Stand: 05.10.2015 17:13 Uhr

Die Folgen des modernen Kolonialismus

Landraub
Vorgestellt von Lennart Herberhold

Es ist ein gigantischer Raubzug, und es geht um eines unserer kostbarsten Güter - um fruchtbaren Boden. Internationale Konzerne, aber auch Banken und Fonds, sichern sich Ackergrund und investieren in die industrielle Landwirtschaft. Bevorzugt dort, wo Boden billig ist, die Eigentumsverhältnisse unübersichtlich sind: in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa. Die alteingesessenen Kleinbauern bleiben dabei auf der Strecke, sie werden beim Verkauf über den Tisch gezogen oder gar mit Gewalt enteignet. Einige der Lebensmittelfabriken, die dabei entstehen, werden sogar durch die EU gefördert. Ein Skandal.

Der Regisseur Kurt Langbein hat zwei Jahre lang die Welt bereist, um Facetten und Folgen dieses modernen Raubzugs zu dokumentieren.

Die Bevölkerung wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren stark wachsen. Auf neun bis zehn Milliarden Menschen. Wie werden wir sie alle ernähren? Dafür brauchen wir Agar-Investitionen bis zu 89 Milliarden US-Dollar im Jahr. Wo soll das herkommen? Was geschieht mit dem Geld? Wer wird das finanzieren? Darum geht es heute. Dokumentarfilm "Landraub"

"Wir haben uns nie getraut zu protestieren"

"Wir ernähren die Welt" lautet das Mantra der Manager und Investoren. Die Kino-Doku "Landraub" zeigt, was wirklich passiert. Zum Beispiel in Kambodscha. Ein rebellischer Mönch interviewt vertriebene Bauern.

> Wie ist ihr Leben, nachdem Sie mit Gewalt vertrieben wurden?
Es ist hart! Sie haben mir mein ganzes Reisfeld genommen. Ich habe nichts mehr.
> Wer hat Ihr Land genommen?
Ich habe keine Ahnung, wer die sind.
> Wie viele Jahre haben Sie Ihr Feld bestellt?
Schon vor meiner Hochzeit. Seit Generationen war das unser Land.
> Und jetzt sind Sie 85.
Ja.
> Haben Sie protestiert, als es passierte?
Wir haben uns nie getraut zu protestieren. Was sie nehmen wollen, können sie nehmen. Dokumentarfilm "Landraub"

Das Recht des Stärkeren

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Der Mönch Luon Sovath kämpft in Kambodscha gegen den Landraub.

60 Prozent des Ackerlands in Kambodscha sind in der Hand von Agrarkonzernen, die zum Beispiel Zucker anbauen. Eine fatale Rolle spielt dabei ein eigentlich gut gemeintes EU-Handelsprogramm für Entwicklungsländer. "Die Länder, die in diesem Programm aufgenommen sind, brauchen keine Zölle zu bezahlen und können daher quasi subventioniert ihre Rohstoffe nach Europa einführen", erläutert Kurt Langbein. "Das hat aber dazu geführt, dass in bestimmten Ländern, wie zum Beispiel Kambodscha, Oligarchen dies als Chance wahrgenommen haben, um im riesigen Ausmaß Zucker nach Europa zu exportieren. Und diese Zuckerplantagen wurden auf Flächen errichtet, auf denen vorher viele tausend Bauern gelebt haben."

Das EU-Parlament hat die EU-Kommission über das Treiben informiert, aber: "Da haben sich jetzt so viele Konzerne sehr gut ein eigenes Geschäft angeeignet", sagt Martin Häusling, Bauer und EU-Abgeordneter. "Und das Ganze läuft unter Beteiligung europäischer Konzerne, auch Zuckerkonzerne, die da mit involviert sind in diesem Geschäft, und die lassen sich jetzt ihr Geschäftsmodell nicht kaputt machen."

Landraub greift tief in das soziale Gefüge ein

Es ist nicht nur der Zucker. In vielen Produkten, die wir täglich verbrauchen - in Seife, Waschmitteln, Schokolade, Cremes und Fertiggerichten - steckt Palmöl. Angebaut in gigantischen Monokulturen in Indonesien. Hier wird Regenwald gerodet und auch hier werden Bauern vertrieben. Auf der Plantage schuften Arbeiter für einen Hungerlohn. Landraub greift tief in das soziale Gefüge eines Landes ein. "Landgrabbing führt dazu, dass die gesamte Sozialstruktur, die eine bäuerliche geprägte ist in diesen Ländern, völlig zerstört wird, und die Leute in die Städte getrieben werden. Dort gibt es aber keine Arbeit und keine Strukturen. Das ist ein Prozess, der in einem Tempo stattfindet, wie er in Europa niemals stattgefunden hat", sagt Regisseur Langbein.

Im Auftrag des Konzerns bewirtschaften

Wie Landraub eine Gesellschaft zersetzt, zeigt besonders krass das Beispiel Sierra Leone. Hier wurden die Bauern nicht vertrieben, das Land wurde ihnen neu zugeteilt, damit sie es im Auftrag des Konzerns bewirtschaften. Drei Jahre mit Unterstützung des Konzerns, danach auf eigene Kosten.

Das heißt, wir müssen die Traktoren mieten, damit sie für uns pflügen und eggen. Und wir müssen das Saatgut bereitstellen. Was sehr, sehr schwierig ist. Die letzten Jahre hatten die Menschen hier nicht einmal genug zu essen. Woher sollen sie da das Geld nehmen, um einen Traktor zu bezahlen? Woher sollen sie das Geld haben, um Reis-Saat zu kaufen, um ihr Land zu bestellen? Dokumentarfilm "Landraub"

So könnte es anders gehen: Bei einem geförderten Projekt in Äthiopien bestellen Bauern ihr Feld, ohne dass Konzerne sich einmischen, nach traditionellen Methoden und eigenverantwortlich. Die Bauern ernten mehr, als sie selbst verbrauchen, sie können zur Ernährung der Bevölkerung beitragen - das, was auch die Agrar-Konzerne versprechen. Doch die erreichen es nur mit größten Schäden für Natur und Mensch.

Landraub

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2015
Produktionsland:
Österreich
Regie:
Kurt Langbein
Länge:
95 Min.
Kinostart:
08.10.2015

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 05.10.2015 | 22:45 Uhr

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