Stand: 28.11.2012 12:10 Uhr

"Der Band war klar, dass sie ein Risiko eingeht"

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Für die Presse ist Eric Friedler einer der besessensten aller Rechercheure.

Der gebürtige Australier Eric Friedler arbeitet seit 2002 beim Norddeutschen Rundfunk und betreute vielfach beachtete Dokumentar-, Fernseh - und Spielfilme. Als Regisseur wurde er national und international ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis, dem Grimme-Preis und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Seit 2011 leitet er die Abteilung Sonderprojekte für Dokudrama und Dokumentarfilm beim NDR.

Was hat Sie an dem Projekt "Nichts als die Wahrheit - 30 Jahre Die Toten Hosen" gereizt?

Eric Friedler: Wer in Deutschland lebt, kommt an den Toten Hosen nicht vorbei. Gleichgültig, ob man ihre Musik mag oder nicht. Eigentlich war ich nie ein Fan, trotzdem wusste ich immer, dass es diese Band gibt und zwar seit Jahrzehnten. Mich hat beschäftigt, was diese Musiker seit 30 Jahren zusammenhält. Ich war neugierig, wie das funktioniert. Wie arbeiten die miteinander? Sind das Freunde? Mit welchen Idealen sind sie gestartet, wo stehen sie heute?

Die Toten Hosen haben früh ihr eigenes Plattenlabel gegründet, organisieren ihr Merchandising selbst, gelten als sehr interessiert daran, über alles die Kontrolle zu haben. Wie sind Sie damit umgegangen?

Friedler: Der Band war klar, dass sie mit diesem Film das Risiko eingehen, hier einmal nicht die letzte Instanz zu sein. Ich habe von Anfang an gesagt, dass eine irgendwie geartete "Abnahme"-Situation nicht stattfinden wird. Interessanterweise waren die Bandmitglieder aber genau daran interessiert. Sie waren gespannt, wie ein schonungsloser, ein frischer Blick von außen sie einfängt - und begegneten uns mit bewundernswerter Ehrlichkeit. Von dem Moment an, bei dem wir uns auf diese Vorbedingung geeinigt hatten, haben sie mir ihre Türen geöffnet, ließen unsere Kameras selbst im Proberaum bei konzentrierten Proben zu, hinter der Bühne, bei Auseinandersetzungen oder nur mit Badehandtuch bekleidet. Sie waren uneitel, direkt, zeigten sich unverfälscht und ließen so eine große Nähe zu. Im Film sprechen sie mit einer unglaublichen Offenheit über ihr Leben, Sex, Drogen und Beziehungen.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Wie erzählt man eine solche Chronologie?

Friedler: Man erzählt am besten keine Chronologie. Das ist ja für den Zuschauer auch schnell langweilig. Mich haben Wendepunkte und Schlüsselerlebnisse interessiert. Wie ist die Band damals zum Punk gekommen? Welche Inhalte haben ihre Haltung als Band geprägt - politisch, emotional, persönlich? Wie funktioniert das interne Zusammenspiel? Wie kam es zu illegalen Konzerten in der DDR? Wie sind die Bandmitglieder mit ihrem Erwachsenwerden umgegangen? Welche Probleme bringt Erfolg mit sich? Sind sie ihren Idealen treu geblieben?

Gleichgültig, wen man in der Unterhaltungs- und Medienbranche fragt, eigentlich kann jeder eine Geschichte über die Toten Hosen erzählen.

Friedler: Und genau deswegen haben wir weitgehend auf Anekdotisches verzichtet. Unser Ziel war nicht, einen Jubiläumstribut für die Toten Hosen zu schaffen, in dem möglichst viele Prominente ihre Erinnerungen erzählen. Genauso wenig wie die Bedienung von Klischees, die uns im Zusammenhang mit der Band schnell aufgefallen sind: Randale-Konzerte und Fußball. Uns interessierte vielmehr, wie die Mitglieder der Band ihre eigene Entwicklung sehen, einordnen, kommentieren. Wann stand die Zukunft der Band auf der Kippe? Wie wurden Krisen bewältigt?

Welches Material gibt es in diesem Film zu sehen?

Friedler: Neues und bisher nicht Gesehenes. Wir haben zum Beispiel Material von den illegalen Konzerten in der DDR gefunden, das noch niemals im Fernsehen gezeigt wurde. Dieses außergewöhnliche Material kombiniert mit der Musik der 80er schafft es, überzeugend das Lebensgefühl von damals zu vermitteln. Der Film bietet einen Mix aus unbekannten - aber auch bekannten Bildern, an die sich bestimmt viele auch gern und mit einem nostalgischen Grinsen erinnern. Dafür haben wir in Kauf genommen, mitunter Material zu verwenden, das heutigen Sehgewohnheiten und Qualitätsmaßstäben nicht immer genügt. Am Werdegang der Toten Hosen kann man beispielhaft die Veränderung der Medienlandschaft und Entwicklung moderner Technologie ablesen. Angefangen vom Super-8-Film über die verschiedenen Video-Formate bis hin zu Digitalaufnahmen - unser Cutter hat sich im Schnitt durchaus die Haare raufen müssen. Wir selbst haben die Toten Hosen natürlich mit neusten HD-Kameras begleitet.

Warum haben Sie auf einen Erzähler verzichtet?

Friedler: Zuallererst stand die Überlegung: Wer kann über die Toten Hosen besser Auskunft geben als sie selbst? Mir erschien die spezifische Schnittmethode des großen Dokumentarfilmers Eberhard Fechner, man spricht auch von einem "künstlichen Dialog an einem imaginären Tisch", für die Geschichte dieser Band das adäquate künstlerische Prinzip. Schließlich leben alle Protagonisten. Sie können selbst erzählen, einander ergänzen, einander widersprechen.

Wie fügt sich dieser Film nun in die Reihe Ihrer bisherigen Filme?

Friedler: Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich - gleichgültig, welche Geschichte ich mir vornehme - immer Geschichten aus Deutschland erzähle. Auch die Laufbahn der Toten Hosen ist natürlich eng mit der Entwicklung des Landes verzahnt. Wir erleben ihren Aufbruch und ihre Rebellion gegen eine Periode, die BAP-Sänger Wolfgang Niedecken uns im Interview wunderbar beschreibt: "Es war noch eine ziemliche bleiverglaste-nach-Frikadellen-und-kaltem-Zigarettenrauch-miefende-Eckkneipen-Zeit." Wir erfahren von ihrem Entsetzen darüber, dass ihnen bei ihren ersten legalen Konzerten in der ehemaligen DDR der offene Rassismus entgegen schlägt, der schließlich zu den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen führte. Wir sehen den Toten Hosen beim Leben zu und reisen durch 30 Jahre Deutschland.

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