Stand: 07.11.2016 09:14 Uhr

Fatih Akin: Der Regisseur des Rauen

von Patricia Batlle, NDR.de
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Weltstar aus Altona: der Hamburger Filmemacher Fatih Akin.

Fatih Akins Filme zeigen oft ein Milieu, das nahe "an der Straße" liegt. Street credibility heißt das im Fachjargon. Bereits in seinem ersten, von der Kritik gefeierten Langspielfilm "Kurz und Schmerzlos" zeichnete Akin 1998 eine Kleinkriminellenstudie voller Schmerz und Härte, deutlich vom Gangsterkino seines Vorbilds Martin Scorsese beeinflusst.

Dabei entstammt der am 25. August 1973 in Hamburg-Altona geborene Sohn eines Arbeiters und einer Grundschullehrerin einem fast schon bürgerlichen Milieu, geprägt von der ersten Generation türkischer Einwanderer im Viertel.

Fatih Akin - eine Filmkarriere in Bildern

Nach den Abgründen seiner Filmfiguren befragt antwortete Akin in einem Interview: "Ich bin mit solchen Leuten aufgewachsen. Ich kenne sie. Mein Freundeskreis besteht aus solchen Leuten." Obwohl die Eltern Fatih und den älteren Sohn Cem als gläubige Muslime erziehen, besuchen beide einen katholischen Kindergarten, später das Gymnasium. Im Jahr 2000 macht Fatih das Diplom für Visuelle Kommunikation an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Denn schon mit 16 Jahren weiß der Fan von Box- und Bruce-Lee-Filmen, dass er Regisseur werden will. So jobbt er bei der Hamburger Wüste-Filmproduktion, die später seine ersten Filme produziert.

Goldener Bär für dritten Spielfilm

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Für "Gegen die Wand" bekam Akin (Mitte) 2004 den Goldenen Bären. Für Fotografen posiert er mit seinen Darstellern Sibel Kekilli und Birol Ünel.

Mit seinem dritten Spielfilm "Gegen die Wand", der Geschichte einer unglücklichen Scheinehe mit Biröl Ünel und Sibel Kekilli in den Hauptrollen, gelingt dem Regisseur 2004 der internationale Durchbruch.

Das Melodram erhält auf der Berlinale den Goldenen Bären - es ist das erste Mal in 18 Jahren, dass ein deutscher Film die begehrte Trophäe bekommt.

Akin hatte den Film mit seiner 2003 gegründeten eigenen Produktionsfirma Corazón International mit Wüste Film und dem NDR koproduziert. Es folgt eine Einladung nach Cannes, dem Kino-Olymp, wo der Drehbuchautor und Regisseur im Folgejahr den Juryvorsitz der Reihe "Un Certain Régard" übernimmt.

Drehbuchpreis in Cannes für Migrationsdrama

2007 wird "Auf der anderen Seite" auf dem französischen Festival sogar mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet. Das Migrationsdrama erzählt von sechs Menschen auf ihrem Lebensweg zwischen Bremen und Istanbul. Sein Kinofilm "Soul Kitchen", eine Komödie um den Kneipenbesitzer Zinos und seine persönliche Hommage an Hamburg, ist in Deutschland mit 1,3 Millionen Zuschauern sein kommerziell stärkster und auch im Ausland an der Kinokasse erfolgreich. Nicht zufällig spielt sein Jugendfreund Adam Bousdoukos die Hauptrolle - der Hamburger war zehn Jahre lang Tavernenbesitzer und schrieb das Drehbuch mit.

Der ausgeprochene Schauspielregisseur

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Mit Moritz Bleibtreu - hier in einer Szene aus "Soul Kitchen" (l) - hat Akin schon mehrere Filme gedreht.

Fatih Akin, dem seit Mai 2011 auf dem "Boulevard der Stars" am Potsdamer Platz in Berlin ein Stern gewidmet ist, gilt wie sein spanischer Regiekollege Pedro Almodóvar als ausgesprochener Schauspielregisseur. Vielleicht, weil er selbst als Darsteller gearbeitet hat, etwa in Stefan Thiels kaum bekannten Thriller "Kismet".

Er hat den Mut, neben Weggefährten wie Moritz Bleibtreu ("Im Juli", "Soul Kitchen") wenig bekannte Gesichter zu besetzen, und gibt ihnen nach seinem Motto "Go with the flow" beim Dreh Raum zur Entfaltung. Sein Darsteller Mehmet Kurtulus, mit dem der Hamburger bereits in seinem Kurzfilm "Getürkt" zusammenarbeitete, wurde der erste türkische Ermittler beim ARD-"Tatort". Auch Sibel Kekilli hat es zum "Tatort" geschafft - an Axel Milbergs Seite als Kommissar Borowskis Assistentin Sarah Brandt.

Dem heimischen Kiez ist Akin stets treu geblieben. Der passionierte Hobby-DJ und Amateur-Boxer fühlt sich in Hamburg-Altona am wohlsten. Dort wohnt er mit seiner Frau, der Schauspielerin und Regisseurin Monique Akin und den zwei gemeinsamen Kindern in einer alten Fischfabrik von 1836, denn "das Neue altert schneller als das Alte", so der Hamburger in einem Interview.

Autobiografie und Literaturverfilmungen

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Filmemacher Fatih Akin hat Wolfgang Herrndorfs Bestseller "Tschick" verfilmt.

Seine Memoiren sind im September 2011 erschienen. Ihr Titel: "Im Clinch: Die Geschichte meiner Filme" (Rowohlt). Seine Langzeitdokumentation "Der Müll im Garten Eden" wurde auf dem Filmfestival in Cannes im Mai 2012 uraufgeführt. Es ist eine Geschichte über das Dorf seiner Großeltern, das mit aller Macht gegen die Entscheidung des Staates kämpfte, inmitten der Teeplantagen eine gigantische Mülldeponie zu errichten.

Seine Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" hat Akin im Oktober 2014 vollendet. Der dritte Teil "The Cut" feierte seine Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig 2015 und wurde im selben Jahr beim Hamburger Filmfest vorgestellt. Dort erhielt der Hamburger den Douglas-Sirk-Preis des Festivals. 2016 hat Akin Wolfgang Herrndorfs Bestseller-Jugendroman"Tschick" verfilmt, der im September gestartet ist. Zudem dreht Akin sein neues Projekt "Aus dem Nichts" mit Diane Kruger in Hamburg. Danach will er Heinz Strunks "Goldenen Handschuh" verfilmen.

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mit Video

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Filmemacher Fatih Akin

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