Stand: 11.02.2015 16:00 Uhr

"Die Berlinale hat etwas Magisches"

von Patricia Batlle
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Die Schauspielerin Anne Ratte-Polle wohnt in Berlin, stammt aber aus der Nähe von Cloppenburg.

Sie spielt viel Theater - übernimmt aber auch immer wieder Fernsehrollen, unter anderem beim Tatort und beim Polizeiruf: die in Cloppenburg geborene Anne Ratte-Polle. Bei der Berlinale ist sie in zwei Produktionen zu sehen. Zum einen in Carolina Hellsgårds Langspielfilmdebüt "Wanja": Darin spielt Ratte-Polle, die an der Rostocker Hochschule für Musik und Theater Schauspiel studierte, eine 40-Jährige, die nach Jahren hinter Gittern versucht, zurück ins Leben zu finden. Zum anderen verkörpert die Wahlberlinerin in Michael Krummenachers zweitem Spielfilm "Sibylle" die Titelfigur. Der Film ist eine Mischung aus Drama, Mystery und Psychothriller. Ein Gespräch über starke Frauen und Horror.

Sowohl "Wanja" von Caroline Hellsgård als auch "Sibylle" von Michael Krummenacher sind Filme von jungen Regisseuren. Was reizt Sie daran, mit jungen Filmemachern zu arbeiten?

Anne Ratte-Polle: Sie haben das Glück, dass sie machen können, was sie wollen. Denen redet niemand rein. Ich fand beide Drehbücher, "Wanja" und "Sibylle", toll. Als ich daraufhin die Regisseure kennengelernt habe, haben wir gemerkt, wir haben die gleiche Fantasie. Beide hätten ihre Filme viel ernster erzählen können, mehr als Sozialdrama oder sie hätten mehr auf eine psychologische Problematik gehen können. Das war bei beiden Regisseuren nicht das Ziel. Das hat mich gefreut.

Der Film "Wanja" hat Sie zurück in die alte Heimat in Niedersachsen geführt. Wie war das?

Ratte-Polle: Ich komme vom Land, aus Peheim bei Cloppenburg, zwischen Oldenburg, Bremen und Osnabrück. Ich lebe da schon 20 Jahre nicht mehr, bin immer nur zu Besuch dort. Es war ganz schön, mal wieder zwei Wochen in der Gegend zu verbringen - und das nicht bei meiner Familie, wo man ja immer dieselben Wege geht. 

Wie ist Wanja? Sie war lange im Gefängnis und muss sich wieder in die Gesellschaft integrieren.

Ratte-Polle: Sie kommt aus der Drogenkriminalität und hat es im Knast geschafft, clean zu werden. Das zeugt von einem sehr starken Willen. Sie ist sehr angstfrei. Sie hat sich etwas vorgenommen und zieht das durch. Ich mochte das Machohafte an ihr sehr. Es hat sehr viel Spaß gemacht, diese Rolle zu spielen. Es geht um einen Neuanfang. Viele Frauen, die aus dem Knast kommen, werden rückfällig und gehen wieder zurück in den Knast. Dort ist alles geregelt. Da kennt man sich aus und weiß Bescheid. Nach acht Jahren muss man alles wieder neu arrangieren und sich zurechtfinden. Das ist ein Sprung ins kalte Wasser.

In Ihrem anderen Berlinale-Beitrag "Sibylle" von Michael Krummenacher spielen Sie eine Mutter, die im Urlaub und nach der Heimkehr in Deutschland merkwürdige Dinge erlebt. Ist es ein purer Horrorfilm?

Ratte-Polle: In gewisser Weise schon, aber einer, der geerdet ist. Das ist nicht nur Horror, um des Horrors Willen. Das Ganze funktioniert über die Bildsprache. Das Genre Horror wird benutzt, um die Wahrnehmung von Sibylle zu erzählen. Der Zuschauer kriegt ihre Wahrnehmung mit und sieht, wie sie in eine Parallelwelt abdriftet. Sibylle hat auf einmal Angst vor ihrem pubertierenden Sohn, weil dieser auf einmal stärker ist als sie. Sie hat Angst vor Veränderungen und wehrt sich mit aller Macht dagegen.

Sibylle begegnet im Urlaub einer Frau, die ihr sehr ähnlich ist und die sich dann in den Selbstmord stürzt. Sibylle fängt dann an in deren Vergangenheit zu forschen. Warum?

Ratte-Polle: Es ist einerseits ein großer Schrecken für Sibylle, andererseits auch eine totale Neugierde. Irgendetwas zieht sie da an, sie will die Frau im Krankenhaus besuchen - aber die ist tot. Sybille fängt an, sich mit der anderen zu vergleichen und stellt immer mehr Parallelen zu ihrem Leben fest. Bis sie dann ... aber das darf ich hier nicht verraten. Aber eines kann man sagen: Wenn man nicht will, dass etwas passiert, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es erst recht passiert. Murphy's-Law. Den Grundgedanken fand ich toll. Der Film hat mich auch sehr angegriffen.

Sie machen dem Zuschauer jedenfalls ordentlich Angst. Einmal lächeln Sie in die Kamera, da läuft es einem den Rücken herunter ...

Ratte-Polle: Das freut mich sehr. Der Film hat eine große Merkwürdigkeit. Sibyllen sind in der griechischen Mythologie die Frauen, die in die Zukunft sehen. Und beim Film bleibt offen, was tatsächlich in der Realität passiert, und was nur in Sibylles Kopf.

Sie spielen meistens Theater, treten im Fernsehen auch beim Tatort und beim Polizeiruf 110 auf. Würde Sie eine Hauptrolle in einer TV-Serie reizen?

Ratte-Polle: Wenn ich jetzt eine Serie machte, würde man mich mit dieser Figur in dieser Serie verbinden. Ich möchte aber noch so viel spielen - und nicht mit einer bestimmten Rolle verbunden werden. Andererseits gibt es tolle Serien, das fängt hier in Deutschland auch gerade verstärkt an. Das, was die Amerikaner und die Skandinavier machen, da hätte ich natürlich große Lust zu. Ich bin dankbar für viele Angebote. In erster Linie will ich aber Film und Theater machen.

Sie waren mehrfach mit Filmen bei der Berlinale und wohnen hier. Was bedeutet Ihnen die  Berlinale?

Ratte-Polle: Es ist ein ganz toller Ausnahmezustand. Die Berlinale hat auf mich immer - auch wenn ich nicht mit einem eigenen Film dabei war - eine totale Sogkraft. Der konnte ich mich nie entziehen, auch wenn ich parallel Proben hatte. Für mich hat die Berlinale etwas Magisches.

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