Stand: 12.07.2011 09:00 Uhr

"Celler Loch" - Beamte verüben Anschlag

von Michael Lange
Bild vergrößern
So sieht die Gefängnismauer nach der Detonation einer Bombe aus. Aber wer hat das Loch in die Mauer gesprengt?

Ein lauter Knall. Ein Feuerball erhellt die Nacht, als am 25. Juli 1978 um 2.54 Uhr eine Bombe an der Justizvollzugsanstalt Celle detoniert. Die Beamten im Wachturm geben Alarm und leuchten mit Suchscheinwerfern die sechs Meter hohe Außenmauer ab. Dort klafft ein Loch von rund 40 Zentimetern Durchmesser.

Nachdem die Celler Kriminalpolizei und der entsetzte Gefängnisdirektor Paul Kühling eingetroffen sind, stürmen gegen vier Uhr Beamte in Zivil zielsicher die Zelle von Sigurd Debus und durchsuchen sie. Kühling ordnet Einzelhofgang an. Der damals 35-jährige mutmaßliche Terrorist sitzt eine zwölfjährige Haftstrafe ab - wegen politisch motivierter Banküberfälle und der Vorbereitung zweier Bombenanschläge. Der Nachweis für eine direkte Tatbeteiligung an den Anschlägen fehlt allerdings.

In dieser Nacht sieht alles danach aus, als hätten Sympathisanten aus dem linksextremistischen Milieu Debus befreien wollen. Denn Kripo-Beamte in Salzgitter haben schon im Februar ein verdächtiges Fahrzeug sichergestellt, in dem sie neben Munition auch einen gefälschten Ausweis mit dem Foto von Sigurd Debus fanden. Bei der Durchsuchung der Zelle in Debus' Abwesenheit entdecken Beamte angeblich Ausbruchswerkzeug. Allerdings hat Debus zum Zeitpunkt der Detonation im Bett gelegen und schien überhaupt nicht auf seine Befreiung vorbereitet.

Verdachtsmomente

Die Schlagzeilen am nächsten Morgen berichten einhellig von einem Terroranschlag auf die Justizvollzugsanstalt. Der Verdacht liegt nah: Zwei Monate zuvor ist in Berlin eine bewaffnete Befreiungsaktion aus dem Gefängnis Moabit gelungen. Doch als entscheidendes Indiz für einen terroristischen Hintergrund der Tat präsentiert das Landeskriminalamt in Hannover das sogenannte Dellwo-Papier. Urheber des Strategiepapiers soll RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo sein, der 1975 am Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm beteiligt war. Die darin skizzierte "Verunsicherungsstrategie" liest sich wie das Drehbuch zum Celler Anschlag: Unblutige "Anschläge auf den äußeren Bereich der Vollzugsanstalten" seien durchzuführen, um "eine Zusammenlegung einsitzender Terroristen zu Interaktionsgruppen" zu erzwingen.

Drei Tage später erscheint das erste Fahndungsfoto des Verdächtigten Klaus-Dieter Loudil. Der Mithäftling von Sigurd Debus war aus seinem Hafturlaub nicht zurückgekehrt. Doch die Fahndung verläuft ergebnislos.

Die Bombe platzt zum zweiten Mal

Am 25. April 1986 - drei Wochen vor der Landtagswahl in Niedersachsen - macht die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" mit einer unglaublich klingenden Geschichte auf: Der Anschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle sei komplett inszeniert gewesen. Doch was Journalist Ulrich Neufert in seinem später preisgekrönten Artikel aufdeckt, entspricht der Wahrheit. Beamte legten die Bombe, Minister waren ihre Auftraggeber, der Verfassungsschutz sekundierte. Höchste Regierungskreise vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht bis zum damaligen Bundesinnenminister Werner Maihofer waren eingeweiht, Gefängnisdirektor Paul Kühling sowieso.

Die "Aktion Feuerzauber" sollte V-Leuten ein Stück Biografie verschaffen, um ihnen den Einstieg in die linksextremistische Szene zu ermöglichen. Für diesen Job rekrutierte der Verfassungsschutz neben Klaus-Dieter Loudil den ebenfalls wegen schwerer Verbrechen verurteilten Manfred Berger. Beide bemühten sich schon vor dem Anschlag, als Lockspitzel Komplizen für die geplante "Befreiungsaktion" anzuwerben.