Stand: 10.05.2017 11:14 Uhr

Gediegene Max-Frisch-Verfilmung ohne Tiefe

Rückkehr nach Montauk
, Regie: Volker Schlöndorff
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Schon einmal hat sich der Regisseur Volker Schlöndorff von dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch inspirieren lassen, mit dem er eng befreundet war: 1991 für seinen Film "Homo Faber". Nun gibt es einen neuen "Frisch-Film" des Regisseurs. Im Februar lief Schlöndorffs "Rückkehr nach Montauk" auf der Berlinale - jetzt kommt er in die Kinos.

Der berühmte Schriftsteller Max Zorn denkt nach über die Frau, die er vor vielen Jahren umstandslos verlassen hat. Während einer Lesereise nach New York sucht er die Wiederbegegnung mit der Anwältin Rebecca, obwohl er doch mit einer anderen Frau zusammen ist - mit Clara, die in New York lebt und seine dortigen PR-Auftritte betreut. Doch die Vergangenheit lässt Max Zorn nicht los. Bei einem Vortrag macht er der abwesenden Ex-Geliebten eine literarische Liebeserklärung.

Geschichte mit autobiografischen Zügen

Volker Schlöndorffs Film "Rückkehr nach Montauk" entstand nach Motiven von Max Frischs 1975 erschienener - autobiografisch eingefärbter - Erzählung "Montauk". Die egozentrische Filmfigur des Literaten, der seine Frauen wie Wohnorte wechselt, trägt Züge des Schweizer Schriftstellers.

Der einsame, attraktive Künstlerwolf ist eigentlich eine ziemlich altmodische Klischeefigur und Stellan Skarsgård vermag ihr weder Tiefe noch Facetten abzuringen. Im Gegensatz dazu steht die darstellerische Leistung von Nina Hoss, die Max Zorns frühere Geliebte spielt. Kaum hat sie im schwarzen Hosenanzug und mit weißer Bluse die Lobby eines New Yorker Wolkenkratzers betreten, nimmt man ihr auch schon die supererfolgreiche Anwältin ab. Abends, als der betrunkene Max Rebecca in ihrer Wohnung mit einem Spontanbesuch überrascht, bleibt sie die präsentere und nicht nur im Dialog überlegene Figur.

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Nina Hoss ist in ihrer Rolle der Rebecca stets präsent und lässt sich von dem Drehbuch nicht unterkriegen.

Was zieht Max Zorn zu seiner Ex-Geliebten hin? Die Eitelkeit? Die Herausforderung, Rebecca, die er einst verletzt hat, wieder zu gewinnen? Oder kann hier jemand einfach nicht akzeptieren, dass die Zeit vergeht, dass Dinge ein für allemal vorbei sind? Max Zorn vertraut einer New Yorker Bekannten an, dass er mit Rebecca noch einmal nach Montauk fahren will, wo die beiden früher einmal die Ferien verbrachten. Dabei wirkt der Schriftsteller unfreiwillig lächerlich in seiner selbstmitleidigen Sehnsucht.

Unglaubwürdige Handlung mit künstlichen Akteuren

Auf geht es ans Meer, nach Montauk. Fährt Rebecca vor der Abfahrt mit ihrem Auto bei der Reinigung vorbei, weil sie tatsächlich Kleider für den Ausflug braucht? Oder damit die Kamera sie im Küstenort mit diesem superschicken weißen Flauschpullover am Strand aufnehmen kann? Das sind so die Fragen, die man sich während der Betrachtung dieses sehr gediegen fotografierten Films stellt.

Schlöndorffs Figuren bleiben Kunstwesen, Akteure einer unglaubwürdigen Konstellation. Oder einer Konstellation, die Schlöndorff nicht mit Leben füllen kann. Es will einfach nicht einleuchten, dass die selbstbewusste schöne Anwältin dem egozentrischen älteren Schriftsteller immer noch verfallen ist. Oder sich ihm zumindest so nahe fühlt, dass sie den Ausflug nach Montauk zum Übernachtungsaufenhalt macht.

Rebecca und Max verbringen gemeinsam die Nacht in dem Hotel, in dem sie einst so glücklich waren. Immer lauter hört man die Drehbuchseiten knistern und man sieht vor dem inneren Auge Volker Schlöndorff und Max Frisch vor sich, die um eine Frauenfigur kreisen, die sie nicht verstehen, die sie nicht motivieren können und die sie vielleicht sogar verraten. Aber zum Glück lässt sich Nina Hoss nicht so leicht unterkriegen.

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Rückkehr nach Montauk

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland, Frankreich, Irland
Zusatzinfo:
mit Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff
Regie:
Volker Schlöndorff
Länge:
106 Min.
FSK:
FSK ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
11. Mai 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 11.05.2017 | 07:20 Uhr

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