Stand: 03.04.2017 22:45 Uhr

Goebbels' Sekretärin erzählt

Ein deutsches Leben
, Regie: Christian Krönes / Olaf S. Müller / Roland Schrotthofer / Florian Weigensamer
Vorgestellt von Barbara Block
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Brunhilde Pomsel saß fünf Jahre in russischer Gefangenschaft in Buchenwald - ohne einen Prozess.

Eine Frau legt Rechenschaft ab. Als Brunhilde Pomsel für den Dokumentarfilm "Ein deutsches Leben" interviewt wurde, war sie schon 103 Jahre alt. Nur drei Jahre arbeitete sie für Joseph Goebbels, aber die zentrale Frage ihres Lebens blieb: Hätte ich damals anders handeln sollen?

Die Regisseure waren eher zufällig auf die Geschichte von Brunhilde Pomsel gestoßen. Zwei Wochen lang führten sie Interviews mit ihr. Dabei war sie humorvoll und intelligent, aber gleichzeitig widersprüchlich, wenn sie beteuerte, dass sie früher einfach nur "unpolitisch" war.

Von den Gräueln will sie nichts gewusst haben

Von 1942 bis Kriegsende war Brunhilde Pomsel im Propagandaministerium Stenotypistin bei Goebbels. Von den Gräueln will sie nichts gewusst haben, sie schaute nicht hin, was um sie geschah. Für die Karriere trat sie in die Partei ein, dabei war ihre beste Freundin Jüdin. "Sie fühlt sich nicht schuldig, in keinster Weise, das lehnt sie ab", sagt einer der vier Regisseure, Florian Weigensamer. "Sie sagt, sie ist sich bewusst, dass sie eine sehr egoistische Frau war, dass sie immer ein egoistisches Leben geführt hat, dass sie oberflächlich war, dass sie andere Dinge nicht interessiert haben. Sie meint, das kann man ihr vielleicht vorwerfen, aber darin erkennt sie keine Schuld."

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Nach ihrer Gefangenschaft arbeitete Brundhilde Pomsel als Sekretärin beim SWR und als Chefsekretärin bei der ARD in München. Im Januar 2017 starb sie mit 106 Jahren.

Das sei ja auch früher eine andere Welt gewesen, beteuert Brunhilde Pomsel in dem Film: "Und das können Menschen, die jetzt leben - das ist ein so anderes, enges Leben gewesen - [...] nicht begreifen. Es hatte sich eingespielt ins Familienleben, dieses Gehorchen und ein bisschen Schwindeln dabei, lügen oder die Schuld auf jemand anders schieben."

Natürlich sei die Erziehung damals ein ganz entscheidender Faktor dafür gewesen, dass so ein System funktionieren konnte, sagt Weigensamer. "Diese autoritäre Erziehung, was Frau Pomsel ja auch erzählt, wo man als Kind nie hinterfragt hat, was der Vater sagt, also das war nicht mal Thema."

Die Reden Donald Trumps erinnern sie an vergangene Zeiten

In dem Film, der die Interviewpassagen mit historischen Bildern kombiniert, geht es um Moral und Verantwortung. Und auch um die Faszination, die von den Mächtigen ausgeht. Brunhilde Pomsel beschreibt Goebbels als gepflegt und vornehm im Büro. Dagegen habe er bei öffentlichen Auftritte wie ein tobender Zwerg gewirkt. Einen größeren Kontrast könne man sich kaum vorstellen.

"Dieses Desinteresse, das sie während ihrer Jugend hatte, hat sich später durchaus verändert", erzählt Regisseur Christian Krönes. "In ihren späten Tagen war sie eine durchaus sehr kritische und scharfsinnige Beobachterin. Das Wiedererstarken rechter Parteien in Europa sei grauenvoll und in einem letzten Telefonat, das ich mit ihr führte, meinte sie, die Diktion in den Reden von Donald Trump erinnere sie an eine vergangene Zeit."

Der Film "Ein deutsches Leben" ist ein nachdenklich machendes Lehrstück über Mitläufertum und Opportunismus. Brunhilde Pomsel war so nah an der Macht wie kaum jemand. Aber ihre Geschichte steht auch für die von Millionen Deutschen. Als Zuschauer fragt man sich: Wie hätte ich gehandelt?

Ein deutsches Leben

Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Österreich / Deutschland
Zusatzinfo:
Mit Brundhilde Pomsel
Regie:
Christian Krönes / Olaf S. Müller / Roland Schrotthofer / Florian Weigensamer
Länge:
113 Min.
Kinostart:
6. April 2017

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 03.04.2017 | 22:45 Uhr

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