Stand: 17.01.2017 16:45 Uhr

CCH: Wo Udo Jürgens in die Badewanne stieg

Mitten in Hamburg, direkt neben dem Dammtorbahnhof, liegt das CCH. Hier ein Foto aus den 70er-Jahren.

In den 1960er-Jahren erobert eine vergleichsweise neue Spezies den internationalen Tourismusmarkt: der Kongressist. Er ist meist männlich, in den besten Jahren, offen für Vergnügungen aller Art - und äußerst zahlungskräftig. Geschäftstüchtig, wie sie sind, werden die Hamburger Stadtväter schnell auf das gewinnversprechende Phänomen des Tagungsreisenden aufmerksam. Und da es bis dato deutschlandweit noch keine international relevante Tagungsstätte gibt, beschließen sie: Die Hansestadt braucht ein Kongresszentrum beziehungsweise "eine Fabrik zur Erzeugung von Fremdenverkehr", wie es der damalige Erste Bürgermeister Herbert Weichmann (SPD) ausdrückt.

Name soll Assoziationen aus Nazi-Zeit vermeiden

Binnen weniger Jahre planen die Verantwortlichen einen Bau für Tausende Tagungsteilnehmer, citynah gelegen am Rand des Parks "Planten un Blomen" und dank des Dammtorbahnhofs bestens angebunden an den Fernverkehr. 140 Millionen Mark kostet das Gebäude - eine damals gigantische Summe, die mancher Kritiker als unverhältnismäßig bemängelt. Um Assoziationen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu umgehen, die eine Abkürzung "KZ" für Kongresszentrum geweckt hätte, wird bei der Namenswahl aufs Lateinische zurückgegriffen. Congress Centrum Hamburg, kurz: CCH, heißt das Tagungszentrum im Herzen der Stadt. Nach drei Jahren Bauzeit wird es am 14. April 1973 eröffnet - und gilt fortan nicht nur als erste Kongressstätte Deutschlands, sondern gar als größte Europas.

Plüsch, Pop, Politik: Aus dem Fotoalbum des CCH

Umstrittene Architektur - moderne Einrichtung

"Anders als viele Großbauprojekte wurde unser Haus tatsächlich in der anberaumten Zeit fertig, und auch die Kosten blieben im Plan", berichtet Götz Eipper. Als langjähriger Leiter der Abteilung Veranstaltungstechnik hat er die Historie des CCH von Beginn an miterlebt. Gemeinsam mit seinem Nachfolger Hartmut Hofmann sitzt der 82-Jährige in dessen Büro und lässt mittels alter Fotos und zahlreicher Anekdoten die Vergangenheit wieder aufleben. "Klar, die Architektur war nicht unbedingt jedermanns Geschmack", sagt Eipper über das terrassenförmig angelegte, graue Gebäude, das böse Zungen auch schon als "Bunker" bezeichnet haben. "Aber von innen waren wir schick eingerichtet und mit hochmoderner Technik ausgestattet, da hat uns niemand etwas vorgemacht."

Chaotische Anfangsjahre

Hochmodern bedeutet in den 1970er-Jahren: Telefonzellen im Foyer, Tageslichtschreiber und Diaprojektoren. Zudem Dolmetscher-Anlagen und Tonaufnahme-Studios. Besonders stolz sind die CCH-Verantwortlichen auf ihr Eidophor-System, über das Fernsehbilder großflächig auf Leinwände projiziert werden können. "Das war damals weltweit der letzte Schrei", berichtet Eipper und lächelt. Dennoch braucht das CCH anfangs einige Zeit, um sich zu etablieren. Auch, weil es den Hamburgern schlicht an professioneller Werbung und Management-Erfahrung fehlt. "Manchmal ging es ziemlich chaotisch zu", erinnert sich Eipper.

Après-Kongress beim Shopping oder auf der Reeperbahn

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44 Jahre CCH-Geschichte: Götz Eipper (links), langjähriger Leiter der Veranstaltungstechnik, und Nachfolger Hartmut Hofmann.

Doch bereits 1976 kann dank des CCH "ohne Übertreibung als das für Hamburg erfolgreichste Kongreßjahr bezeichnet werden", wie es in einem damaligen Bericht der Wirtschaftsbehörde heißt. 171.000 Teilnehmer strömen in dem Jahr zu Tagungen ins CCH und lassen es sich anschließend in Hamburg wohlergehen. Die Mark rollt beim Shopping in Pöseldorf, beim Besuch der Staatsoper oder im Nachtleben auf der Reeperbahn. Diese und allerhand weitere Vorschläge zur Freizeitgestaltung beim Après-Kongress offeriert ein CCH-Werbeprospekt aus dieser Zeit.

Manager, Politiker und Tupperware-Vertreterinnen

Die Tagungsmaschine brummt, die Zahl der Kongressreisenden steigt in den Folgejahren kontinuierlich. Von Managern großer Autokonzerne und Pharmaunternehmen über Gewerkschafter bis hin zu Tupperware-Vertreterinnen und Leuchtturmwärtern: "Kaum einer, der bei uns nicht getagt hätte", sagt Eipper. Prominente Politiker wie Willy Brandt, Helmut Kohl, Helmut Schmidt und andere hätten regelmäßig auf Parteitagen gesprochen. Selbst Michail Gorbatschow kommt zu Besuch. Und manche bauliche Beschaffenheit des CCH, die heutzutage als Manko betrachtet werde, hätte bestimmten Tagungsgruppen damals sogar gerade gefallen, ergänzt Nachfolger Hofmann. Zum Beispiel Räume ohne Fenster. "Die mochten Vertreter des Militärs zur Zeit des Kalten Krieges besonders, weil sie als abhörsicher galten."

Eine Badewanne für Udo Jürgens

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Der legendäre weiße Bademantel: Im CCH wurde er zu Udo Jürgens' Markenzeichen.

Zusätzliche Einnahmen und Glamour bescheren Kunstausstellungen, Bälle und Abendveranstaltungen mit hochkarätigen Stars wie ABBA, Deep Purple oder Queen. So manchem Gast erfüllen die CCH-Verantwortlichen ausgefallene Extrawünsche. Zum Beispiel Sänger Udo Jürgens, der regelmäßig dort auftritt. "Er benutzte ungern Duschen und wollte nach seinem Auftritt lieber baden", berichtet Eipper. Also hätten sie ihm kurzerhand in die von ihm regelmäßig genutzte Garderobe Nr. 211 eine Badewanne eingebaut. Von da an habe Jürgens - stets frisch der Wanne entstiegen - nach seiner Vorstellung im CCH den Fans Autogramme gegeben, in dem weißen Bademantel, der zu seinem Markenzeichen wurde.

Umfangreiche Sanierung soll CCH zukunftsfähig machen

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Vor dem Abriss: Die extra für Jürgens eingebaute Badewanne in der Stargarderobe des CCH.

Jürgens' Wanne ist in Kürze Geschichte. Wie fast das gesamte Innere des CCH wird sie im Zuge einer umfangreichen Sanierung, "Revitalisierung" genannt, herausgerissen. "Etwa ab der Jahrtausendwende wurde klar, dass das CCH in seinem aktuellen Zustand nicht mehr zukunftsfähig ist", berichtet Hofmann, der Eipper nach dessen Pensionierung in den 1990er-Jahren abgelöst hat. "Hartmut hat im Haus den ersten Computer aufgestellt, er wird es gut in die Zukunft führen", ist sich Eipper sicher.

Die internationale Kongress-Konkurrenz ist laut Hofmann mittlerweile enorm, die Hamburger Tagungssäle sind veraltet. Nachdem das CCH bereits zwischen 2005 und 2007 erweitert wurde, stehen nun umfassende Umbaumaßnahmen an. Unter anderem erhält das Kongresszentrum eine andere Raumaufteilung und einen neuen Eingangsbereich. So sollen künftig mehrere große Veranstaltungen parallel stattfinden können. Doch zumindest ein kleiner Teil der Inneneinrichtung soll erhalten bleiben, etwa eine denkmalgeschützte spektakuläre Deckenbeleuchtung aus den 1970er-Jahren. "So wollen wir den Charme der Vergangenheit mit der Zukunft verbinden", sagt Hofmann.

Weitere Informationen

Baustart für Sanierung des Hamburger CCH

Am Mittwoch haben die Arbeiten am Hamburger CCH begonnen. Das Kongresszentrum wird für fast 200 Millionen Euro modernisiert. Es soll schadstofffrei, heller und großzügiger werden. (11.01.2017) mehr

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Jubiläumsjournal: 40 Jahre CCH

Im April 2013 feiert das "Congress Center Hamburg" 40-jähriges Bestehen. Hier die Festschrift zum Jubiläum mit vielen neuen und alten Bildern und Informationen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 11.01.2017 | 12:00 Uhr

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