Stand: 20.02.2016 17:45 Uhr

Die braune Seite des "Biene Maja"-Schöpfers

"Ahrensburg hat seinen Dichter! Auf den Eintrittskarten zum Lichtspielhaus steht es schwarz auf blau, stolz, strahlend: 'Waldemar Bonsels, geb. 21. Februar 1880 zu Ahrensburg, liest aus eigenen Werken.' Man hat so Teil an ihm, fühlt sich ein bißchen mit berühmt, und der große Sohn der kleinen Stadt steht auf dem Podium im hellen Lichtspielsaal voller Menschen." ("Hamburgischer Korrespondent" vom 16. November 1932)

Als der Autor Waldemar Bonsels im November 1932 nach fast fünf Jahrzehnten in seinen Heimatort Ahrensburg (Kreis Stormarn) zurückkehrt, steht die Gemeinde Kopf. Festlich geschmückt ist der große Saal des Lichtspielhauses, man "hatte mit dem Lorbeerhain nicht gespart", wie eine Zeitung schreibt. Der Gemeindevorsteher überreicht Bonsels eine Mappe mit historischen Fotos seines Elternhauses, eine Straße wird nach dem Dichter benannt. Besonders die jungen Besucherinnen hängen an den schmalen Lippen des Autors. Mit sanfter Stimme und verklärtem Blick trägt er aus seinen Werken vor, von denen eines ihn weltberühmt gemacht hat: "Die Biene Maja".

Waldemar Bonsels "und diese Biene, die ich meine..."

Seit 100 Jahren auf Erfolgsflug

Seit mehr als einem Jahrhundert schwirrt "Maja" mittlerweile durch die Kinderzimmer der Welt, das Buch ist in mehr als 40 Sprachen übersetzt worden. Die TV-Trickfilmserie mit dem Titelsong von Karel Gott aus den 1970er-Jahren entwickelt sich zum Kult. Auch die Zeichentrick-Neuauflage von 2013, für die Schlager-Star Helene Fischer das Titellied singt, ist erfolgreich. Kulleräugig prangt Maja auf Brotdosen, Müsliriegeln und Planschbecken. Fast jeder kennt die Kult-Biene - doch ihr norddeutscher Erfinder Bonsels ist weitgehend vergessen.

Mittelmäßiger Autor - und glänzender Verkäufer

Buchtipp

Bernhard Viel: "Der Honigsammler. Waldemar Bonsels, Vater der Biene Maja." Matthes & Seitz, Berlin 2015. 400 Seiten, 24,90 Euro.

"Ein kreativer Kopf war er nicht, eher ein Schriftsteller der zweiten Reihe", urteilt Bernhard Viel, der kürzlich die erste umfassende Bonsels-Biografie vorgelegt hat. Doch der mittelmäßige Autor Bonsels ist ein glänzender Verkäufer, der es in seinem Leben zu großem Wohlstand bringt und zu einem umschwärmten Literatur-Popstar avanciert. Charakterlich gleicht er seiner tapferen und wagemutigen Biene allerdings nicht, mehr einem schlüpfrigen Aal. Stets auf den eigenen Vorteil bedacht, windet er sich durchs Leben, immer im Dunstkreis derer, die das Sagen haben. Seien es einflussreiche Literaten - oder die Nationalsozialisten.

In Ahrensburger Apotheke geboren

An einem 21. Februar bringt Mutter Nicoline den späteren Bestseller-Autor in der Apotheke ihres Mannes als zweites von insgesamt fünf Kindern zur Welt. Der Tag von Waldemars Geburt gilt als sicher, das Jahr hingegen nicht. Bonsels selbst behauptet später, 1881 geboren zu sein. Andere Quellen geben jedoch 1880 an - und schreiben dem Schriftsteller auch in Bezug auf den eigenen Lebenslauf besondere Fabulierlust zu. "Er hat sich selbst immer extrem stark inszeniert und versucht, dem Bild des geheimnisvollen Dichters und Denkers zu entsprechen", sagt Biograf Viel.

Die Legende vom "Biene-Maja-Teich"

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Laut Bonsels-Experte Bernhard Viel ist der Bredenbeker Teich eher nicht die Heimat der "Biene Maja".

Vier Jahre lang lebt Waldemar mit seinen Eltern in der Apotheke im Ahrensburger Ortszentrum. Bei gutem Wetter spielt der kleine Waldemar am Bredenbeker Teich, der heute vielen als "Heimat der Biene Maja" gilt. Dies hält Bonsels-Experte Viel allerdings für eine "gut gemachte Legende". "Vielleicht hat es unbewusste Erinnerungen aus dieser Zeit gegeben, die in das Buch eingeflossen sind. Aber dass sich Bonsels später aktiv an diesen Teich aus seiner frühen Kindheit erinnert hat, scheint unwahrscheinlich." Nachdem die Familie 1884 Ahrensburg verlässt, kehrt Bonsels nur noch ein einziges Mal auf Lesereise an seinen Geburtsort zurück - zu einem Zeitpunkt, als er "Die Biene Maja" längst geschrieben hatte.

Sehnsuchtsort Kieler Hafen

Von Ahrensburg aus zieht seine Familie zunächst nach Berlin, wo Vater Reinhold Zahnmedizin studiert und praktiziert. 1890 kommen die Bonsels zurück in den Norden und leben sieben Jahre lang in Kiel. Dort besucht Waldemar die "Gelehrtenschule" - allerdings widerwillig. Statt die Schulbank zu drücken, treibt er sich lieber in der Natur oder am Hafen herum, wo er Fischer und Schiffe beobachtet. "Das hat wohl auch seine Sehnsucht nach Reisen, Aufbruch, Abenteuer geweckt", sagt Forscher Viel. Die Kindheit in Norddeutschland und besonders die Nähe zur Küste hätten Bonsels stark geprägt. "Er wohnte ja später auch immer in der Nähe von Wasser - ob am Starnberger See oder auf Capri."

Der Zwangserziehungsanstalt entgangen

Den leistungsorientierten, mittelständischen Haushalt der Eltern empfindet der Schüler Waldemar als beengend. Das Verhältnis zur Mutter ist zwar innig, aber mit dem strengen, sehr religiösen Vater überwirft er sich ein ums andere Mal. Der Junge träumt von einem Vagabundenleben - und spielt den Sagenhelden Achill, indem er Blumen mit einem Holzschwert köpft. Als er Silberlöffel stiehlt und verkaufen will, sperrt ihn der Vater zwei Tage lang bei Brot und Wasser im Badezimmer ein. Zwischenzeitlich plant Reinhold Bonsels sogar, Waldemar in eine Zwangserziehungsanstalt zu geben, lässt auf Bitten der Mutter aber von dem Plan ab.

Kaufmannslehre statt Abitur

In Kiel verfasst Waldemar Bonsels auch seinen ersten bis heute erhaltenen Text, eine Schauergeschichte, die er seiner Schwester Anni zum Geburtstag schenkt. Die Abiturprüfungen hingegen schreibt er nicht und verlässt das Gymnasium mit 17 Jahren ohne Abschluss. Er absolviert eine Kaufmannslehre in einer Bielefelder Weberei und lässt sich später zum Missionskaufmann ausbilden. Dieses Wissen wird ihm später dabei nutzen, die eigenen Bücher zu vermarkten.

Als Dandy in Münchener Literaturcafés

Nach einer Indienreise lässt sich Bonsels in München nieder. Er gründet 1904 in Schwabing einen eigenen Verlag. In elegantem Anzug, die Zigarre zwischen den Fingern, mischt er sich unter die Bohème in den Künstlercafés. Bonsels sucht die Nähe aufstrebender großer Literaten wie Frank Wedekind. Der Lübecker Autor Heinrich Mann wird sein Mentor. Bonsels selbst gibt den weltmännischen Dandy, mit einem Faible für schöne Frauen.