Stand: 31.01.2017 00:01 Uhr

Paul Verhoeven - Meister des Psychothrillers

von Patricia Batlle
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Wird über 18 Filme im Wettbewerb als Jurypräsident mitbeurteilen: Paul Verhoeven.

Zwei Golden Globes sind im Januar an das französische Vergewaltigungs-Rache-Drama "Elle" verliehen worden: für den besten fremdsprachigen Film und für die beste Hauptdarstellerin - Isabelle Huppert. Seit wenigen Tagen steht fest, dass die Französin erstmals in ihrer langen Karriere für den Oscar als beste Schauspielerin nominiert ist. Regisseur Paul Verhoeven feiert mit der Verfilmung des Romans "Oh..." von Philippe Djian ein regelrechtes Comeback im Kino. Ein Porträt des niederländischen Regisseurs, der im Februar Jurypräsident des Wettbewerbs der Berlinale ist.

"Ich habe noch nie so etwas erlebt. In meiner ganzen Karriere nicht. Ich habe noch nie jemand am Set so arbeiten sehen wie sie". Paul Verhoeven kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Viele Filme voller Sex und Gewalt hat der Regisseur, Autor und Produzent in den Niederlanden und in Hollywood seit 1960 gedreht. Aber noch nie hat der 78-jährige Doktor der Physik und der Mathematik jemanden mit einer so intensiven Eindringlichkeit auf der Leinwand erlebt wie die Französin Isabelle Huppert: "Ich habe manchmal beim Dreh auf den Monitor geschaut, völlig fasziniert von den Bildern und konnte nicht einmal 'Cut!' rufen."

Erste Oscar-Nominierung für Isabelle Huppert

Huppert spielt in seinem Psychothriller "Elle" die Geschäftsfrau Michèle, die nach einer brutalen Vergewaltigung sadomasochistische Abgründe erkundet. Ursprünglich sollte der Film in den USA spielen, wo Paul Verhoeven lebt. Produktion und Dreh wurden jedoch nach Paris verlegt. Also polierte der Niederländer seine Sprachkenntnisse auf, die er mit 17 während eines einjährigen Aufenthalts in Frankreich erlernt hatte, um seinen Schauspielern auf Französisch Anweisungen geben zu können.

Opfer nimmt Schicksal selbst in die Hand

In "Elle" weigert sich die vergewaltigte Michèle, Opfer zu sein und nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie sucht auf eigene Faust nach dem Täter, um ihn zu demütigen. Eine extreme - und kontroverse Rolle für Huppert, die nach dem Golden Globe dafür nun einen Oscar verdient hätte. Verhoeven, der als "Sultan des Schocks" betitelt wird, jongliert wie oft in seinen Filmen mit der Frage: Wer ist Opfer, wer ist Täter? Anfang der 90er-Jahre spielte Sharon Stone in zwei Verhoeven-Filmen eine solch ambivalente Femme fatale: im Science-Fiction-Thriller "Total Recall" und im legendären Erotikthriller "Basic Instinct".

Kino-Filmografie Paul Verhoeven (Auswahl)

1973 "Türkische Früchte"
1977 "Der Soldat von Oranien"
1987 "RoboCop"
1990 "Total Recall"
1992 "Basic Instinct"
1997 "Starship Troopers"
1995 "Showgirls"
2000 "Hollow Man"
2006 "Black Book"
2016 "Elle"

Sinn für Humor und Selbstironie

Warum nutzt der Meister der Ambivalenz Sex und Gewalt in seinen Filmen, wie in "Türkische Früchte" von 1973, der ihm die erste Oscar-Nominierung einbrachte? Verhoeven sagt dazu: "Ich glaube, das Leben besteht aus zwei primären Faktoren: Sexualität und Gewalt. Zudem mag ich Sex! Er eignet sich künstlerisch zur Charakterzeichnung." Es war übrigens Steven Spielberg, der Verhoeven nach Hollywood holte, nachdem er "Der Soldat von Oranien" gesehen hatte. Sinngemäß riet er ihm bei einem Telefonat, er könne auf keinen Fall in den Niederlanden bleiben, da er dort nie so große Filme wie in Hollywood machen könnte.

Der niederländische Regisseur Paul Verhoeven hält seinen Schauspielerin Isabelle Huppert in Beverly Hills im Arm. Beide halten jeweils ihren Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film für "Elle" und für die "beste Schauspielerin" hoch © Imago/UPI Photo

Meister der Psychothrillers: Paul Verhoeven

NDR Kultur -

Er macht kontroverse Filme wie "Basic Instinct" oder "Total Recall". Im Februar ist Paul Verhoeven Jurypräsident der Berlinale - und sein Rache-Thriller "Elle" läuft an.

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Bald also wird Verhoeven beim Wettbewerb der Berlinale über die Vergabe des Goldenen und Silbernen Bären mitentscheiden. Die Jury darf sich auf seinen ausgeprägten Sinn für Ironie freuen: Er war der erste Künstler, der den Schmähpreis "Goldene Himbeere" für "Showgirls" persönlich abholte - und in seiner Rede konterte: "Meine Filme werden hier kritisiert, weil sie als dekadent, pervers und schmierig gelten. Das bedeutet sicher, dass ich Teil dieser großartigen amerikanischen Gesellschaft bin. Danke!"

Der Psychothriller "Elle" läuft - während der Berlinale - am 16. Februar 2017 im Kino an. Die Oscar-Preisverleihung in Los Angeles wird am 26. Februar stattfinden.

Mehr Kino
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Dokumentation über Paul Verhoeven auf Arte

Paul Verhoevens Klassiker und Dinge, die niemand über den Regisseur und Jurypräsidenten der Berlinale weiß - eine Doku am 5. Februar 2017 ab 11.40 Uhr auf Arte. extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 31.01.2017 | 14:20 Uhr

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