Sendedatum: 28.01.2016 07:20 Uhr

Brutaler Western von Quentin Tarantino

The Hateful 8
, Regie: Quentin Tarantino
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Die Musik von Ennio Morricone hebt an, und schon wissen wir: Diese Kutsche, die durch die verschneite amerikanische Landschaft fährt, ist eine Schicksalskutsche. In Quentin Tarantinos Western "The Hateful 8" transportiert sie ein Grüppchen abgebrühter Gestalten: den Kopfgeldjäger John Ruth, gespielt von Kurt Russell, und seine Beute, die Bandenführerin Daisy Domergue, gespielt von Jennifer Jason Leigh. Dick vermummt steigt Samuel L. Jackson in die Kutsche, auch er spielt einen Kopfgeldjäger - im Gepäck zwei gefrorene Leichen. Wie das unter zivilisierten Reisenden so ist, macht man ein bisschen Konversation.

Als auch noch der zukünftige Sheriff des nächsten Städtchens in die Kutsche steigt, ist die Kerntruppe dieses Westerns komplett. Schon nach wenigen Filmminuten wirkt Tarantinos Kutsche wie ein Dampfkochtopf. Schnell begreifen wir, weshalb Daisy ein tiefblaues Auge hat - immer wieder schlägt ihr John Ruth seinen Ellenbogen ins Gesicht. Auch unter dem Rest der Reisenden herrschen Antipathien - die nicht zuletzt mit der jüngsten amerikanischen Geschichte zu tun haben.

Selbstzitate und fehlende Spannung

Ein Schneesturm wird die Reisenden in einer Rasthütte einschließen, in der weitere - natürlich zwielichtige - Gestalten abhängen. Hier verwandelt sich "The Hateful 8" in ein Kammerspiel. Wer führt hier was gegen wen im Schilde? Diese Frage wird behäbig in immer neuen Varianten beantwortet.

Während Tarantino in anderen Filmen mit den Versatzstücken, Genres, Motiven des Kinos spielte und jonglierte und daraus einen ureigenen wilden Stil kreierte - landet er in "The Hateful 8" beim Schlimmsten oder Langweiligsten, was einem Regisseur passieren kann: dem Selbstzitat - und zwar bis in die Schauspielertypologien. Da spielt etwa Tim Roth einen eloquenten, sich an seinen eigenen Sprachfiguren berauschenden Herrn, der sich als Henker ausgibt, und wirkt doch einfach nur wie ein Christoph-Waltz-Charakter.

Western-Version von Agatha Christies "Mord im Orientexpress"

Um es klar zu sagen: In "The Hateful 8" wird Blut gekotzt, zerplatzen Köpfe, wird in männliche Geschlechtsteile geschossen, wird erstochen, erhängt, werden Arme abgehackt. Aber auch die Gewalt hat hier nicht die tarantinohafte Überzeichnung, die in früheren Filmen zum exzessiven Kommentar von Gewalt im Kino wurde. Vor allem aber steht sie diesmal nicht in einem Spannungsverhältnis zu absurden, durchgeknallten, komischen Dialogen. Das Drehbuch erinnert vielmehr an eine Western-Version von Agatha Christies "Mord im Orientexpress". Irgendjemand wird schon der Halunke sein.

Stereotypen im Breitwandformat

Quentin Tarantino hat seinen Film mit einer alten Panavision-Kamera gedreht, im extremen Breitwandformat. Aber wozu? Die Kamera filmt ja zwei Stunden lang nur Menschen in geschlossenen Räumen. Und was filmt sie? Letztlich kostümierte Stereotypen. Wir interessieren uns nicht wirklich für das, was diese Typen einander antun. Der Sadismus, mit dem etwa der Kopfgeldjäger Jack Ruth seine Gefangene Daisy behandelt, ist irgendwann nur noch purer Sadismus. Brutalität als Selbstzweck.

In den USA wurde darüber diskutiert, ob "The Hateful 8", auch wegen der Figur des schwarzen Rächers von Samuel L. Jackson, als metaphorische Reaktion auf die rassistische Polizeigewalt unter anderem in Ferguson verstanden werden kann. Aber in Tarantinos Film metzeln alle gleichermaßen einander nieder: Schwarze, Mexikaner, Weiße, Frauen und Männer. Der Hass ballt sich zu reinem Hass und verweist auf keine Außenwelt mehr - geschweige denn eine amerikanische.

Der Film ist für drei Oscars nominiert: für die beste Nebendarstellerin Jennifer Jason Leigh, für die beste Kamera von Robert Richardson und für die Filmmusik von Ennio Morricone.

The Hateful 8

Genre:
Western
Produktionsjahr:
2015
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh
Regie:
Quentin Tarantino
Länge:
168 min.
FSK:
FSK ab 16 Jahre
Kinostart:
28. Januar 2016

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 28.01.2016 | 07:20 Uhr

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