Stand: 13.04.2017 08:00 Uhr

Kamera-Legende Michael Ballhaus ist tot

von Hartwig Tegeler

In den 1970er-Jahren arbeitete er mit Rainer Werner Fassbinder, in den 80ern ging Michael Ballhaus in die USA, arbeitete mit den Großen des Hollywood-Films - Coppola, Redford, Scorsese - und machte eine beispiellose Karriere als "Bildregisseur", wie die Amerikaner sagen. In der Nacht vom 11. auf den 12. April ist Ballhaus im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben. Auch um die Nachwuchsförderung machte er sich verdient - etwa als Dozent in Hamburg.

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Eine Legende des deutschen Films: Kameramann Michael Ballhaus ist im Alter von 81 Jahren verstorben.

Da ist der Stones-Titel "Gimme Shelter", der dem Prolog diese fiebrige Aura gibt, da ist die Stimme des zynischen Mafia-Bosses, die Martin Scorseses Film "Departed" den Eindruck eines totalitären Gewalt-Kosmos verleiht. Aber dass wir den Kopf des Gangsters nur als Schattenriss sehen, intensiviert das Beunruhigende. Und erst bei Minute vier plus 53 Sekunden sehen wir die Fratze des Bösen in Nahaufnahme - als ob Michael Ballhaus nun erst den Vorhang für diese dunkle Geschichte ganz geöffnet hat. "Eine der wichtigsten Eigenschaften ist, dass man versucht, neue Bilder zu finden, auch für eine Geschichte. Dass man sich überlegt, was kann ich anders machen? Wie kann ich eine Geschichte interessant machen?", sagte Michael Ballhaus einmal. Und dabei das Böse darstellen wie in "Departed", dem letzten von insgesamt sieben Filmen, die Ballhaus für Martin Scorsese fotografierte.

Das Werk des berühmten Kameramanns

Der "Ballhaus-Kreis"

Und da war dann ja noch der "Ballhaus-Kreis", 1989 in vollendeter Perfektion zu sehen in "Die fabelhaften Baker Boys", wenn Ballhaus die Attraktion zwischen dem Pianisten - Jeff Bridges - und der Sängerin auf dem Flügel - Michelle Pfeiffer - magisch visualisiert, indem die Kamera die Sängerin wie in einer Liebkosung in einem 360-Grad-Kreis umrundet. Erfunden hatte Ballhaus diese kreisförmige Kamerabewegung für Fassbinder.

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Hanna Schygulla hat eng mit Fassbinder zusammengearbeitet, unter anderem in "Die Ehe der Maria Braun". Kamera führte auch hier: Michael Ballhaus.

Hanna Schygulla hat Michael Ballhaus in "Die Ehe der Maria Braun" als wunderschöne Frau fotografiert. Ballhaus' Arbeit mit Rainer Werner Fassbinder, die 16 Filme, die er mit ihm gedreht hat, waren der Beginn seiner Karriere, erzählt Ballhaus: "Da er halt ein genialer Regisseur war, haben wir immer wieder mit ihm gearbeitet. Und ich wäre heute nicht das, was ich bin, wenn ich nicht mit ihm durch diese Schule gegangen wäre. Das muss man immer wieder sagen. Ich habe von ihm unglaublich viel gelernt."

Reaktionen zum Tod von Michael Ballhaus

  • Monika Grütters, Kulturstaatsministerin

    "Mit Michael Ballhaus verliert Deutschland nicht nur einen der weltbesten Kameramänner, sondern auch eine große Künstlerpersönlichkeit. Ballhaus war ein begnadeter Bildkünstler, der die Fähigkeit hatte magische Bilder mit seiner Kamera einzufangen und sie auf die große Leinwand zu bringen."

  • Martin Scorsese, Regisseur

    "Er war ein wunderbarer Mensch, der immer ein warmes Lächeln hatte, auch in den schwierigsten Situationen - jeder der ihn kannte, wird sein Lächeln in Erinnerung behalten."

  • Wolfgang Petersen, Regisseur

    "Es ist ein schlimmer Schlag." Neben den "fantastischen Kamerabewegungen" von Ballhaus schätzte Petersen auch "seine Magie mit dem Licht. Da lag ein Zauber drin, wie er die Schauspieler enorm gut ins Licht setzten konnte und sie gut aussehen ließ."

  • Dieter Kosslick, Berlinale-Chef

    Für Dieter Kosslick ist mit dem Kameramann Michael Ballhaus "nicht nur ein großartiger Künstler" gestorben. "Mit Michael Ballhaus ist auch ein großer Mensch von uns gegangen", sagte der Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin der Deutschen Presse-Agentur. Mit Ballhaus verbinde ihn nicht nur die gemeinsame Arbeit etwa in der Jury des Filmfestivals von Locarno, "wir waren auch persönlich sehr eng befreundet", sagte Kosslick

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Scorsese und Ballhaus - zwei Besessene

Und dann, nach Fassbinder, kam Martin Scorsese. Gefunden hatten sich da zwei Besessene: "Scorsese war ein sehr, sehr disziplinierter Regisseur. Der hat sich unglaublich genau vorbereitet auf seine Arbeit. Und dann habe ich diese Shotlist durchgearbeitet. Und dachte: Wunderbar. Das sind tolle Ideen." Ideen, die Ballhaus für Scorsese grandios in Bilder umsetzte - in Filmen wie "Die Farbe des Geldes", "Die letzte Versuchung Christi" oder "Good Fellas". Als Zwanzigjähriger, erzählte Michael Ballhaus einmal, erlebte er die erste Faszination für den Film, als er bei den Dreharbeiten zu Max Ophüls' "Lola Montez" zuschauen durfte: "Wie die Kamera sich bewegte, wie die durch den Raum schwebte. Da war es um mich geschehen."

Die Kamera, die sich frei bewegt, die zu einem künstlerischen Ausdrucksmittel wird. Aber der legendäre Kreis? Sei als ästhetisches Mittel abgenutzt, bemerkte sein Schöpfer nüchtern und lakonisch.

Die Verbindung von Ästhetik und Inhalt

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Ballhaus selber aber konnte auch ganz anders. Wenn man die Kampusch-Verfilmung "3096 Tage" von 2013 sieht, zeigt der Kameramann hier in einer vergleichsweise unspektakulären Bildregie seine Kunst, Bilder in den Dienst der Geschichte zu stellen. So wie bei Fassbinder, Scorsese, Robert Redford, Mike Nichols oder bei seiner Lebensgefährtin Sherry Hormann in "3096 Tage". Michael Ballhaus hat stets die Verbindung von Ästhetik und Inhalt gesucht. Das Spektakuläre und das Einfache - er praktizierte beides.

Engagement als Dozent in Hamburg

Jahrelang kümmerte sich Ballhaus auch intensiv um die Nachwuchsförderung. Er arbeitete als Dozent an den Filmhochschulen in Hamburg, München, Ludwigsburg und Berlin, wobei er versuchte, seinen Studenten beizubringen, was andere den berühmten "Ballhaus-Look" nennen. 1997 erhielt er eine Professur an der Universität Hamburg - 2009 die Fachbereichsleitung Kamera an der Hamburg Media School.

2014 machte Michael Ballhaus öffentlich, dass er langsam erblindet. Wie furchtbar für diesen Mann der Bilder, denken wir, um umso mehr beeindruckt zu sein, wie gelassen der alte Bildregisseur auf seine Filme und das Bildermachen zurückschaut: "Alles hat seine Zeit. Und diese Zeit ist vorbei. Ich kann in meinem Alter auch nicht mehr solche Filme machen. Das hat auch mit meinen Augen zu tun. Aber jetzt ist es vorbei."

Nun hat Michael Ballhaus sich endgültig vom Film verabschiedet. Nach kurzer Krankheit starb er in der Nacht zu Mittwoch in seiner Heimatstadt Berlin.

 

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.04.2017 | 08:00 Uhr

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