Stand: 02.03.2016 14:27 Uhr

Mythos Anne Frank oder pubertierendes Mädchen?

von Katja Weise
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Regisseur Hans Steinbichler hat "Das Tagebuch der Anne Frank" mit Lea van Acken in der Hauptrolle verfilmt.

Hans Steinbichler hat das "Tagebuch der Anne Frank" neu verfilmt. Schon bei der ersten Begegnung mit Lea van Acken wusste der Regisseur, dass er "seine" Anne Frank gefunden hatte. Und auch die 1999 geborene Schülerin aus Schleswig-Holstein wollte diese Rolle unbedingt spielen. Ihr gemeinsames Ziel: Anne darstellen wie ein ganz normales Mädchen, das unter sehr schwierigen Umständen erwachsen wird.

Herr Steinbichler: Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal Lea van Acken gesehen haben?

Hans Steinbichler: Ein Ereignis war's. Es war der erste Tag des Castings für diese Rolle. Wir hatten mit einem sehr großen zeitaufwendigen Casting gerechnet. Um eine Anne Frank zu finden, reicht es nicht, eine Person zu finden, die dunkle Haare hat, oder die ungefähr 15 ist. Also war ich sehr skeptisch, ob man überhaupt jemanden finden kann. Dann kam Lea van Acken herein. Wir haben in dem Film einige Momente, wo Anne aus ihrem Tagebuch in die Kamera spricht, zu uns, den Zuschauern. Sie begann die ersten Zeilen und ich habe auf den Monitor gesehen, meine Kamerafrau Bella Halben war bei mir. Ich habe mich nach zwei, drei Sätzen zu ihr umgedreht und gesagt, "da ist sie".

Hast du das sofort gemerkt, Lea?

Lea van Acken: Nein, habe ich tatsächlich nicht. Ich hatte insgesamt drei Castings und habe die ganze Zeit jedes Mal gezappelt und hatte Angst, dass es nichts wird.

Du bist nicht die erste, die Anne Frank spielt und es ist auch nicht deine erste Hauptrolle. Was hat dich daran gereizt?

Van Acken: Die Person Anne hat mich gereizt. Das Mädchen, weil ich Anne Frank unheimlich inspirierend und bewundernswert finde. Eine reale Person zu spielen und so ein wichtiges Mädchen, war eine Herausforderung.

Wie hast du herausgefunden, wer Anne Frank war?

Van Acken: In der Schule haben wir das Thema leider nicht behandelt. Als ich für das Casting das Tagebuch zum ersten Mal gelesen habe, ist mir überhaupt klar geworden, wer Anne Frank war. Was ihr Schicksal war.

Hintergrund zu Anne Frank

Anne Frank flüchtete nach der Machtergreifung Hitlers mit ihrer Familie aus Frankfurt in die Niederlande. Als es dort nicht mehr sicher war, versteckten sich die Franks in dem berühmten Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam, das jetzt schon lange als Museum eingerichtet ist. Hier schrieb Anne von 1942 bis 1944 ihr berühmtes Tagebuch, in dem sie das Leben in dem Hinterhaus schildert, auch von ihren Sehnsüchten, Hoffnung und Ängsten erzählt.

Herr Steinbichler, wann sind Sie zum ersten Mal damit konfrontiert worden?

Steinbichler: Wir wurden in der Schule nicht damit konfrontiert. Mein Vater und meine Mutter haben es mir mit 13, 14 zu lesen gegeben. Sie haben mir versprochen, dass es ein Kriegsdokument sei. Ich habe begonnen es zu lesen, und dachte, dass ich so Schlachten und Panzer und Ereignisse darin lesen kann, die mich interessieren. Aber dass ein Mädchen Gedanken über ihre Mitschülerinnen ausbreitet, das hat mich als Knaben ohne Format überhaupt nicht interessiert. Ich las mich da ein und dachte: 'Was ist denn jetzt eigentlich so schlimm?' Ich habe es damals überhaupt nicht verstanden.

Wozu brauchen wir eine neue Verfilmung? Welche Geschichte kann Hans Steinbichler neu erzählen?

Steinbichler: Es gab zwei große Fragen. Wie nähert man sich einem Mythos? Anne Frank ist eine Ikone, für viele eine Heilige, eine Mutter Theresa im jungen Gewande, eine Märtyrerin. All diese Begriffe lasten auf dieser Anne Frank. Deswegen war mein erstes erklärtes Ziel, das nicht als Mythos zu sehen, sondern als ein überliefertes Zeugnis von einem Mädchen, das herausragend denken konnte und schrieb. Aber mehr nicht.

Meine zweite Frage war: 'Was willst du denn erzählen?' Nach dem nochmaligen Lesen habe ich gemerkt, was es für ein sensationeller Text ist. Und ich habe einen Aspekt gesehen, den man aus vielen Gründen noch überhaupt nicht beachtet hatte. Zum einen, weil das Tagebuch zunächst von Annes Vater Otto Frank redigiert war. Es gab erst eine Fassung, wo die Problematik mit den Eltern nicht drin war, und ihr Erwachen als Pubertierende. Aber wir hatten die volle Quellenlage zur Verfügung. Als Vater von Kindern, die genau in diesem Alter sind, war es für mich eine Coming-of-Age Geschichte. Also ein Mädchen, das sich in einem irrwitzigen Rahmen, in dieser Bedrohung, in diesem Haus entwickeln will, entwickeln muss. Und die interessiert nicht, dass draußen Politik ist, sondern die hat einen Körper, die hat einen Geist, die will wachsen, sich verlieben, ihre Tage bekommen, sie will Streit mit ihren Eltern. Ich habe mich genau auf diesen engen Aspekt beschränkt und der ist neu. Anne Frank als ein Mädchen, das nerven kann, mit dem man sich anfreunden muss. Weil sie streitbar ist, weil sie unmöglich ist, weil sie fantastisch ist, sie ist zerrissen.

Meinst du, Lea, der Film könnte auch für jüngere Jugendliche sein - du bist jetzt 17?

Van Acken: Ich bin davon überzeugt, dass es ein Film für junge Leute ist, weil wir Anne in die heutige Zeit gesetzt haben. Ich konnte mir vorstellen, dass Anne ein Mädchen aus meiner Klasse gewesen ist, die auf einmal weg ist und einfach aus dem Leben genommen wird. Ich habe mir beim Drehen oft vorgestellt: 'Was hätte Anne jetzt gedacht, was hätte sie gesagt?'.

Hast du ihr Briefe geschrieben?

Van Acken: Ja, tatsächlich. Nachdem ich wusste, dass ich die Rolle bekommen habe, hatte ich ziemlichen Respekt, das Tagebuch zu lesen, dachte ich, ich kann mir nicht anmaßen, mich in etwas so Privates so reinzufressen und ihr Schicksal nachzuspielen. Ich habe dann angefangen, ihr Briefe zu schreiben. Weil ich es sonst nicht geschafft hätte, das Tagebuch noch einmal zu lesen. Ich habe ihr dann einfach von mir erzählt, von meinem Alltag. Ich wurde schon gefragt, ob es nicht komisch war, nie eine Antwort zu bekommen. Aber das hat Anne genauso gemacht. Anne hatte auch ihre Kitty und hat auch nie eine Antwort bekommen.

Was hast du mit den Briefen gemacht?

Van Acken: Die liegen in meinem Tagebuch. Die habe ich mir vor dem Drehen teilweise noch einmal angeschaut.

Die Fragen stellte NDR Kultur Moderatorin Katja Weise in der Sendung "Klassik à la carte".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 02.03.2016 | 13:00 Uhr