Stand: 05.04.2017 18:00 Uhr

Nachkriegskomödie mit Moritz Bleibtreu

Es war einmal in Deutschland
, Regie: Sam Garbarski
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Im Jahr 2007 machte der belgische Regisseur Sam Gabarski auf der Berlinale Furore mit einem Film namens "Irina Palm". Darin spielte Marianne Faithfull eine Frau, die durch sehr besondere Fähigkeiten ihr Geld in einem Bordell verdient. Nun hat Gabarski einen Film gedreht, der vom Thema her kaum weiter entfernt sein könnte: "Es war einmal in Deutschland".

Zunächst einmal ist es ein gewagtes Vorhaben, sich den Nazi-Verbrechen in einer Erzählung zu nähern, die von jüdischem Humor geprägt ist, vom Galgenhumor nach dem Überleben. Von Menschen, die dem Grauen, das sie erlebt haben, mit melancholischem Witz und mit Selbstironie begegnen. So wie David, gespielt von Moritz Bleibtreu.

Der Traum von Amerika

Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager lebt David in Frankfurt am Main in einem Durchgangslager für Flüchtlinge. Er ist entschlossenen, nach vorne zu blicken, in die Zukunft, nachdem ihm die Vergangenheit genommen wurde. Er braucht Geld, um nach Amerika auszuwandern. Denn jetzt soll sein Leben losgehen!

David ist der Spross der Familie, die früher in Frankfurt das einst angesehene Wäschekaufhaus Bermann besaß. Das Familienunternehmen soll nun auf andere Weise fortgeführt werden. Man merkt Moritz Bleibtreu an, wie viel Spaß es ihm macht, David, diesen Filou und schlitzohrigen Geschäftemacher zu spielen, der eine Truppe von Kameraden zu Edelhausierern ausbildet.

Unambitionierte Ausstattung und Kulisse

Weltpremiere bei der Berlinale

Umjubelte Berlinale-Premiere mit Moritz Bleibtreu

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Leider, leider herrscht in "Es war einmal in Deutschland" das immer gleiche Licht, das in so vielen deutschen Kostümfilmen zu sehen ist, die sich mit den Naziverbrechen und mit den Nachkriegsjahren beschäftigen. Den Backsteinen im zerbombten Frankfurt sieht man an, dass sie liebevoll von Ausstattern aufgetürmt wurden, auf den Straßen meint man die Regieanweisungen zu hören, die zerlumpte Statisten und Oldtimer durchs Bild schicken.

Auch die zweite Ebene der Geschichte ist in der sepiafarbenen Standardästhetik des Kostümfilms gedreht. David wird zu der amerikanischen Militärverwaltung zitiert. Hier soll er Rechenschaft geben über das, was er während des Krieges wirklich getan hat.

Ein schwieriger Spagat

"Es war einmal in Deutschland" ist ein merkwürdiger Film. In Rückblenden erfahren wir, wozu David von dem Chef des KZs ausersehen wurde. Während Moritz Bleibtreu sein Erstaunen glaubwürdig spielt, sehen wir seinem keinesfalls ausgemergelten Gesicht halt an, dass ihm die Augenringe des KZ-Insassen sorgfältig angeschminkt wurden.

In "Es war einmal in Deutschland" kann sich der Regisseur Sam Gabarski nicht entscheiden zwischen einer Posse und einem Drama. Einerseits sollen wir über die munteren Geschäftemacher und Wäschehausierer lachen - und andererseits sollen wir mit versehrten, zerstörten Biografien mitfühlen, mit Menschen, die von den Nazis gebrochen und verstümmelt wurden. Mit Figuren, die Selbstmord begehen.

So bleibt "Es war einmal in Deutschland" ein Hybridfilm: zerrissen zwischen der Sehnsucht zu unterhalten und dem Bestreben, betroffen zu machen - und vielleicht auch zwischen den Anforderungen der gefühlt 500 Filmförderanstalten, die an diesem Film beteiligt sind.

Es war einmal in Deutschland

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Luxemburg, Belgien, Deutschland
Zusatzinfo:
mit Moritz Bleibtreu, Antje Traue, Mark Ivanir
Regie:
Sam Garbarski
Länge:
102 Min.
FSK:
FSK ab 12 Jahre
Kinostart:
6. April 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 06.04.2017 | 07:20 Uhr

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