Stand: 10.11.2015 15:30 Uhr

Dagur Kári über seinen Film "Virgin Mountain"

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Der Isländer Dagur Kári (r.) hat das Drehbuch zu "Virgin Mountain" (im Original: "Fúsi") eigens für den Komiker Gunnar Jónsson geschrieben.

Der isländische Regisseur Dagur Kári hat ein Faible für Außenseiter: In seinen Filmen wie "Nói Albinói" oder "Ein gutes Herz" stehen Eigenbrötler im Mittelpunkt. So auch in seinem neuesten. "Virgin Mountain", ab dem 12. November im Kino, handelt vom Mittvierziger Fúsi, der noch zu Hause lebt, am Flughafen von Reykjavík Gepäck verlädt und wegen seiner Körpermasse von den Kollegen gehänselt wird. Die international preisgekrönte Dramödie hat jüngst bei den Nordischen Filmtagen den Publikumspreis erhalten. Dort haben Kári und sein Hauptdarsteller Gunnar Jónsson mit NDR.de über Weisheit, neues Kino aus Island und Palmenstrände gesprochen.

Ihr Held Fúsi wird immer wieder gemobbt. Die Kollegen verspotten ihn wegen seines Gewichtes und weil er noch Jungfrau ist. Warum schlägt er nie zurück?

Dagur Kári: Am Anfang denkt man vielleicht, der Typ ist einfach gestrickt oder naiv. Danach stellt sich heraus, dass er eine Art unschuldige Wahrheit und Stärke besitzt. Die hilft ihm, die Hürden zu bewältigen, denen er begegnet. Er ist eine Art Buddha. Wann immer er schlecht behandelt wird, reagiert er mit Güte.

Ein Koloss mit großem Herz für kleine Leute

Fúsi lebt mit Mitte 40 noch zu Hause. Hängt das mit der langjährigen Krise in Island zusammen, dass er noch nicht ausgezogen ist?

Kári: Ich werde nie von soziologischen oder politischen Problemen inspiriert. Ich gehe immer von meiner Figur aus.

Was fasziniert Fúsi derart an den Strategien der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, die er in seiner Freizeit mit Miniaturfiguren nachstellt?

Jónsson: Das ist für ihn eine Art Meditation. So vergisst er die Welt um sich herum. Bei der Arbeit wird er gemobbt, da hat er keine Ruhe. Er hat nur einen einzigen Freund, mit dem er wie bei einem Brettspiel diese Feldzüge nachspielt.
Kári: Es ist Meditation und Flucht zugleich. Fúsi fühlt sich zwar wohl in der Welt, in der er es sich gemütlich eingerichtet hat. Aber diese Welt ist eng begrenzt. Durch dieses Spiel betritt er eine größere Welt. Wir brauchten Hobbys für ihn, die ihn in der Grauzone zwischen Erwachsenen- und Kindsein leben lassen. Diese Spiele mit Strategien sind hoch schwierig mit komplexen Regeln, aber trotzdem hat es etwas Kindliches, damit zu spielen. Außerdem liebt er ferngesteuerte Autos und er kauft sich das größtmögliche für Erwachsene.

Herr Jónsson: Hat die Rolle des Fúsi Ihr Leben verändert? Sie arbeiten als Komiker für Film und Fernsehen und haben für die Rolle des Fúsi Preise und viel Lob erhalten.

Jónsson: Mein Leben hat sich nicht verändert. Aber ich habe mehr Arbeit und verreise viel mehr. Das fordert viel Kraft. Jetzt habe ich ein wenig Heimweh. Ich will nach Hause, weil ich so viel gereist bin. Ich muss zurück zu meinen Wurzeln. Ich bin an genau dem richtigen Ort geboren. Hier in Deutschland ist es mir zu heiß.

Wie war es als Komiker, diesen schüchternen Charakter zu spielen?

Jónsson: Ich musste mich zurückhalten und ein bisschen mein Ego dämpfen, damit Fúsi an erster Reihe steht. Ich hätte kein Hänseln ertragen, ich hätte zurückgeschlagen.

Dagur Kári hat das Drehbuch nur für Sie geschrieben. Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie davon erfuhren?

Jónsson: Ich war gerade als Koch auf einem Frachtschiff auf dem Ozean unterwegs. Ich glaube, ich habe fünf Tage vor Tallinn auf eine Lieferung gewartet. Er rief an und sagte: "Ich habe ein Skript für dich geschrieben, lies es bitte und sage mir, ob du es spielen willst." Ich war überrascht, so ein Angebot kriegt man nicht jeden Tag. Nach dem ersten Durchlesen war ich nicht besonders beeindruckt. Ich dachte, da passiert ja nicht viel. (Der Regisseur Kári lacht). Ich fragte mich, wie soll ich ihm das erzählen? Ich hatte aber fünf Tage Zeit und habe mich hingesetzt und es noch zweimal gelesen. Da habe ich die kleinen Funken und die Perlen darin entdeckt. Wir mussten kaum über die Rolle sprechen, weil das Drehbuch so gut geschrieben ist. Nachdem ich es so oft gelesen habe, bin ich ein Stückchen weit zu Fúsi geworden.

Kári: Zurückblickend merke ich gerade, wie unglaublich blöd ich gewesen bin. Ich wusste, ich schreibe ein Skript für Gunnar. Und trotzdem habe ich zwei Jahre damit verbracht, dieses Buch zu schreiben, bevor ich mit ihm geredet habe. Aber manchmal spürt man eben, dass etwas zusammenkommt. Ich befürchtete während des Schreibens nie, dass er es ablehnen würde.

Wären Sie gern mit Fúsi befreundet?

Jónsson: Ja, er hat mir eine Menge beigebracht. Er hat mich den Wunsch verspüren lassen, ein besserer Mensch zu sein.

Alleine auf bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck sind mehrere isländische Filme im Wettbewerb gelaufen, einer hat gewonnen, zwei weitere laufen bald in Deutschland an. Gibt es eine Art neue Kinowelle in Island - einem Land mit etwas mehr als 350.000 Einwohnern?

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Der in Paris geborene Dagur Kári lebt in Dänemark und leitet dort an der Nationalen Filmhochschule das Fach Regie.

Kári: Ja, aber ich glaube, wir sind auf dem Höhepunkt dieser Welle. Es ist nur schwer zu sagen, wie so eine Welle entsteht. Jetzt ist es Island, in fünf Jahren ist es vielleicht Bolivien. 

Stimmt es denn, dass viele Isländer zwei bis drei Jobs haben, um sich über Wasser zu halten?

Kári: Die Gehälter in Island sind nicht sehr hoch und das Land ist sehr teuer. Um zu überleben, muss man viel extra arbeiten. Zumindest im Vergleich zu anderen skandinavischen Ländern.

Man sieht es am Beispiel Ihres Kollegen Baltasar Kormákur: Er ist Schauspieler, Produzent, hat "Virgin Mountain" mitproduziert und vor Kurzem in Hollywood das Bergsteigerdrama "Everest" gedreht …

Kári: Er ist ein Naturphänomen. Er ist so produktiv, hat so viel Energie. Kein Mensch weiß, wie er das alles schafft. Es war gut, ihn mit an Bord zu haben, weil er ein erfahrener Regisseur und Produzent ist. Er kennt sich bestens mit beiden Seiten aus, war gut im Problemlösen und gab gute Ratschläge.

In einem Interview haben Sie gesagt, Sie lieben Palmen. Woher kommt die Faszination?

Kári: Ich habe eine Art Fetisch für weiße Sandstrände mit Palmen. Für mich ist es das Bild von totaler Stille und totalem Frieden. Ich bringe sie in fast jedem meiner Filme unter. Das ist auch eine Art Urlaub für mich. Der Job des Regisseurs ist nicht besonders gut bezahlt. Ich schreibe mir also die Sommerurlaube in die Drehbücher und so muss jemand anderes dafür zahlen. 

Das Interview führte Patricia Batlle.

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