Stand: 06.03.2017 15:00 Uhr

Oscar-Gewinner: "Moonlight" von Barry Jenkins

Moonlight
, Regie: Barry Jenkins
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Als der richtige Umschlag gefunden wurde, war es dann doch klar: "Moonlight" von Barry Jenkins erhielt den Oscar für den besten Film des Jahres. Der Film, der einem schwarzen Jungen beim Aufwachsen zuschaut, erhielt noch weitere Auszeichnungen: die Oscars für die beste Kamera, für das beste adaptierte Drehbuch und für den besten Nebendarsteller Mahershala Ali.

Kindheit, Jugend, Erwachsensein - ein Film in drei Kapiteln

Eine schwierige Kindheit

Dieser Film ist so frei und poetisch wie die Musik, die den Weg seines Helden begleitet. Dieser Film erzählt keine Geschichte, er besteht nicht aus großen Ereignissen. Dennoch ist man wie gebannt von dem, was er zeigt: das Erwachsenwerden in einem ärmlichen Viertel von Miami. In drei Kapiteln folgt Barry Jenkins der Hauptfigur Chiron. Im ersten Teil ist er noch ein kleiner Junge, der von den anderen Jungs des Viertels gejagt wird. Als er sich in einer Drogenwohnung versteckt, wird er von Juan, dem Dealer des Viertels, gefunden und nach Hause gebracht.

Chirons Mutter gleitet langsam in die Drogensucht ab. Das Haus von Juan und dessen Freundin Teresa wird für den Jungen zum Zufluchtsort, zum Refugium. In losen Szenen zeigt Barry Jenkins die langsam entstehende Freundschaft zwischen dem Kleinen und dem Erwachsenen, der zur Vaterfigur wird.

Manche dieser Szenen sind mit satten Farben stilisiert. Manche wirken dokumentarisch, werden aber immer wieder durch Musik überhöht. Etwa der Moment, in dem Juan seinem Schützling das Schwimmen beibringt. Während die Wellen gegen das Kameraauge platschen, entsteht ein Augenblick von essentieller Schönheit: ein Mann, ein Junge, das Meer und der tropische Himmel über Miami. 

Pubertät und der erste Kuss

Was macht einen Menschen aus? Seine Herkunft? Seine Hautfarbe? Den Weg, den er wählt? Wie frei ist man überhaupt in dieser Wahl? Das sind Fragen, die der Film "Moonlight" aufwirft. Er zeigt, dass es für einen schwarzen Jungen in den USA, für ein Kind mit einer drogensüchtigen Mutter, alles andere als leicht ist, diesen Weg selbst zu bestimmen. Aber er zeigt auch, dass es trotz allem immer auch eine Möglichkeit, eine Freiheit gibt, etwa während eines Gesprächs zwischen Chiron und Juan am Strand.

Im zweiten Kapitel verliebt sich Chiron in einen Klassenkameraden. Er erlebt seinen ersten Kuss am Strand. Juan ist inzwischen tot, doch seine Freundin Teresa ist immer noch eine Art Ersatzmutter für Chiron. Hier findet er Zuflucht, wenn seine eigene Mutter in der Wohnung Freier empfängt, um ihre Drogensucht zu finanzieren. Hier kann er am Tisch sitzen und schweigen. Wir, die Zuschauer, wissen, dass Chiron gerade von Mitschülern brutal schikaniert wurde.

Aus dem sensiblen Kind wird ein Dealer

Im dritten Kapitel von "Moonlight" hat Chiron seine zarte Seele verpanzert. Nun ist er selbst ein Dealer, muskelbepackt, mit Goldschmuck und Knarre. Was bringt ihn dazu, nach zehn Jahren nach Miami zurückzukehren? Was treibt ihn an, den Freund zu besuchen, von dem er als Teenager am Strand geküsst wurde? Der Film wird es nicht verraten. Auch hier nimmt er sich die Freiheit, nicht alles zu erklären, was seine Figuren tun.

Wird Chiron zu seiner jahrelang verdrängten Homosexualität finden? Wird er zulassen, dass Verletzlichkeit und Sehnsucht in seinem gestählten Körper einen Raum bekommen? "Moonlight", dieses große filmische Gedicht, lässt auch hier alles offen. Aber wie in jeder anderen Szene dieses Films ist auch an seinem Ende in jedem Augenblick alles möglich.

Moonlight

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Alex R. Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Mahershala Ali
Regie:
Barry Jenkins
Länge:
111 Min.
FSK:
FSK ab 12 Jahre
Kinostart:
9. März 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 09.03.2017 | 07:20 Uhr

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