Stand: 05.02.2016 18:38 Uhr

Was läuft schief bei der Filmförderung?

von Christiane Peitz
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Bei der diesjährigen Berlinale nimmt nur ein einziger deutscher Film am Wettbewerb um den Goldenen Bären teil: "24 Wochen" von Anne Zohra.

Venedig, Cannes, die großen Festivals - und wieder kein deutscher Film im Wettbewerb: Der Stoßseufzer gehört zum Ritual einer Branche, die finanziell mit über 300 Millionen Euro an staatlichen Fördergeldern und Ticket-Abgaben gut ausgestattet ist. Wenigstens bei der Berlinale stehen die Tore für einheimische Werke in der Regel weit offen. Letztes Jahr wurden dort gleich fünf deutsche Filmemacher ins Hauptprogramm eingeladen. Einer davon, Sebastian Schipper, räumte mit seinem One-Take-Berlin-Thriller "Victoria" dann auch noch bei den Deutschen Filmpreisen ab. Am Donnerstag wird die 66. Berlinale eröffnet, diesmal nimmt nur ein einziger deutscher Film am Bären-Rennen teil, eine "Kleine Fernsehspiel"-Koproduktion: "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached, mit Julia Jentsch in der Hauptrolle.

Fehler im Fördersystem?

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"Es gab mal eine mutigere Regisseurgeneration", findet die Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Auch in den Nebenreihen ist Deutschland spärlicher vertreten als sonst. Zufall oder Symptom? Ein schwacher Jahrgang oder Zeichen für die chronisch schwächelnde deutsche Filmkunst? Letzten Sommer sprach Kulturstaatsministerin Monika Grütters deutliche Worte, kritisierte die Mutlosigkeit deutscher Filmemacher und vermisste Experimente. "Es gab mal eine mutigere Regisseurgeneration", sagte die CDU-Politikerin im "Spiegel"-Interview. Und setzte noch eins drauf, indem sie Erfolgsfilmern wie Til Schweiger und Matthias Schweighöfer gutes Handwerk und gekonnte Unterhaltung attestierte, mehr aber auch nicht. Ein vergiftetes Kompliment.

Grütters befürchtet, dass der Fehler im Fördersystem liegt, in einer Gremienpolitik, die, so die Staatsministerin wörtlich, "gute Ideen manchmal so herunterdekliniert, dass nur ein weichgespültes Produkt herauskommt". Im November wurde deshalb der Bundestopf für die rein kulturelle Förderung von 4,5 auf 20 Millionen Euro aufgestockt - die Summe entspricht jetzt der des kleinen, kulturell ungleich erfolgreicheren Filmlands Österreich. Anfang 2017 steht die Novelle des Filmfördergesetzes ins Haus, auch dort kann an den Stellschrauben zugunsten der Kinokunst gedreht werden. Ob es gelingt?

Kein guter Start ins Filmjahr

Kunst und Kommerz driften auseinander, die Lagerbildung ist nicht neu. Sie hat ihre Wurzeln in der Vertreibung der großen jüdischen Erfolgsregisseure Billy Wilder oder Max Ophüls ins Exil. In der Nachkriegszeit setzte sie sich mit den Produktionen des "Schnulzenkartells" auf der einen und den Rebellen des neuen deutschen Films auf der anderen Seite fort. Anders als etwa in Frankreich hat sich der Graben zwischen Anspruch und populär seitdem vertieft. Aktuelle, kulturell vielversprechende Produktionen wie  Tom Tykwers Dave-Eggers-Verfilmung "Ein Hologramm für den König", Helene Hegemanns Adaption ihres Erfolgsbuchs "Axolotl Roadkill" oder Maria Schraders Stefan-Zweig-Biopic mit Josef Hader, Corinna Harfouch und Matthias Brandt starten jedenfalls nicht auf der Berlinale. Weil sie deren Qualitätskriterien offenbar nicht erfüllen oder man sich bei den Modalitäten nicht einigen konnte. Nicolette Krebitz zog es jedenfalls trotz Einladung vor, mit ihrer schrägen Lovestory "Wild" auf dem Independent-Festival in Sundance Weltpremiere zu feiern. Kein guter Start ins Filmjahr.

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"Fack Ju, Göhte 2" war der erfolgreichste Film des Jahres 2015.

Ähnlich wie in den Vorjahren sieht die ökonomische Bilanz aber gar nicht übel aus. Dank "Fack ju, Göhte 2" und Til Schweigers Alzheimer-Melokomödie "Honig im Kopf" dürfte sich der deutsche Marktanteil 2015 auf ordentliche 20 bis 25 Prozent belaufen. Mit voraussichtlich 1,2 Milliarden Euro Gesamtumsatz hofft die Filmindustrie auf ein neues Rekordjahr, und für die nächste Saison sind bereits etliche potentielle Publikumsrenner in Arbeit. Fatih Akin verfilmt "Tschick", Andreas Dresen das Kinderbuch "Timm Thaler", und Hollywood-Regisseur Wolfang Petersen kehrt für sein nächstes Projekt eigens nach Deutschland zurück: für "Vier gegen die Bank", das Remake einer Krimi-Komödie mit dem All-Star-Cast Schweiger, Schweighöfer, Bully Herbig und Jan Josef Liefers.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 07.02.2016 | 19:05 Uhr