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Hungerwinter - Überleben nach dem Krieg

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Ein alter Mann nimmt an einer Mülltonne in Köln während der Nachkriegszeit seine Mahlzeit ein.

Oktober 1946. Europa liegt in Trümmern. Die Sorge der meisten Deutschen gilt dem eigenen Überleben. Sich selbst und die Familie durchbringen - darauf sind alle Anstrengungen gerichtet. Nahrungsmittel sind ein kostbares, rationiertes Gut. In den Geschäften werden sie bereits seit Kriegstagen nur gegen Lebensmittelmarken ausgeteilt - wenn es überhaupt etwas zu verteilen gibt. Im Herbst 1946 fordern Experten eine tägliche Mindestration von rund 2.000 Kalorien, doch in Köln oder Hamburg, Berlin oder Leipzig stehen nicht selten nur 1.000, mancherorts sogar nur 800 Kalorien täglich zur Verfügung. Die Menschen hungern. Der Verlust der Lebensmittelmarken kann den Tod bedeuten.

Ohne Essen und ohne Obdach

Hinzu kommt, dass die Aufbauarbeit in den schwer zerstörten Städten nur schleppend vorangeht. Intakter Wohnraum ist knapp. Etwa 20 Millionen Menschen leben in Ruinen, rund 10 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten suchen zusätzlich Zuflucht in den vier Besatzungszonen. Und der nächste Winter steht vor der Tür, und noch ahnt niemand, dass es einer der härtesten des 20. Jahrhunderts werden wird. Die Alliierten und die deutschen Länderverwaltungen stehen vor einer schwierigen Herausforderung: Wie können sie die Deutschen durch die kalte Jahreszeit bringen?

Der "Weiße Tod" und "Schwarzer Hunger" kommen im Winter 1946/47

Drei große Kältewellen werden im sogenannten Hungerwinter 1946/47 in Deutschland registriert. Bereits im November und im Dezember fällt das Thermometer tagelang weit unter null Grad Celsius. Die dritte und härteste Kältewelle folgt im Januar 1947. In der französischen und britischen Besatzungszone friert der Rhein auf 60 Kilometer zu. Die Elbe ist komplett vereist. Die Binnenschifffahrt kommt zum Erliegen und damit ein lebenswichtiger Transportweg für Nahrung und Kohle. Viele der bereits durch Unterernährung geschwächten Menschen überleben den "Weißen Tod", wie sie die gnadenlose Kälte nennen, nicht. Historiker schätzen, dass allein in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen an den Folgen von Kälte und Hunger sterben. Erfrierungen, Krätze und Hungerödeme sind an der Tagesordnung. Tuberkulose und andere Mangelkrankheiten werden zur tödlichen Gefahr.

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