Stand: 04.03.2017 15:46 Uhr

Vom Trümmerfilm zum Tatortreiniger

von Kathrin Weber, NDR.de

Ein winziger Raum in einem ehemaligen Tanzlokal als Atelier, unbekannte Schauspieler, ein Zirkuswagen als Garderobe: Hollywood-Glamour sieht anders aus. Die Bedingungen, unter denen ab 1. März 1947 in Hamburg einer der ersten Nachkriegsfilme gedreht wird, sind schwierig. Aber Gyula Trebitsch und Walter Koppel sind optimistisch. Im Januar haben sie die Firma Real-Film gegründet, nun kann es losgehen. "Arche Nora" heißt die erste Produktion.

Den widrigen Umständen begegnen die Macher mit Improvisationstalent. Ein alter Wohnkahn an der Bille bildet die Kulisse für die Außenaufnahmen, die technischen Geräte sind Leihgaben der DEFA aus Ostberlin, die benötigten Requisiten stammen vom Schwarzmarkt. Und das Huhn, das für den Film benötigt wird, müssen sie bei einem Schrebergärtner mieten.

.

Hamburg damals: 70 Jahre Studio Hamburg

Hamburg Journal -

Vor genau 70 Jahren wurde Hamburg zur Filmstadt. Dank eines Mannes aus Ungarn, der nach dem Krieg der Liebe wegen in Hamburg geblieben war.

4 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dass man bei der Produktion auf technische Raffinessen und aufwendige Einstellungen verzichten muss, findet Koppel nur folgerichtig: "Wir wollen uns vor Verlogenheit schützen und verlogen wäre es, in einem notleidenden Deutschland Filme mit großem Aufwand zu drehen, einem Aufwand, der zu der Realität unserer Zeit im Widerspruch steht." So gestalten sich die Dreharbeiten ähnlich wie das Alltagsleben in der zerbombten Stadt: Es herrscht überall Mangel. Aber der lässt sich überwinden - das ist auch die Botschaft des Films. In "Arche Nora" will eine junge Frau, die alles verloren hat, ihrem Leben ein Ende setzen, ihr Mann ist vom Krieg traumatisiert. Zwei junge Männer auf einem Schiffswrack retten die beiden.

Ein Trümmerfilm als Mutmacher

Das kommt bei Publikum und Kritikern gut an. Nach der Uraufführung am 6. Februar 1948 im Waterloo-Theater schreibt "Der Spiegel": "Der Film sagt ohne billigen Optimismus und ohne Verniedlichung der Zeit aus der Trümmerperspektive zum Leben Ja. Ein Film ohne Phrasen und Seelenakrobatik, mit jungen Menschen, die wirklich jung sind, nicht nur so maskiert." Auch die Zuschauer mögen diesen Trümmerfilm. Filmhistoriker und Trebitsch-Biograf Michael Töteberg führt das darauf zurück, "dass Trümmerfilme auch gleichzeitig Aufbaufilme waren. Die Zuschauer wurden nicht deprimiert nach Hause geschickt."

Abendjournal Spezial

Grundstein für erfolgreiche Filmproduktion

Was aber fast noch wichtiger ist: Der Film ist eine Initialzündung für Hamburg als Filmstadt."'Arche Nora' wird unser erster Schritt in Hamburg sein und die Grundlage für eine ständige Produktion in dieser Stadt schaffen, die auch internationale Bedeutung erlangen soll." Mit diesen Worten hatte Gyula Trebitsch dem Team zu Drehbeginn von "Arche Nora" Mut gemacht. Und er hat Recht. Schon der übernächste Film wird im Herbst 1948 im eigenen Atelier in Tonndorf gedreht, das in den folgenden Jahren immer weiter ausgebaut wird. Bis 1950 entstehen zwölf weitere Filme, unter anderem mit Stars wie Willy Fritsch, O.W. Fischer, Marianne Hoppe und Zarah Leander.

"Hauptmann von Köpenick" bringt Oscar-Nominierung

Der internationale Durchbruch gelingt 1956 mit dem "Hauptmann von Köpenick". Das Drama unter der Regie von Helmut Käutner mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle lockt zehn Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos und ist auch im Ausland erfolgreich. Er wird als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert und gewinnt sechs Auszeichnungen beim Deutschen Filmpreis. Weitere Produktionen, die heute Klassiker sind, folgen - darunter "Das Herz von St. Pauli" mit Hans Albers oder "Die Zürcher Verlobung" mit Liselotte Pulver.

Buchtipp

Gyula Trebitsch
von Michael Töteberg und Volker Reißmann
Verlag: Ellert & Richter 2014
Bestellnummer: 978-3831905850
Preis: 14,90 Euro

Einstieg in die Fernseh-Produktion

Eine Zäsur bringt 1960 die immer größere Bedeutung des Fernsehens. Während Gyula Trebitsch auf das neue Medium setzt, ist Walter Koppel skeptisch, er glaubt weiterhin ans Kino. So trennen sich die Wege der Gründer. Real-Film wird in Real-Film Walter Koppel KG umfirmiert und produziert weiterhin Spielfilme, geht aber 1965 Konkurs. Trebitsch gründet zusammen mit der NDR Werbetochter NWF die Real-Film Atelierbetriebsgesellschaft mbH, die kurze Zeit später in Studio Hamburg umbenannt wird und fortan schwerpunktmäßig fürs Fernsehen produziert sowie seine Ateliers vermietet.

Mit Serien erfolgreich

Bild vergrößern
2011 war er erstmals zu sehen, jetzt ist er Kult: Bjarne Mädel als Tatortreiniger Schotty.

In den folgenden Jahren setzt Studio Hamburg verstärkt auf Serien mit beliebten Schauspielern, die nicht nur beim deutschen Vorabend-Publikum gut ankommen, sondern zum Teil auch ins Ausland verkauft werden können. In den 60er-Jahren sind unter anderem "Gestatten, mein Name ist Cox!" mit Günther Pfitzmann, "Gertrud Stanitzki" mit Inge Meysel und die Krimiserien "Hafenpolizei" und "Polizeifunk ruft" erfolgreich. 1970 folgt der erste Tatort, später die "Sesamstraße", "Das Traumschiff" und "Die Schwarzwaldklinik". Auch aktuell entstehen viele beliebte Serien bei Studio Hamburg, so etwa "Rote Rosen", "Soko Wismar" und "Der Tatortreiniger".

In stürmischen Zeiten für die Zukunft gerüstet

Heute ist Studio Hamburg eine der größten deutschen Film- und Fernsehproduktionen und ein wichtiger Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb in der Hansestadt. Das Unternehmen beschäftigt rund 800 feste sowie mehr als 800 freie Mitarbeiter und vergibt jährlich einen Nachwuchspreis. Für die Zukunft sieht Geschäftsführer Johannes Züll sein Unternehmen trotz des schnellen Wandels der Medien gut aufgestellt: "Ich denke, dass wir genügend Breite und Tiefe im Konzern haben, um auf sich wandelnde Herausforderungen flexibel reagieren zu können. Studio Hamburg ist technologisch innovativ und künstlerisch kreativ. Zwei wichtige Voraussetzungen, um in den stürmischen Zeiten des Medienwandels Kurs halten zu können."

Filme, Stars, Serien: 70 Jahre Studio Hamburg

 

Weitere Informationen
03:45

Studio Hamburg wird 70 Jahre alt

01.03.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal

Hundert Spielfilme wurden im 1947 gegründeten Studio Hamburg gedreht, darunter "Des Teufels General" und "Der Hauptmann von Köpenick". Anke Harnack auf Zeitreise. Video (03:45 min)

Gyula Trebitsch - Ein Cineast mit Scharfblick

Sein Gespür für Themen und Bilder war ein Garant für den Erfolg: Ein Porträt des Studio-Hamburg-Gründers Gyula Trebitsch, der Film und Fernsehen in Hamburg groß gemacht hat. mehr

Die Filmspezialisten

26.02.2017 06:30 Uhr
NDR Info

Aus der "Real-Film GmbH" geht 1960 Studio Hamburg hervor - Deutschlands größtes Dienstleistungsunternehmen rund um Film, Fernsehen und neue Medien. Die NDR Info Reportage zum 70. Geburtstag von Studio Hamburg. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 05.03.2017 | 19:30 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/geschichte/70-Jahre-Studio-Hamburg,studiohamburg126.html

Mehr Kultur

02:29

João Bosco über "Time Out"

17.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info
02:40

Seminar: Kinder lernen journalistisches Arbeiten

17.10.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
03:58

Flugzeug-Transport: Tupolew soll ins Museum

17.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin