Stand: 22.06.2017 08:20 Uhr

Trügerische Renaissance des Dokumentarfilms

von Hartwig Tegeler
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Der Programmleiter des Hamburger Abaton-Kinos, Matthias Elwardt, sieht den vermeintlichen Boom des Dokumentarkinos mit Skepsis.

Ein Blick auf die wöchentlichen Kinostarts und man bekommt den Eindruck, der Dokumentarfilm hat eine rosige Gegenwart. Allein am 1. Juni sind vier Dokumentarfilme gestartet. Zwei Wochen später und bis zum Ende des Monats kamen jeden Donnerstag neue Dokumentarfilme im Kino. Aber Matthias Elwardt, der Leiter des Hamburger Programmkinos Abaton, einem traditionellen Spielort für Dokus, ist skeptisch: "Ich sehe nicht wirklich eine Zäsur. Leider ist der Besuch der Dokumentarfilme immer noch schlechter."

Teure 35-Millimeter-Kopie versus billige Festplatte

Die weltweite Filmproduktion hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, sowohl im Bereich des Spielfilms, wie im Bereich der Dokumentationen. Die technologische Entwicklung hat de facto die finanziellen Hürden für den Dokumentarfilm abgeschafft. Digitales Filmen bedeutet eben auch billigeres Filmen, was den Dreh betrifft. In analogen Zeiten kostete das Filmmaterial viel Geld. Ebenso der Schritt ins Kino: "Eine 35-Millimeter-Kopie kostet mindestens 1.000 Euro. Wenn man in zehn Kinos wollte, musste man mindestens 10.000 Euro in die Hand nehmen. Heute fällt das weg, weil eine Festplatte fast gar nichts kostet. In der Produktion kann man heutzutage einen guten Fotoapparat nehmen", meint Elwardt und hält den Flyer für den Dokumentarfilm "Kapitäne" in der Hand, eine Eigenproduktion von Frank und Lennart Stolp, ohne Filmförderung gedreht und ab Ende Juni im Hamburger Programmkino zu sehen. Mithin, wie Elwardt meint: "Heutzutage kann jeder Filmemacher werden."

Doppelt so viele Filme wie vor zehn Jahren

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Wenn der Film dann ins Kino kommt hat die Doku in den nachfolgenden Verwertungsmedien - DVD, Blu-Ray, Video On Demand, Fernsehen - ebenfalls gute Chancen. Doch statistisch gesprochen sagen diese guten Nachrichten wenig darüber aus, wie viele Zuschauer denn wirklich den Dokumentarfilm im Kino anschauen. Die Statistik der FFA Marktforschung für die Jahre 2008 bis 2015 gibt der Euphorie einen heftigen statistischen Dämpfer, was die Publikumszahlen betrifft: Die sind nämlich seitdem nicht gestiegen, sondern gar gesunken. Nach einer Renaissance des Dokumentarfilms auf der großen Leinwand sieht hier also gar nichts aus, denn mit der erwähnten Verdoppelung der Spiel- wie Dokumentarfilme in den letzten zehn Jahren ist eine Stagnation des Publikums einhergegangen, resümiert Elwardt: "Es gehen heute genauso viele Leute ins Kino wie vor zehn Jahren, aber es kommen doppelt so viele Filme ins Kino."

Wobei der Abaton-Programmleiter keinen "typischen" Dokumentarfilm-Kinogänger ausmachen kann, das sei themenorientiert. Wenn die jeweilige aktuelle Doku-Mode à la Michael Moore oder die über die Flüchtlingskrise vorbei oder der Naturfilm-Bilderrausch über "Planet Erde" abgeklungen ist, bleibt der Besuch eines Dokumentarfilms ein Ereignis für wenige Zuschauer. Kein Event am roten Teppich. Aber die Erfahrung, sich konzentriert im dunklen Kino-Raum einem interessanten Thema zu widmen, ganz in es einzutauchen, ohne Ablenkung ist luxuriöse Konzentration in hektischen Medienzeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 22.06.2017 | 11:40 Uhr

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