Stand: 24.08.2017 15:16 Uhr

Als Künstler Meister, als Mensch erbärmlich

Auguste Rodin
, Regie: Jaques Doillon
Vorgestellt von Hartwig Tegeler

Rodins Skulpturen "Der Denker" oder "Der Kuss", aber auch "Das Höllentor", das riesige Bronzeportal, sind klassische Meisterwerke. Nun hat der französische Regisseur Jacques Doillon einen Spielfilm über den Künstler gedreht mit dem Titel: "Auguste Rodin"

Am Anfang von Jacques Doillons Film scheint der Künstler am Ziel seiner Träume. Es ist das Jahr 1880. Auguste Rodin, grandios gespielt von Vincent Lindon, bekommt mit 40 seinen ersten Staatsauftrag: Inspiriert von Dantes "Göttlicher Komödie" soll er das Eingangsportal für das neue Pariser Kunstgewerbemuseum gestalten.

Die junge Geliebte: ebenbürtig und hochbegabt

In dieser Zeit wird seine 24 Jahre jüngere Schülerin Camille Claudel seine Geliebte - sie ist hochbegabt und künstlerisch, wie sich zeigen wird, Rodin vollauf ebenbürtig.

Anders als in Bruno Nuyttens Camille-Claudel-Film von 1988 spiegelt die tragische Liebesbeziehung zwischen Auguste Rodin und Camille Claudel bei Jacques Doillon immer die Frage: Wie kann Kunst entstehen? Auguste Rodin wird von vielen seiner Zeitgenossen in seinen radikalen Entwürfen zwar nicht verstanden, aber von vielen anderen auch anerkannt, bewundert, gar verehrt. Camille Claudel, gespielt von Izïa Higelin, ist als Künstlerin, als Frau also, nicht akzeptiert. Rodin, der Mann, versteht das nicht:

"Du bist so gehässig, Camille, und ich weiß auch warum. Du bekommst viel zu wenig Anerkennung. Und das kannst du nicht ertragen. Ich habe mehr Glück gehabt als du. Aber das darf nicht unsere Beziehung zerstören." Filmzitat

Was es aber am Ende doch tut. Camille Claudel kommentiert das im Film nur mit dem Satz: Als Künstler Meisterwerke, als Menschen erbärmlich.

Genialität und Drama im Jahrhundertwende-Atelier

Es gibt zurzeit im Kino einen Parallelfilm zu "Auguste Rodin": "Final Portrait", Stanley Tuccis Annäherung an den Bildhauer, Maler und Grafiker Alberto Giacometti. Beide betreten nicht die ausgetretenen Pfade des "biopics". Tucci fokussiert seinen Film ganz auf die Entstehung eines einzelnen Giacometti-Porträts. Doillon konzentriert sich auf den Prozess der Entstehung der Kunst, die Arbeit mit den Modellen, mit den Körpern.

"Sie müssen heute herumkriechen, sag ihnen das. Ich brauche krampfende Hände, verzerrte Münder, Leiber, die keuchen, als wären sie vom Teufel besessen." Leseprobe

Progressiv und sinnlich

So wird Jacques Doillons Rodin-Film zu einem sinnlichen Film. Sinnlich wegen Rodins Arbeit am Ton, diesem lebendigen Material, das der Künstler mischt, faltet, knetet, mit den Fingern bearbeitet, schneidet, schält, bis dieser Ton lebendig wird, wie Rodin sagt, wenn er die Wahrheit aus diesem Material quasi herausschöpft. Sehr zur Irritation seiner Zeitgenossen, die beispielsweise - wie gesagt, die 1880er Jahre - ihren Balzac, an dessen Skulptur Rodin jahrelang arbeitete, netter haben wollten. Die Kommission ist empört, ja, entsetzt:

"Ihr Balzac ist ein Haufen unförmige Masse. Ich finde kaum Worte dafür, diese Figur ist wirklich abstoßend." Filmzitat

Rodins Atwort: "Ich versuche nicht zu gefallen. Mein Ziel ist es, wahrhaftig zu sein." Wie sehr dieser Kampf um die Wahrheit ein dynamischer, zur Verzweiflung und Glückseligkeit treibender Prozess ist, davon erzählt uns dieser wunderbare Film.

Auguste Rodin

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
mit Vincent Lindon, Izïa Higelin, Séverine Caneele, Bernard Verley, Anders Danielsen Lie
Regie:
Jaques Doillon
Länge:
121 Min.
FSK:
FSK ab 6 Jahre
Kinostart:
31. August 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 31.08.2017 | 07:20 Uhr

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