Stand: 07.10.2015 10:07 Uhr

Atemlos beim Kriegsthriller "Unter dem Sand"

von Patricia Batlle

Stille, absolute Stille. So langsam, wie die deutschen Kriegsgefangenen im Mai 1945 auf der Leinwand über den dänischen Sand robben, um sich auf dem Bauch an die nächste Tellermine heranzupirschen, so still ist es auch im Kino bei der Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg von "Unter dem Sand". Viele Zuschauer im ausverkauften Saal beim Cinemaxx in Hamburg halten am Dienstagabend beim Thriller des dänischen Regisseurs Martin Zandvliet den Atem an. Bis wieder eine Mine explodiert und einige sich die Ohren, andere die Augen zuhalten.

Gefeierte Deutschlandpremiere des Kriegsthrillers

Viele Minderjährige unter den deutschen Soldaten

Es ist keine leichte Kost, die sich der 44-jährige Däne Zandvliet für seinen dritten Spielfilm ausgesucht hat. Er schlägt ein fast unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkrieges auf: Nach Kriegsende im Mai 1945 schickt man in Dänemark die deutschen Soldaten nach Hause. Doch einige - es sind besonders viele Minderjährige dabei - werden zu einem Minenräumkommando zur dänischen Westküste beordert. Dort sollen sie mit bloßen Händen im Sand nach Minen suchen und sie entschärfen. Mehr als eineinhalb Millionen Minen hatten die Deutschen aus Furcht vor einer Invasion der Alliierten an den dänischen Stränden (und im Wasser) vergraben. Geschätzt 2.000 junge deutsche Soldaten sollten diese räumen und entschärfen. Viele überlebten den Einsatz nicht oder wurden verstümmelt.

Zandvliets Spielfilm lässt den Zuschauer unmittelbar an der lebensgefährlichen Suche teilnehmen. Die Kamera filmt die Finger, die zitternd die Tellerminen auseinanderschrauben. 14 junge Männer sind dem dänischen Kommandanten Carl (gespielt von Roland Møller) unterstellt. Er sorgt dafür, dass sie Strandabschnitt für Strandabschnitt jeden Zentimeter abarbeiten. Zu essen gibt es nichts.

Interview

"Ich erzähle von der dunklen Seite des Menschen"

Regisseur Martin Zandvliet im Interview über die Dreharbeiten von "Unter dem Sand", die Grausamkeit des Krieges und das Verhältnis von Deutschen und Dänen. mehr

Zandvliet ist ein bildgewaltiger, nervenzerreißender Film mit einem fabelhaften Ensemble gelungen, der im Spannungsbogen an Klassiker wie "Lohn der Angst" und an Steven Spielbergs "Der weiße Hai" erinnert. Er zeigt die humane Seite des Krieges: wie der anfangs verrohte Kommandant die jungen Deutschen zu respektieren und zu schätzen beginnt. Zandvliet sagt im Interview, er wolle ein humanes Porträt zeigen, "das aussagt, dass Menschen sich ändern können". Das bewegte Hamburger Publikum ist begeistert und bejubelt den Regisseur wie die anwesenden Schauspieler im Saal, darunter Roland Møller, Louis Hofmann und Joel Basman.

Großes Lob aus Hollywood

Beim für die Kinobranche wichtigen Filmfest in Toronto ist der Thriller bereits gefeiert worden. Die Kritik lobt ihn als "ein bewegendes Anti-Kriegs-Essay und als packenden Thriller" (so das Fachblatt "Hollywood Reporter"). "Unter dem Sand" wird einen US-Start haben. In Dänemark kommt er Anfang Dezember, in Deutschland am 4. Februar 2016 ins Kino. Produziert wurde er unter anderem von der Hamburger Produktionsfirma Amusement Park Film. Gedreht wurde zum Großteil in Dänemark - und drei Wochen lang in Leck in der Nähe von Flensburg.

Die dänisch-deutsche Koproduktion ist mit Mitteln der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein mitfinanziert worden und startet am 7. April 2016 bundesweit im Kino.

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