Stand: 22.11.2017 08:33 Uhr

Fatih Akin: Der Regisseur des Rauen

von Patricia Batlle, NDR.de

Fatih Akins Filme zeigen oft ein Milieu, das nahe "an der Straße" liegt. Street credibility heißt das im Fachjargon. Bereits in seinem ersten, von der Kritik gefeierten Langspielfilm "Kurz und Schmerzlos" zeichnete Akin 1998 eine Kleinkriminellenstudie voller Schmerz und Härte, deutlich vom Gangsterkino seines Vorbilds Martin Scorsese beeinflusst.

Dabei entstammt der am 25. August 1973 in Hamburg-Altona geborene Sohn eines Arbeiters und einer Grundschullehrerin einem fast schon bürgerlichen Milieu, geprägt von der ersten Generation türkischer Einwanderer im Viertel.

Fatih Akin - eine Filmkarriere in Bildern

Nach den Abgründen seiner Filmfiguren befragt, antwortete Akin in einem Interview: "Ich bin mit solchen Leuten aufgewachsen. Ich kenne sie. Mein Freundeskreis besteht aus solchen Leuten." Obwohl die Eltern Fatih und den älteren Sohn Cem als gläubige Muslime erziehen, besuchen beide einen katholischen Kindergarten, später das Gymnasium. Im Jahr 2000 macht Fatih das Diplom für Visuelle Kommunikation an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Denn schon mit 16 Jahren weiß der Fan von Box- und Bruce-Lee-Filmen, dass er Regisseur werden will. So jobbt er bei der Hamburger Wüste-Filmproduktion, die später seine ersten Filme produziert.

Goldener Bär für dritten Spielfilm

Bild vergrößern
Für "Gegen die Wand" bekam Akin (Mitte) 2004 den Goldenen Bären. Für Fotografen posiert er mit seinen Darstellern Sibel Kekilli und Birol Ünel.

Mit seinem dritten Spielfilm "Gegen die Wand", der Geschichte einer unglücklichen Scheinehe mit Biröl Ünel und Sibel Kekilli in den Hauptrollen, gelingt dem Regisseur 2004 der internationale Durchbruch.

Das Melodram erhält auf der Berlinale den Goldenen Bären - es ist das erste Mal in 18 Jahren, dass ein deutscher Film die begehrte Trophäe bekommt.

Akin hatte den Film mit seiner 2003 gegründeten eigenen Produktionsfirma Corazón International mit Wüste Film und dem NDR koproduziert. Es folgt eine Einladung nach Cannes, dem Kino-Olymp, wo der Drehbuchautor und Regisseur im Folgejahr den Juryvorsitz der Reihe "Un Certain Régard" übernimmt.

Interview

Akin: "Auf Erfahrung kannst du dich verlassen"

Fatih Akin hat in Hamburg mit Hollywoodstar Diane Kruger Premiere des NSU-Dramas "Aus dem Nichts" gefeiert. Mit NDR.de sprach er über die Hauptdarstellerin, Erfahrung und die Hansestadt. mehr

Drehbuchpreis in Cannes für "Auf der anderen Seite"

2007 wird "Auf der anderen Seite" auf dem französischen Festival sogar mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet. Das Migrationsdrama erzählt von sechs Menschen auf ihrem Lebensweg zwischen Bremen und Istanbul. Sein Kinofilm "Soul Kitchen", eine Komödie um den Kneipenbesitzer Zinos und seine persönliche Hommage an Hamburg, ist in Deutschland mit 1,3 Millionen Zuschauern sein kommerziell stärkster und auch im Ausland an der Kinokasse erfolgreich. Nicht zufällig spielt sein Jugendfreund Adam Bousdoukos die Hauptrolle - der Hamburger war zehn Jahre lang Tavernenbesitzer und schrieb das Drehbuch mit.

Der ausgesprochene Schauspielregisseur

Bild vergrößern
Mit Moritz Bleibtreu - hier in einer Szene aus "Soul Kitchen" (l) - hat Akin schon mehrere Filme gedreht.

Fatih Akin, dem seit Mai 2011 auf dem "Boulevard der Stars" am Potsdamer Platz in Berlin ein Stern gewidmet ist, gilt wie sein spanischer Regiekollege Pedro Almodóvar als ausgesprochener Schauspielregisseur. Vielleicht, weil er selbst als Darsteller gearbeitet hat, etwa in Stefan Thiels kaum bekannten Thriller "Kismet".

Er hat den Mut, neben Weggefährten wie Moritz Bleibtreu ("Im Juli", "Soul Kitchen") wenig bekannte Gesichter zu besetzen, und gibt ihnen nach seinem Motto "Go with the flow" beim Dreh Raum zur Entfaltung. Sein Darsteller Mehmet Kurtulus, mit dem der Hamburger bereits in seinem Kurzfilm "Getürkt" zusammenarbeitete, wurde der erste türkische Ermittler beim "Tatort". Auch Sibel Kekilli hat es zum "Tatort" geschafft. Inzwischen spielt sie in internationalen Serienproduktionen wie "Game Of Thrones" .

Dem heimischen Kiez ist Akin stets treu geblieben. Der passionierte Hobby-DJ und Amateur-Boxer fühlt sich in Hamburg-Altona am wohlsten. Dort wohnt er mit seiner Frau, der Schauspielerin und Regisseurin Monique Akin und den zwei gemeinsamen Kindern in einer alten Fischfabrik von 1836, denn "das Neue altert schneller als das Alte", so der Hamburger in einem Interview.

Autobiografie und Literaturverfilmungen

Bild vergrößern
Fatih Akin stellt 2017 in Cannes sein Drama "Aus dem Nichts" vor. Diane Kruger wird dort als Beste Schauspielerin geehrt.

Seine Memoiren sind im September 2011 erschienen. Ihr Titel: "Im Clinch: Die Geschichte meiner Filme" (Rowohlt). Seine Langzeitdokumentation "Der Müll im Garten Eden" wurde auf dem Filmfestival in Cannes im Mai 2012 uraufgeführt. Es ist eine Geschichte über das Dorf seiner Großeltern, das mit aller Macht gegen die Entscheidung des Staates kämpfte, inmitten der Teeplantagen eine gigantische Mülldeponie zu errichten.

Neues Mitglied der Oscar Academy

Seine Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" hat Akin im Oktober 2014 vollendet. Der dritte Teil "The Cut" feierte seine Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig. 2015 erhielt er beim Hamburger Filmfest den Douglas-Sirk-Preis. 2016 hat Akin Wolfgang Herrndorfs Bestseller-Jugendroman "Tschick" verfilmt. Sein aktuelles Projekt "Aus dem Nichts" hat Akin, der im Juli 2017 als Jurymitglied in die Oscar Academy berufen wurde, mit Diane Kruger in Hamburg gedreht. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Kruger als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Der Film geht zudem für Deutschland ins Rennen um den Oscar 2018. Als Nächstes will er Heinz Strunks "Goldenen Handschuh" verfilmen.

Mehr Fatih Akin

Fatih Akin: "Bin froh, ein Old-School zu sein"

Regisseur Fatih Akin und Hauptdarstellerin Diane Kruger haben einen Bambi für ihr NSU-Drama "Aus dem Nichts" erhalten. NDR.de hat in Hamburg mit beiden gesprochen. mehr

mit Video

Sterbende Drehorte einer Stadt: Fatih Akins Hamburg

Fatih Akins Drama "Aus dem Nichts", das heute Deutschlandpremiere feiert, ist eine Rückkehr nach Hamburg. Wie sehen die Drehorte seiner Hamburg-Filme, etwa "Soul Kitchen", heute aus? mehr

Die Schauspielerin Diane Kruger im Interview beim Kulturjournal über ihren Film "Aus dem Nichts" © NDR

Fatih Akin und Diane Kruger über "Aus dem Nichts"

Kulturjournal -

Für seinen neuen Film wurde Fatih Akin in Cannes gefeiert, und Diane Kruger hat den Preis als beste Schauspielerin gewonnen. "Aus dem Nichts" ist ein politischer Film, der einen nicht mehr loslässt.

4,71 bei 42 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Talk Show | 17.11.2017 | 22:00 Uhr

16:51

Schauspielerin Diane Kruger und Regisseur Fatih Akin

17.11.2017 22:00 Uhr
NDR Talk Show

In Fatih Akins Film "Aus dem Nichts" spielt Diane Kruger eine Frau, die bei einem Attentat Mann und Sohn verliert. In Cannes wurde sie dafür als beste Darstellerin ausgezeichnet. Video (16:51 min)

mit Video

Diane Kruger: Weltstar auf der Suche nach Tiefe

Die Niedersächsin Diane Kruger war Model, ging nach Hollywood und spielte an der Seite internationaler Stars. Mit ihrer ersten deutschen Hauptrolle für Fatih Akin feiert sie große Erfolge. mehr

Mehr Kultur

28:30

2852 Pfeifen für Neubrandenburg

20.12.2017 18:15 Uhr
NDR Fernsehen
02:48

Sonja Schadwinkel, Fischmalerin

17.12.2017 18:45 Uhr
DAS!