Stand: 06.10.2017 16:25 Uhr

Das Gesetz der Straße

von Beatrix Novy

Keiner mag die Raserszene

Dem Rechtsempfinden kommt auch das geplante Gesetz entgegen, das "illegale Rennen" von der Ordnungswidrigkeit zum Straftatbestand machen soll, also auch dann, wenn keiner zu Schaden kommt. Strafbar ist allerdings schon immer jeder gefährliche Eingriff in den Straßenverkehr, und man fragt sich, ganz laienhaft natürlich, warum es bisher gegen 160 Stundenkilometer in der Stadt weniger Sanktionsmöglichkeiten geben soll als beim Pizzaessen am Steuer, als betrunken zu sein oder mit dem Handy zu daddeln? Zumal bei einem Privatrennen in aller Regel an der roten Ampel ordentlich Gas gegeben wird, was wohl die Grenze von der Ordnungswidrigkeit zur Straftat endgültig überschreitet.

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Keiner mag die Raserszene. Das versteht sich von selbst. Ihre Anhänger sind unbekannte Wesen aus kaum bekannten Wohngegenden, Männer, die statt Alkohol Eiweißpräparate spachteln, sich übers Auto definieren und mit ihm sich sozial aufzuwerten suchen. Einiges davon trifft bekanntlich auch auf größere Bevölkerungsgruppen zu, zum Beispiel auf den gemeinen Autobahnraser, auch nicht beliebt, aber dafür allgegenwärtig. Er selbst sieht sich als zügigen Fahrer. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind für ihn Kränkungen seines wohlbegründeten Selbstbewusstseins und daher Auslegungssache. Wenn ein Fahrer, eine Fahrerin, von sich sagt, dass er bzw. sie ganz gern da vorn auf der linken Spur mitspielt, ist die Assoziation eines Wettrennens auch nicht weit. Und so sieht es ja oft aus, was sich da abspielt.

In einer Gesellschaft, die auf allen Ebenen hin zur Beschleunigung konvergiert, haben periodisch wiederkehrende Entschleunigungsappelle höchstens symbolische Funktion. Im System Straßenverkehr erscheint die kriminelle Raserszene wie die dunkle Abspaltung der bürgerlichen Raserseele, die selbst vom Imperativ der Eile getrieben auf eine Gruppe spielsüchtiger Loser Empörung abladen kann. Natürlich finden "Runter vom Gas"-Appelle allgemeine Zustimmung, was aber die Wertschätzung eines charmant-rasanten Fahrstils nie ausschließt.    

Allgemeines Tempolimit - unvorstellbar!

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Ein allgemeines Tempolimit auf deutschen Straßen kommt schon ideologisch nicht in Frage.

Dass zu schnelles Fahren seit Jahrzehnten nach wie vor an der Spitze der Unfallursachen steht, rührt nie an den Geschwindigkeitskult. In der Bundesrepublik kommt, im Gegensatz zum größeren Rest der Welt, ein allgemeines Tempolimit schon ideologisch nicht in Frage. Unvorstellbar das Schneckentempo in den USA, oder gar in der einstigen DDR, wo, völlig unglaublich, ein tödlicher Unfall mit Fahrerflucht für die Polizeiruf 110-Kommissare ein Fall für eine ganze Krimifolge war.  

Die Regel ist eher positiv konnotiertes Gasgeben in den Medien. Deren Wirkung auf menschliche Psychen ist bekanntlich - jedenfalls angeblich - viel zu komplex, um sie dingfest zu machen. Nur manchmal möchte man die Komplexität vergessen und an Verantwortung erinnern dürfen. Verfolgungsjagden in Actionfilmen, jenseits jeden Realitätsverdachts und oft mit Ironiefaktor, sind eine Sache. Aber die Serien-Kommissarin im Fernsehen, zu deren Persönlichkeits-Profil halsbrecherisches Navigieren über deutsche Landstraßen gehört, sollte vielleicht lieber langsamer fahren. 50 Jahre, nachdem Cary Grant völlig gerädert aus Grace Kellys Auto stieg, müssen Frauen eh nichts mehr beweisen.  

Wir hinken immer noch hinterher

Seitdem sind die Straßen erheblich voller geworden. Und kaum friedlicher. Gehetzt von hechelnden Dränglern an einem Sonntagmittag im Schwarzwald, wenn man schon weiß, dass es abends Tote gegeben haben wird; oder eingekeilt im normalen Wahnsinn auf der A3 an einem mittelschlimmen Wochentag, mag man gar nicht glauben, dass viele Jahre technologischer und verkehrstechnischer Sicherheitspolitik die Zahl der tödlich Verunglückten von einst Zehntausenden auf rund 3.500 hat sinken lassen. Es gibt Leute, die das immer noch zu viel finden. Aber das Selbstverständliche nicht selbstverständlich zu nehmen, ist gar nicht so einfach. Schließlich sind die meisten selbst Mitglied dieser Schicksalsgemeinschaft, die auf den Straßen, einander oft spinnefeind, im Widerstand gegen eine regulierende Staatsgewalt aber höchst solidarisch dem örtlichen Radiosender die Radarfallen melden.

Die Sicht auf überhöhte Geschwindigkeit im freundlichen Licht eines Kavaliersdelikts hat sich lange in mitunter grotesk milden Gerichtsurteilen ausgewirkt. Das hat sich schon geändert, aber offenbar hinken wir immer noch hinterher. Eine zum Berliner Prozess eingeladene Schweizer Gutachterin war jedenfalls ganz überrascht, dass einer der angeklagten Raser schon mehrere Unfälle verschuldet und trotzdem noch sein Auto und seine Fahrerlaubnis hatte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 08.10.2017 | 19:00 Uhr

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