seidewinkel die Kriterien zusammen, nach denen ihre Gesellschaft Projekte fördert. Das Jubiläum feiert die Organisation mit zahlreichen Veranstaltungen, überschrieben mit der Frage: "Was ist patriotisch?"

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Treffpunkt Hamburg | 07.04.2015 | 21:22 Uhr

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