Sendedatum: 20.09.2010 22:30 Uhr

Der Bergen-Belsen-Prozess 1945

von Maryam Bonakdar
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Anita Lasker-Wallfisch ist Auschwitz-Überlebende und war beim Bergen-Belsen Prozess 1945 dabei.

Lüneburg, 17. September 1945. So einen Prozess gab es noch nie zuvor: Vor einem britischen Militärgericht werden erstmals die Verbrechen des Nationalsozialismus verhandelt. Ein knappes halbes Jahr liegt die Befreiung des KZ Bergen-Belsen erst zurück. Nun muss sich die Wachmannschaft des Konzentrationslagers vor Gericht verantworten. In der Wochenschau heißt es: "Das ist Josef Kramer, den die Welt die Bestie von Belsen nennt." Angeklagt sind SS-Angehörige, KZ-Aufseherinnen, sogenannte Funktionshäftlinge. Viele von ihnen waren schon in gleicher Funktion im Vernichtungslager Auschwitz gewesen. Sie hatten gehofft, einfach davon zu kommen. "Es ist der erste Kriegsverbrecherprozess auf deutschem Boden", sagt der Historiker Rainer Sabelleck, "der von einem britischen Militärgerichtshof abgehalten wurde, und das ist die Besonderheit."

Anita Lasker-Wallfisch war Zeugin beim Bergen-Belsen-Prozess: "Ich sehe die vor mir, ich sehe den Saal, wie ich da reingegangen bin. (…) Plötzlich bin ich auf der anderen Seite. Das hat mir schon ein Riesenvergnügen gemacht, das muss ich schon sagen."

Die Anklage: Kriegsverbrechen

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Das Ausmaß der Katastrophe in den Konzentrationslagern war der breiten Öffentlichkeit unbekannt gewesen - bis zu diesem Prozess. "Es war notwendig zu zeigen, dass es Gesetze gibt auf der Welt", erzählt Lasker-Wallfisch. "Aber ich fand es unmöglich, Gesetze auf etwas anzuwenden, was so außer jedem Gesetz steht, was wie Belsen war." Die Anklage lautete: Kriegsverbrechen, Verletzung von Kriegsgesetzen, Misshandlungen mit Todesfolge. Die Briten hielten sich strikt an das Gesetz, um ein klares Zeichen gegen die Willkür des Naziregimes zu setzen und die begangenen Verbrechen zu bestrafen. Doch gerade bei der genauen Klärung des Tathergangs geriet die Justiz an ihre Grenzen. "An welchem Tag der Woche war das? Weiß ich nicht. Und welche Zeit? Weiß ich auch nicht. Dann ist man schon kein starker Zeuge mehr", erinnert sich Lasker-Wallfisch. "Das hat mich geärgert. Ich habe keine Uhr gehabt. Schlägt gerade jemand tot. Es ist drei Uhr nachmittags. Dienstag. Muss ich mir merken. Aber das sind normale Fragen, die man in einem Gericht so stellt. Aber da war nichts Normales."

Im Mittelpunkt: Irma Grese und Josef Kramer

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Irma Grese und der Lagerleiter Josef Kramer, Angeklagte 1945 im Bergen-Belsen Prozess Lüneburg.

Vor allem zwei Angeklagte standen im Mittelpunkt des Prozesses: Irma Grese, KZ-Aufseherin in Ravensbrück, Auschwitz und Bergen-Belsen sowie Josef Kramer, Lagerkommandant von Bergen-Belsen. "Wie die sich gegeben haben? Die haben da einfach gesessen. Ganz still", sagt Lasker-Wallfisch. Und Axel Eggebrecht, der den Prozess als einer von drei zugelassenen deutschen Journalisten beobachtet hatte, erinnert sich: "Zum Beispiel der Kramer, der sich hinstellte als ein vorbildlicher Vater. Dieses Verhör werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen: Wo haben Sie denn gelebt? Im Lager? Nein außerhalb. Direkt neben dem Lager? Ja, neben dem Lager. Der Stacheldrahtzaun war gleich hinter unserem Garten. Etwa 100 Yards entfernt lagen dann schon die Haufen der Toten. Ihre Kinder haben dort gespielt? Ja, das kann mal gewesen sein. Sind Sie ein guter Vater? Ja, natürlich."

"Ein Lehrstück an Demokratie"

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Axel Eggebrecht hatte den Prozess als Journalist beobachtet.

Die Zeitungen berichteten jeden Tag über neue Einzelheiten des Prozesses. Die ausführliche Berichterstattung war ein Teil der allgemeinen "Reeducation". Alle sollten wissen, was geschehen ist. Im November wurde dann das Urteil gesprochen: Todesstrafe für elf Angeklagte, Gefängnisstrafe für 18 Angeklagte, Freispruch für 15 Angeklagte. "Das Erschütternde ist für mich gewesen, dass dies wirklich ein Lehrstück an Demokratie wurde", sagt Eggebrecht. "Ein Militärgericht! Da stellt man sich doch vor, da geht es ziemlich willkürlich zu. Nein!" Und die ehemalige Zeugin Lasker-Wallfisch fügt hinzu: "Es gab keine andere Methode. Und da kann Lüneburg stolz sein, dass es der erste Prozess war (…) Das war der erste Versuch, eine vollkommen gesetzlose Gesellschaft in eine Art System zu bringen."

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Viel erinnert nicht mehr an den ersten Prozess gegen die Naziverbrechen. Das damalige Gerichtsgebäude wurde abgerissen. Es gibt nur eine Gedenktafel. Ansonsten wird über das Geschehen von damals weitgehend geschwiegen. "Das ist die Schwierigkeit, dass es nur sehr wenige Lüneburger gibt, die über diesen Prozess, über Besuche von Gerichtsverhandlungen sprechen wollen", erklärt der Historiker Sabelleck. "Es gibt sie, aber es sind nur wenige." Der Bergen-Belsen Prozess - auch wenn er heute nur wenigen bekannt ist - war der erste Schritt zur Aufarbeitung der Nationalsozialistischen Verbrechen. Von da an konnte niemand mehr wegschauen.

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Kulturjournal | 20.09.2010 | 22:30 Uhr