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"Agent Orange":
Vietnams junge Opfer

Der 15-jährige Long Thanh ist mit körperlichen Behinderungen geboren worden und muss sein Leben lang gepflegt werden. Sein Vater war mit "Agent Orange" in Kontakt gekommen - die USA hatten das dioxinhaltige Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg großflächig versprüht. 40 Jahre nach Kriegsende leiden noch immer Zehntausende Menschen an den Spätfolgen des Gift-Einsatzes.

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Bitteres Erbe: "Agent Orange"

Tagesthemen
am 17. Februar 1983

Die USA versprühten das Entlaubungsmittel im Krieg über den Wäldern Vietnams, um dem Vietcong die natürliche Deckung zu nehmen.

Bitteres Erbe: "Agent Orange"

Bitteres Erbe: "Agent Orange"

"Agent Orange" enthält TCDD ("2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin") - in der Gruppe der Dioxine ist es das gefährlichste Gift. Kommt ein Mensch damit in Kontakt, können zahlreiche Krankheiten die Folge sein. Auf der Haut kann sich Chlorakne bilden, mit Entzündungen wie Knoten, Abszessen und Zysten. Es kann zu Leberschäden und zu Störungen des Nervensystems kommen, außerdem wird der Fett- und Hormonstoffwechsel gestört. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft das Gift als krebserzeugend ein. Eine hohe Dauerbelastung kann zudem Folgen für die Entwicklung Ungeborener haben. Das Dioxin hält sich besonders hartnäckig in den Böden und kann deshalb über einen langen Zeitraum Schäden anrichten.

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Bitteres Erbe: "Agent Orange"

Weltspiegel-Beitrag
am 17. April 1983

Bei Mensch und Umwelt hat das Gift bleibende Schäden hinterlassen.

Vergiftetes Leben

Vergiftetes Leben

Long Thanh wurde Jahrzehnte nach dem bis 1975 andauernden Vietnamkrieg geboren. Trotzdem spürt er die Folgen des Krieges noch am eigenen Leib. Inzwischen ist er 15 Jahre alt, sein Körper ist aber kaum größer als der eines Dreijährigen. Der Junge aus Dong Ha in der Provinz Quang Tri ist mit schweren körperlichen Behinderungen zur Welt gekommen. In der Region in der Mitte Vietnams hatte die US-Luftwaffe in den 1970er-Jahren die meisten "Agent Orange"-Einsätze geflogen. Viele Jahre später arbeitete Long Thanhs Vater während seines Wehrdienstes im Jahr 1989 auf einem Feld, auf dem er mit dem Gift in Berührung kam.

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Vergiftetes Leben

Long Thanh kann nicht ohne die Hilfe anderer leben. Er kann sich nicht alleine waschen oder anziehen und muss gefüttert werden. Der Junge leidet unter Muskel- und Gelenkschmerzen, seine Handgelenke sind deformiert, die Beine zu kurz. Manchmal hat er Schmerzen beim Luftholen. Für Long Thanhs Leiden gibt es keine Therapie. Mit Medikamenten können einige der Symptome gelindert werden.

Vergiftetes Leben

Long Thanh ist nicht der Einzige in der Familie, der unter den Folgen von "Agent Orange" leidet. Sein 17-jähriger Bruder kam ebenfalls mit Behinderungen zu Welt. Die Eltern leben in Armut und können sich eine ausreichende medizinische Versorgung für ihre beiden Söhne nicht leisten. Selbst einfache Medikamente, wie Mittel gegen Kopfschmerzen oder Rheuma-Salbe, sind für sie meist nicht zu finanzieren. Der Vater hilft manchmal auf einem kleinen Reisfeld aus. Die Mutter sammelt Müll. Mit dem Verkauf von Plastik, Metall und Glasflaschen verdient sie umgerechnet etwa drei Euro am Tag. Das ist die einzige regelmäßige Einnahmequelle der Familie Do.

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Vergiftetes Leben

Wenn seine Freunde Fußball spielen, kann Long Thanh ihnen nur vom Spielfeldrand zuschauen.

Vergiftetes Leben

Früher ist Long Thanh mit seinen Freunden gemeinsam zur Schule gegangen. Mittlerweile hat er die Schule verlassen, weil er das Gefühl hatte, eine Last für seine Klasse zu sein. Dabei ist der Junge geistig fit. Noch heute hilft er seinen ehemaligen Mitschülern bei den Mathe-Hausaufgaben.

Long Thanh leidet körperlich, weil er Schmerzen hat. Er leidet aber auch seelisch, weil sein Leben nicht so ist wie das anderer Kinder. Der schüchterne Junge redet nicht gern über sein Leid, stattdessen schreibt er in einem Tagebuch über seine Gefühle. Zum Beispiel, dass er seinen Bruder unglaublich mag und immer sehr traurig ist, weil dieser nicht gehen kann.

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Langzeitwirkungen

Langzeitwirkungen

40 Jahre nach Kriegsende befindet sich das Dioxin immer noch in den Böden. Niemand weiß, wie viele sogenannte Hotspots es in Vietnam gibt, wo das Erdreich immer noch so stark verseucht ist, dass die Überreste von "Agent Orange" auch heute eine Gefahr für Menschen darstellen.

Das Rote Kreuz in Vietnam schätzt, dass drei Millionen Menschen dem Gift ausgesetzt waren. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu vier Millionen Opfern aus. Mindestens 150.000 Kinder sind seit dem Krieg mit Behinderungen zur Welt gekommen.

Langzeitwirkungen

Im Tu Du Krankenhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt gibt es eine eigene Abteilung für die Gift-Opfer. Die Kinder benötigen eine besonders intensive Pflege.

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Langzeitwirkungen

Ho Viet Do, Arzt

Der Arzt behandelt auch Long Thanh.

Langzeitwirkungen

Viele der Kinder sind nicht lebensfähig. Fehl- und Totgeburten sind die Folge. Dazu kommen Neugeborene, die nur wenige Stunden überleben. Die Ärzte im Tu Du Krankenhaus bewahren einige der Föten und toten Babys in Gläsern auf. Darauf befinden sich Aufkleber mit Informationen zu den Fehlbildungen. Damit wollen die Ärzte zeigen, welche Folgen Dioxin auf die Entwicklung Ungeborener haben kann.

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Langzeitwirkungen

Le Thi Cam Ha, Hebamme

Die Hebamme arbeitet im Tu Du Krankenhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt.

Langzeitwirkungen

Inzwischen werden erkrankte Kinder in der vierten Generation geboren. Niemand weiß, wie viele Jahre oder Jahrzehnte "Agent Orange" nachwirkt und wie viele Kinder mit Behinderungen noch zur Welt kommen werden. Ungewiss bleibt auch, wie viele Fehl- und Totgeburten es aufgrund des im Vietnamkrieg versprühten Gifts noch geben wird. Trotzdem sahen sich die USA viele Jahre nicht in der Pflicht, sich ihrer Verantwortung zu stellen.

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Sorry, nicht schuldig!

 

Sorry, nicht schuldig!

Sorry, nicht schuldig!

Die USA haben inzwischen 115 Millionen US-Dollar an Vietnam gezahlt. Etwa 87,5 Millionen davon werden für die Bodenreinigung aufgewendet - vor allem, um das verseuchte Gelände am ehemaligen US-Luftwaffenstützpunkt in der Küstenstadt Da Nang zu reinigen. Das Erdreich muss abgetragen und auf hohe Temperaturen erhitzt werden, um das Dioxin zu zerstören. Die USA helfen zwar, lehnen aber ein Schuldeingeständnis ab. Einen direkten Zusammenhang zwischen dem "Agent Orange"-Einsatz und den erkrankten Vietnamesen sieht die US-Regierung nicht.

Bei den Gift-Opfern kommt von den Hilfszahlungen kaum etwas an. Vom vietnamesischen Staat erhalten sie 20 US-Dollar monatlich. Das reicht weder für genügend Essen noch für Kleidung oder gar eine Betreuung.

Ein bisschen Zukunft

Ein bisschen Zukunft

Longh Thanh und seine Familie haben bisher gar keine Entschädigung erhalten. Das liegt daran, dass der Vater erst nach dem Krieg mit "Agent Orange" in Kontakt gekommen ist - in solchen Fällen zahlt der Staat noch nicht einmal die sonst üblichen 20 Dollar.

Die Eltern wissen nicht, wie sie ihren Kindern ein einigermaßen angenehmes Leben bereiten können. Ebenfalls ungewiss: Wer sich um ihre beiden Söhne kümmert, wenn die Eltern irgendwann nicht mehr da sein werden.

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Ein bisschen Zukunft

Do Tran Nhat Linh, Vater von Long Thanh

 

Ein bisschen Zukunft

Nach einem Weltspiegel-Beitrag am 19. April 2015 über das Schicksal von Long Thanh, haben viele Zuschauer aus Deutschland für den 15-Jährigen und seine Familie gespendet. Mit dem Geld konnten sich die Dos eine Kuh kaufen. Das Tier hat 20 Millionen vietnamesische Dong gekostet. Das sind etwa 850 Euro. Die Kuh ist für die Familie eine kleine Hoffnung auf eine etwas bessere Zukunft. Long Thanhs größter Wunsch wird allerdings immer nur ein Traum bleiben.

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Ein bisschen Zukunft

Long Thanh träumt von einem Leben als ganz normaler 15-Jähriger. Doch er weiß, dass sich dieser Wunsch niemals erfüllen wird.

Credits

"Agent Orange": Vietnams junge Opfer

Eine Multimedia-Dokumentation über die Spätfolgen des Entlaubungsmittel-Einsatzes im Vietnamkrieg und seine jungen Opfer.

Credits

Redaktion:
Philipp Abresch
Simone Nebelsieck
Daniel Satra
Sabine Wagner (Bildbearbeitung)

Kamera:
Wolfgang Schick

Schnitt:
Maike Ringel

Zum Video der Reportage "Vietnam - Long Thanh will lachen" auf DasErste.de.

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