Stand: 29.08.2014 17:48 Uhr  | Archiv

Auftakt zum Inferno - Kriegsbeginn 1939

von Andrej Reisin

Der 1. September 1939 ist in Norddeutschland ein herrlicher Spätsommertag mit Temperaturen um die 27 Grad und einem lauen Wind aus nordwestlichen Richtungen. Wer es sich leisten kann, fährt übers Wochenende an die Küste oder besucht die Parks und Schwimmbäder der Städte. Selbstverständlich gilt dies nur für diejenigen Einwohner, die laut der Nürnberger Rassegesetze der Nazis "arischer Abstammung" sind: Juden wurde der Besuch von Bädern und Kurorten bereits 1937 verboten.

Das Schlachtschiff "Schleswig-Holstein" fährt im August 1939 unter einem Vorwand nach Danzig.

Im Seebad Swinemünde auf Usedom brüstet man sich damit, bereits in den 20er-Jahren Hakenkreuzfahnen gehisst und den Ort nach und nach "judenrein" gemacht zu haben. Aus dem dortigen Hafen läuft am 24. August 1939 das deutsche Kriegs- und Schulschiff "Schleswig-Holstein" aus - offiziell, um der freien Stadt Danzig einen "Freundschaftsbesuch" abzustatten. Inoffiziell nimmt das Schiff in der Nacht vom 24. auf den 25. August auf hoher See 225 ostpreußische Marineinfanteristen an Bord. Kapitän Gustav Kleikamp war bereits am 16. August zum Oberkommando der Marine nach Berlin gerufen und dort in die Angriffspläne gegen Polen eingeweiht worden.

Die "Befreiung" Danzigs

Danzig mit seiner mehrheitlich deutschen Bevölkerung ist nach dem Ersten Weltkrieg zum Freistaat unter dem Schutz des Völkerbundes erklärt worden und liegt seitdem eingeschlossen vom polnischen Staatsgebiet zwischen den zum Deutschen Reich gehörenden Provinzen Ostpreußen und Pommern. Der Status der Stadt ist den Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge und Zentrum einer von Joseph Goebbels betriebenen Propagandaschlacht, die lautstark die Forderung erhebt, Danzig müsse "heim ins Reich". Dass dies nur als Vorwand für einen Angriff dient, hat Adolf Hitler gegenüber führenden Offizieren bereits am 23. Mai 1939 auf dem Obersalzberg deutlich gemacht: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten."

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Nach dem Angriff auf die "Westerplatte" vor Danzig steigt Rauch über der Halbinsel auf.

Am Vormittag des 25. August 1939 erreicht die "Schleswig-Holstein" den Danziger Hafen. Hans Lots aus Edemissen bei Peine, damals als Maschinist mit an Bord, erinnert sich: "Es durfte keiner an Land, die Marineinfanteristen sowieso nicht. Wenn sie auch nur an Deck wollten, mussten sie sich zur Tarnung Kleidung von uns leihen. Nach ein paar Tagen hieß es dann: 'Alle Mann raus, wir sind zur Befreiung Danzigs eingesetzt!'" Um 4.45 Uhr am 1. September 1939 beginnt der Angriff auf die "Westerplatte", eine Halbinsel vor Danzig, auf der die polnische Armee ein befestigtes Munitionslager mit etwa 218 Mann Besatzung unterhält. Die Schüsse der "Schleswig-Holstein" gelten bis heute als Beginn des Zweiten Weltkriegs.

"Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

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Am 1. September 1939 gibt Reichskanzler Adolf Hitler vor dem Reichstag den Kriegsbeginn bekannt.

In Deutschland wird die Bevölkerung über den Rundfunk dazu aufgefordert, sich für eine Ansprache des Führers vor den Radioempfängern einzufinden. Gegen zehn Uhr morgens lässt Adolf Hitler sich in Berlin zum Reichstag fahren. Dann spricht er die mittlerweile berühmt-berüchtigten Sätze, die eine völlige Umkehrung der realen Geschehnisse bedeuten und die Deutschen glauben machen sollen, man führe einen gerechten Verteidigungskrieg: "Ich will nicht den Kampf gegen Frauen und Kinder führen. Ich habe meiner Luftwaffe den Auftrag gegeben, sich auf militärische Objekte bei ihren Angriffen zu beschränken. Wenn aber der Gegner daraus einen Freibrief ablesen zu können glaubt, seinerseits mit umgekehrten Methoden kämpfen zu können, dann wird er eine Antwort erhalten, dass ihm Hören und Sehen vergeht! Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Die Älteren sind skeptisch

Auch wenn Hitler sich aus ungeklärten Gründen um eine Stunde vertut, verfehlt die Rede ihre Wirkung vor allem bei der jüngeren Generation nicht. Der Hamburger Ralph Brauer, Jahrgang 1927, berichtet von seiner Stimmung: "Als meine Mutter mir im Sommer 1939 erzählte, dass es wohl Krieg geben würde, freute ich mich. Es war ja keiner da, der sagte, das gibt eine Katastrophe." Allgemeine Kriegsbegeisterung wie teilweise zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrscht dagegen vor allem bei den Älteren nicht. Werner Mork ist damals Angestellter in einem Radiogeschäft und bereitet den sogenannten Gemeinschaftsempfang der Führerrede vor. Er erzählt: "Alle standen ruhig auf, als das verklungen war, es war ein betretenes Schweigen. Ganz ehrlich: Mir erschien das damals zu wenig. Ich ging also auf den Dachboden, um die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne zu holen, weil ich dachte, jetzt müsse man doch die Fahnen hissen."