Stand: 11.12.2014 17:35 Uhr

Regisseur Ruben Östlund: "Ich liebe Lawinen"

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Ruben Östlund (Jahrgang 1974) hat in Göteborg Film und Fotografie studiert. "Höhere Gewalt" ist sein vierter Spielfilm.

Ruben Östlund hat in den 90er-Jahren Sportfilme und danach Dokumentar- und preisgekrönte Kurzfilme gedreht. So erhielt er 2010 den Goldenen Bären für "Zwischenfall vor einer Bank". Für seinen Spielfilm "Höhere Gewalt" (Original: "Turist"/"Force Majeure"), eine akkurat ins Bild gesetzte Analyse moderner Rollenbilder in einer Familie, erhielt der Schwede in Cannes den Jurypreis der Sektion "Un certain regard". Zudem wurde er für den Golden Globe in der Kategorie "bester fremdsprachiger Film" nominiert und ist Schwedens Vorschlag für den Oscar. NDR.de traf den Autor und Regisseur bei den Nordischen Filmtagen Lübeck.

In "Höhere Gewalt" kommen die Eltern einer perfekten Familie und wie sie auf eine vermeintliche Lawine reagieren, nicht besonders gut weg. Ist Ihr Film ein Anti-Held-Film?

Ruben Östlund: Auf jeden Fall. Den Helden gibt es nur in unserer Vorstellung, aber nicht in der Realität. Wir bringen gerne diese Helden-Vorbilder hervor, besonders wenn es um Katastrophen-Situationen geht. Wir erzählen, wie die Männer zurücktraten und die Frauen und Kinder zuerst in das Rettungsboot ließen. Diese Heldentaten sind Mythen über diese Katastrophen. Es gibt natürlich einzelne Beispiele für Helden. Aber 99 Prozent der Überlebenden aus Katastrophen fühlen Schuld, weil sie sich egoistisch verhalten haben. Sie mussten so handeln, um zu überleben. Wir vergessen das gerne.

Wie und wo haben Sie die Lawine gefilmt? Sie sieht beängstigend echt aus.

Östlund: Es ist eine echte Lawine! Wir haben sie in British Columbia in Kanada gefilmt. Komisch, oder? Wir bringen in Kanada das Leben einer skandinavischen Familie durcheinander, die im Film in den französischen Alpen ist. Ich habe sehr viel Zeit in Skigebieten verbracht und viele Skifilme gedreht. So habe ich mit dem Filmen begonnen. Nach einer Zeit war ich nicht mehr so am Skifahren interessiert, wollte lieber Spielfilme machen. Aber seither habe ich die Möglichkeit gesucht, wieder in dieser Umgebung zu arbeiten. Und Lawinen sind spektakulär! Ich liebe es, Lawinen zu betrachten. Ich habe ein YouTube-Video gesehen, wo Touristen eine Lawine betrachten. Darauf sind sie glücklich und freuen sich über das Naturschauspiel, und in drei Sekunden kippt diese Freude in absolute Panik. Das hat mich interessiert: Dieses schnelle Kippen der Stimmung. Dann passiert dasselbe wie in meinem Film: Die Katastrophe bleibt aus, die Gäste gehen zurück an ihren Platz. Mich hat diese Scham interessiert, die die Restaurantbesucher durchmachen, weil die Lawine ihr hässliches Ich hervorgebracht hat, wie sie in Panik ausbrechen. Es treibt uns die Schamesröte ins Gesicht, wenn unsere zivilisierte Fassade bröckelt. Das war der Startpunkt für meinen Film.

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Besonders der Vater Tomas macht eine schlechte Figur und verliert von allen am meisten die Kontrolle. Man könnte meinen, dass Sie ihn nicht mögen ...

Östlund: Doch, ich mag ihn. Ich liebe alle meine Figuren. Aber ich werde oft gefragt, warum ist Ruben Östlund so ein Anti-Humanist? Warum hasst er den Vater Tomas so sehr? Aber, das ist eben der konventionelle Weg, Kino zu betrachten. Die Hauptperson soll immer die richtigen Dinge tun. Mich interessieren aber Dilemmata. Was passiert, wenn die Leute falsch handeln?

Es gibt gegen Ende eine Schlüsselszene, in der die Ehefrau ihren Gatten so manipuliert, dass er wieder den klassischen Vater geben kann.

Östlund: Wir sind manipulativ in unseren Beziehungen als Mann und Frau. Wir müssen mit den Geschlechter-Erwartungen in unseren Rollen als Mann und Frau genüge tun. Der einzige Weg für das Paar Tomas und Ebba nach diesem emotionalen Durcheinander ist, diese alten Rollenmuster wieder herzustellen. Der Urlaub ist bei bürgerlichen Familien die Zeit, in der sie sich am häufigsten scheiden lassen. Wenn man in Schweden aus dem Urlaub zurückkehrt, sagen die Anwälte immer, okay, jetzt ist wieder Scheidungszeit (lacht). Daher mag ich die Ausgangssituation des Filmes so sehr: Es ist eine bürgerliche Familie, sie erleben eine Lawine, sie reagieren hilflos. Das kann nicht gut für die Familie enden.

Würden Sie den Film eher als Satire oder als Komödie bezeichnen?

Östlund: Satire trifft es ganz gut. Ich wollte einen kritischen Blick auf den Lebensstil dieser Vorzeigefamilie werfen. Normalerweise sollten wir zu ihnen aufblicken. Sie sehen perfekt aus, machen Urlaub im Luxushotel, haben die Ziele unserer Gesellschaft erreicht. Ich wollte auf sie herabschauen, diese armen Leute, die gefangen sind in ihren Mustern. Wie sie jeden Tag mit ihren elektrischen Zahnbürsten vor dem Spiegel Zähne putzen.

Was haben Sie empfunden, als Schweden "Höhere Gewalt" für den Oscar vorgeschlagen hat?

Östlund: Das ist toll. Aber ein Oscar war nie mein Ziel. Meine Filme sind in der europäischen Tradition verhaftet. Meine früheren Filme haben in Amerika das Publikum ziemlich verwirrt. Aber bei diesem sieht das anders aus. "Höhere Gewalt" kommt dort sehr gut an. Ich glaube, das liegt am nordamerikanischen Vorbild einer Kernfamilie, das stark in der Gesellschaft verankert ist. Und die meisten Vorhersagen für die Oscar-Nominierungen tippen auf meinen Film als Kandidaten.

Die Musik von Antonio Vivaldi spielt eine wichtige Rolle im Film: "Die vier Jahreszeiten" gespielt auf dem Akkordeon. Woher stammt diese Idee?

Östlund: Von meinem Produzenten Erik Hemmendorff. Er hat mir diesen Videoclip zugeschickt, auf dem ein Zwölfjähriger den Sommer von der "Vier Jahreszeiten" spielt. Das macht er mit einer Intensität und mit einem Gefühl der Verrücktheit, die den Gefühlen von Tomas entsprechen.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Östlund: Es heißt "The Square", also "Der Platz". Es geht darum, wie wir den Glauben an das verlieren, was wir gemeinsam haben. Im heutigen Schweden gibt es immer mehr "Gated Communities", also bewachte und umzäunte Wohnsiedlungen. In Göteborg, in Malmö, in Stockholm. Als mein Vater sechs Jahre alt war, haben seine Eltern ihm einen Zettel mit seiner Adresse um den Hals gehängt und ihn im Zentrum von Stockholm den ganzen Tag spielen lassen. Das war in den 50er-Jahren. Heute sehen wir andere Erwachsene als Gefahr für unsere Kinder. Damals war das jemand, der unseren Kindern helfen konnte. Da hat ein radikaler Wandel in unserer Sicht auf öffentliche Plätze stattgefunden.

Das Interview führte Patricia Batlle, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.05.2017 | 06:20 Uhr

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