Stand: 09.11.2017 08:00 Uhr

"Hitler war guter Schauspieler und großer Lügner"

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Hermann Pölkings neuer Film dauert über drei Stunden und handelt von Adolf Hitler.

Über Adolf Hitler wurden unzählige Bücher geschrieben und unzählige Filme gedreht. Am 16. November kommt ein groß angelegter Dokumentarfilm über Hitler in die Kinos. Der in Vechta aufgewachsene Autor und Filmemacher Hermann Pölking fragt in über drei Stunden "Wer war Hitler". Bereits vor dem offiziellen Kinostart ist die Dokumentation mit vielen noch nie gezeigten Archivaufnahmen in der Region zu sehen - am 8. November hat sie in Vechta Weltpremieregefeiert. Im Interview erzählt Pölking, was er mit dem Film erreichen möchte.

Adolf Hitler ist ein Mann, über den schon unglaublich viel geschrieben und gesagt wurde. Es gibt zahlreiche Bücher, fiktionale Filme, Fernseh-Dokumentationen. Warum brauchen wir noch einen Film über Hitler?

Hermann Pölking: Also erst mal stellt jede Zeit neue Fragen an ein Thema. Aktuelle politische Situationen stellen neue Fragen. Wenn Leute wie Trump, Erdogan und so weiter auftauchen, dann gibt es immer gleich die Angst: Ist das wieder so ein "kleiner Hitler"? Passiert da so etwas? Auch wenn man das nicht vergleichen will. Aber die Menschen denken so etwas. Und plötzlich ist das Interesse wieder da. Der Film gibt eine Sicht auf Hitler, die eine andere ist, als die Leute noch vor 30 Jahren transportieren konnten. Wir haben jetzt diese Home-Movies, diese Amateurfilme, die beiläufig gemacht wurden. Die nicht gemacht wurden, um Hitler zu filmen, sondern um der Verwandtschaft zu zeigen: Ich war da, wo Hitler aufgetreten ist. Das ist eine andere Perspektive. Eine alltägliche Sicht auf ein Zeitgeschehen, eine Sicht, die nicht gereinigt ist. Was nicht freigegeben war, haben die Menschen damals nicht gesehen. Also ich zertrümmere die bekannte Sicht.

Die ursprüngliche Version der Dokumentation ist siebeneinhalb Stunden lang und lief bereits bei einigen Festivals. Die Kinofassung dauert etwas mehr als drei Stunden. Was erzählt Ihr Film in diesen drei Stunden, was wir noch nicht wissen?

Pölking: Inhaltlich hat es in den letzten Jahren einige zentrale  Ergebnisse gegeben, die das Bild von Hitler verändert haben. Man ging davon aus, dass Adolf Hitler sich im Ersten Weltkrieg radikalisiert hat. Es gab die Aussage von dem berühmten Historiker Kershaw: "Der Erste Weltkrieg hat Hitler geschaffen." Da wissen wir mittlerweile durch Publikationen, das war nicht der Erste Weltkrieg, das waren die Monate danach - das war der Schock der Niederlage. Im Krieg hatte er noch ein durchaus normales Verhältnis zu Juden. Im Film gibt es ein Zitat: "Hitler hatte die Eigenschaft zur Selbstsuggestion." Er fing an, das zu glauben, was er vorher nur auf Wirkung so gesagt hat oder weil ihm nichts Besseres eingefallen war. Und bei Antisemitismus  zum Beispiel, da hat er gemerkt, da hat er Wirkung. Wenn einer den Film schaut, dann sollte er den Eindruck haben, dass Hitler eine Persönlichkeit war, die Geschichte geschrieben hat. Er wird aber auch den Eindruck haben, dass er in einem breiten Strom gesellschaftlicher Unterstützung geschwommen ist. Und dann hat er die Macht konsequent in der Hand behalten.

Sie haben über 800 Bücher gelesen, Biografien, Briefsammlungen, Autobiografien von Zeitgenossen. Sie haben Archive durchforstet, hunderte Stunden an Filmmaterial gesichtet. Wie ist daraus dann ein Film entstanden?

Pölking: Ich erzähle eigentlich aus zwei Quellen: Aus dem bewegten Bild, einigen wenigen Fotografien und aus schriftlichen Zeugnissen von Zeitgenossen, die heute von Schauspielern gesprochen werden und ganz wenigen O-Tönen. Jetzt kombiniere ich diese gesprochenen Dokumente mit den Filmquellen, die ich finde. Manchmal deckt sich das. Manchmal erzählen die Filmquellen das, was ich sehe - das ist die klassische Fernsehdramaturgie. Und dann gibt es die Dinge, die sich konfrontieren. Hitler hält zum Beispiel eine Friedensrede und sagt: "Wir wollen friedlich sein." Und da lasse ich nicht Panzer ins Manöver fahren, sondern lasse Kinder mit Kriegsspielzeug spielen. Das muss beim Zuschauer nicht sofort "klick" machen, aber das soll sich in den Köpfen fortsetzen. Eine Gesellschaft, die so militarisiert ist, die kann gar nicht friedlich sein. Ich nenne das eine Text-Bild-Parallelität. Wir verstärken dadurch die Wirkung, wir verstören, wir bauen Erinnerungsstützen und wir verwirren auch.

Die meisten Menschen gehen ins Kino, um unterhalten zu werden. Dokumentationen haben es da meistens eher schwer. Warum trotzdem die Entscheidung, "Wer war Hitler" im Kino zu zeigen?

Pölking: Die Frage, die ich auch hart diskutiere, ist: Ist Kino eine dramaturgische Form oder ein Abspielort? Ich glaube, dass Kino zwangsläufig die Möglichkeit bietet, eine andere dramaturgische Form zu machen. Jemand, der ins Kino geht, hat sich von A nach B begeben, hat einen Eintrittspreis bezahlt, geht in einen Raum, der irgendwann dunkel wird. Und der Film muss ihm schon gar nicht gefallen, damit er ihn verlässt. Also normalerweise habe ich ihn. Beim Fernsehen kommt ein Handyanruf, man geht an den Kühlschrank, die Frau fragt: "Kannst du mal gucken, ob im anderen Programm das schon angefangen hat, was ich gucken wollte?". Das heißt: Im Kino habe ich die Leute. Und dafür mache ich einen Film. Und das gestattet mir eine andere Dramaturgie als Fernsehen.

Glauben Sie, Ihr Film ist dennoch Unterhaltung? Kann so ein Thema überhaupt unterhalten?

Pölking: Ich kenne Leute, die gucken Gruselfilme. Kann Grusel Unterhaltung sein? Also für mich nicht. Aber ich kenne Leute, die gucken so etwas und lachen sich halb tot. Man kann mit dem Schrecken unterhalten. Ob man mit dem Elend unterhalten kann, das glaube ich nicht. Aber ich hoffe, der Film hat einen gewissen Sog. Wenn ich im Kino bin, funktioniert das. Ich bin drin. Das kennt man von Fernsehserien, serielles Erzählen macht süchtig. Ich mache ja auch serielles Erzählen, ich sprenge die klassische Dramaturgie. (Anmerkung der Redaktion: Der Film ist in 14 Kapitel unterteilt). Und ich möchte dazu noch folgendes sagen: "Fack ju Göhte 3" ist auch fast zwei Stunden lang. Filmformate im Kino werden länger, weil wir nicht mehr das 35-Millimeter-Format haben. Wir haben kleine Festplatten, die uns alles liefern oder es wird vom Satelliten heruntergeholt. Die Logistik ist billiger. Und nehmen wir die Schauburg Vechta: Hier gibt es sechs Kinosäle, da ist unter der Woche immer mal ein Saal frei für ein Special-Interest-Programm, das ein bisschen länger ist.

Sie erwarten einiges an Aufmerksamkeit von Ihren Zuschauern, verlangen Ihnen einiges ab.

Pölking: Wir gucken doch alle auch nächstes Jahr wieder Fußball-Weltmeisterschaft. Da gucke ich doch auch vier Spiele hintereinander. Versteht meine Frau auch nicht. Und manchmal noch mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Und dann kommt noch Oliver Kahn und erklärt mir das Ganze und dann gibt es noch eine Talkshow nachts. Also wir reden doch immer über die Leute, die das interessiert. Meine Frau, die geht noch einmal mit zur Premiere; die Frau von meinem Jugendfreund, die schaut sich Hitler über drei Stunden lang nicht an. Und das kann ich verstehen. Ich bin da untypisch, ich schaue auch gerne die Filme, die meiner Frau gefallen.

Was erhoffen Sie sich für eine Reaktion bei den Zuschauern? Was glauben Sie macht der Film mit den Menschen?

Pölking: Die Menschen machen sich Sorgen danach. Das weiß ich. Das ist meinen Mitarbeitern beim Schneiden so gegangen: Man hat Angst, wenn man Nachrichten guckt. Man überlegt, was ist in der Welt. "Trump konnte doch nicht gewählt werden, das ist doch eine Witzfigur." Oder "Hitler konnte doch nicht gewählt werden." Im November dachte man, Hitler ist auf dem abschüssigen Band. Da hatte er sechs Prozent Stimmen verloren, da haben die Leute gedacht: Das ist ein Thema von gestern. Wenn man das hört, dann wird man unruhig. Da denkt man: Muss ich vielleicht doch noch ein bisschen mehr politisch machen? Ich bin eigentlich politisch, aber reicht das aus? Muss ich nicht auch irgendetwas machen? Man sieht in dem Film, dass die Hitlerbewegung eine junge Bewegung war, junge Leute. Das war dynamisch, das war kraftvoll. Man wollte bei den Leuten sein, die Kraft haben, die was machen wollen. Und Dynamik haben auch andere Bewegungen, die ich nicht so toll finde, populistische Bewegungen sind ja dynamisch. Und das muss ich sehen und anerkennen. Und die Sozialdemokraten und das Zentrum, das waren so alte Greisenparteien. Herr Lindner holt heute bei uns zehn Prozent, weil die FDP jung auftritt, das ist so. Erstmal spricht das an. Es macht aufmerksam für die Gegenwart, es kann auch Sorgen machen. Das ist aber auch richtig. Im dunklen Wald ist Pfeifen vielleicht nicht hilfreich, aber hin- und wieder umgucken ist gut.

Sie beschäftigen sich seit den 1990er Jahren mit Hitler und seiner Zeit. Was macht das mit Ihnen persönlich?

Pölking: Ich habe ein paar Freunde, die Ärzte sind. Die haben auch viel mit Elend zu tun. Die müssen abends nach langen Arbeitstagen den Schalter umlegen. Die müssen das ausblenden. Und es gibt immer wieder Fälle, da werden die das nicht los. Oft erreicht mich das nicht so tief. Wenn Sie massenhaft Akten vom Holocaust lesen, Originaldokumente - abends ist das auch vergessen. Ich konnte das früher nicht, aber mittlerweile kann ich den Leichenbergen und den Toten ins Gesicht gucken. Medizinstudenten lernen das ja auch. Das ist insofern Professionalität, wie das andere Berufe auch haben. Es hat auch was Schönes. Ich verbinde ja mein ganz alltägliches Leben damit. Geschichte ist ja nur Geschehen, was geronnen ist. Wir machen ja heute Geschichte. Wir wissen beide nicht, was in zwei Jahren ist. Und vielleicht denken wir dann: "Damals haben wir über Hitler gesprochen und heute ist so ein ganz kleiner Hitler schon irgendwo zumindest in irgendeinem Bundesland in der Regierung." Es kann aber auch sein, dass die ganze Aufregung umsonst ist.

Sie nennen Ihren Film „Wer war Hitler“ - Sie stellen eine Frage, ohne das Satzzeichen dahinter zu setzen. Wieso haben Sie sich gegen das Fragezeichen entschieden?

Pölking: Weiß doch jeder, wer Hitler war! Oder? Also es ist folgendes passiert: Wir haben erst über den Titel diskutiert. Dann war irgendwann klar, der Film muss den Namen Hitler drin haben, was nicht meine Präferenz war. Wir haben 14 Kapitel und jedes Kapitel gibt eine Antwort auf die Frage "Wer war Hitler". Ein Tunichtgut, ein Oberösterreicher, ein Führer, ein Mörder, ein Massenmörder, ein Selbstmörder. Also 14 Mal wird die Frage beantwortet. Irgendwann ist in dem Entwurf eines Titelbildes das Fragezeichen verschwunden. Fragezeichen sind graphisch schwierig, die macht man meistens größer oder kleiner, das sieht blöd aus. Und irgendwann war auf einem Monitor das Fragezeichen verschwunden. Und da standen sechs Leute drum herum und wollten sagen "Lass mal!" Weil es ja auch ein dummer Titel ist, es weiß doch jeder, wer Hitler ist. Oder weiß er es vielleicht doch nicht. Es gibt Leute, die sagen nach dem Film: Ich bin hergekommen, um zu wissen wer Hitler ist und jetzt weiß ich es immer noch nicht. Da kann ich nur sagen nach der Lektüre von mehr als 800 Büchern: Sie wissen das nicht richtig, weil alles in Bewegung ist. Jedes der Bücher gibt Antworten. Wir können aber gar nicht wissen, wer Hitler ist. Hitler war ein genial guter Schauspieler und dazu ein großer Lügner. Und das ist die gefährlichste Mischung, die es gibt. Wir müssen auch gar nicht genau wissen, wer Hitler war. Das Wichtige ist, dass wir heute noch sehen, was er gemacht hat.

Das Interview führte Fritzi Bruns.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 07.11.2017 | 17:00 Uhr

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