Stand: 16.02.2016 09:12 Uhr

Bjarne Mädel: "Schau mal, er kann auch ernst"

Bild vergrößern
Macht keinen Unterschied zwischen komischen und ernsten Rollen: der Hamburger Bjarne Mädel.

Viele Zuschauer kennen ihn aus Krimi- und Comedy-Formaten. Dass Bjarne Mädel ("Der Tatortreiniger") auch Drama kann, stellt er auf der Berlinale unter Beweis. Der Hamburger spielt dort eine Hauptrolle in Anne Zohra Berracheds Familiendrama "24 Wochen" an der Seite von Julia Jentsch. Im Film geht es um das moralische und praktische Dilemma, wie ein Paar handeln kann, das ein schwerbehindertes Kind erwartet. Ein Berlinale-Gespräch über tragische und komische Rollen, falsche Bäuche und schwere Entscheidungen.

Bereits bei der Pressevorführung des Dramas "24 Wochen" haben viele Journalisten zum Schluss die Tränen nicht mehr halten können. Wie war das bei der Weltpremiere?

Bjarne Mädel: Es haben sehr viele Leute mit den Tränen gekämpft. Ich auch. Ich selber aber an einem ganz merkwürdigen Punkt. Ich wusste natürlich, was auf mich zukommt und habe diese heftigen Momente, wo die Leute mit den Tränen kämpfen, gut überstanden. Aber diese Liebeserklärung im Krankenhaus, da hat es mich auf einmal gerissen. Eigentlich so ein kitschiger Moment, wo Julia Jentsch als meine Filmgattin sagt: "Wenn du mich damals gefragt hättest, ich hätte es gemacht, ich hätte dich geheiratet." Da musste ich plötzlich heulen.

Fühlen Sie durch Ihre Comedy-Rollen in eine Schublade eingeengt?

Mädel: Ich weiß, dass es diese Schublade gibt, aber ich selber empfinde mich gar nicht so. Ich nehme die komischen Arbeiten, die ich mache, genauso ernst wie jetzt den Film "24 Wochen" und mache da keinen großen Unterschied. Andere vielleicht. Insofern ist es toll, dass der erste dramatische Film, den ich mache, zack, bumm, Berlinale, im Wettbewerb ist. Das ist natürlich eine Granate, dass das jetzt stattfindet. Ich freue mich, dass die Leute sehen: "Ach schau mal, der kann auch ernst."

Wie haben Sie reagiert, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Mädel: Ich habe gesagt, das ist ja null komisch, das ist überhaupt nicht lustig. Ich habe lange nach Pointen suchen müssen. Und dann habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass mir das jemand anbietet. Ich fand sofort das Drehbuch gut, in dem Sinne, dass die Dialoge echt sind. Oft kriege ich Drehbücher und denke, echte Menschen reden so nicht miteinander. Also, wenn die Drehbuchautoren Freunde hätten, würde das, glaube ich, nicht passieren. Die könnten denen das laut vorlesen und sie würden sagen: "Super Geschichte, aber schreib doch mal so, wie man im echten Leben spricht. Mit abgebrochenen Sätzen, die nicht zu Ende gedacht sind." Aber so schreiben die wenigsten. Insofern habe ich mich gefreut, weil dieses Buch sehr realistisch und fundiert recherchiert war. So stand da auch drin, wie das gemacht werden soll: mit echten Ärzten zu drehen. Mich hat beides wahnsinnig gereizt. Mir war nach dem "Tatortreiniger" klar: Wenn ich jetzt etwas Ernstes mache, dann muss das etwas mit Substanz sein. Ich kann jetzt nicht nur einfach mal drei Drehtage einen fiesen Mörder spielen, nur, damit ich es auch einmal gemacht habe.

Haben Sie sich vom Thema Abtreibung in der späten Schwangerschaft überfordert gefühlt?

Mädel: Ich muss da leider immer wieder Matthias Brandt erwähnen. Er hat einmal gesagt, wenn er ein Drehbuch bekommt, und dabei das Gefühl hat, er weiß nicht, wie er das spielen soll, dann sagt er zu. Dann fängt seine Arbeit an, weil er zugesagt hat und dann muss er sich damit auseinandersetzten. Tabori hat das "gefährlich arbeiten" genannt, nämlich mit der Möglichkeit, zu scheitern. Das bewundere ich wahnsinnig an Matthias Brandt. Ich habe mir das ein bisschen auf meine Fahne geschrieben, nicht etwas anzunehmen, wo ich sowieso weiß, wie ich das spielen soll, sondern auch mal etwas, wo ich nicht weiß, wie ich das hinkriege. Und das war bei diesem Buch so. Ich habe die Abtreibungsszene gelesen und gesagt, ich weiß nicht, wie man das spielt. Ich mache das jetzt. Mal gucken, ob ich dann glaubhaft heulen kann oder nicht. Im Laufe der Arbeit hat man dann gemerkt, das nutzt nichts, sich darauf vorzubereiten. Die Eltern sind auch nicht vorbereitet auf diese Diagnose. Die gehen unvorbereitet in so eine Situation hinein und müssen dann emotional damit fertig werden. Das war bei uns wirklich auch so.

Wie war es, beim Film mit echten Ärzten und Hebammen zu spielen?

Mädel: Ich bin sehr präzise in meiner Arbeit und plane sehr genau. Das habe ich durch die Arbeit vom Theater und von Formaten wie "Stromberg", wo wir jeden Atmer und jeden Blick festgelegt haben. Wenn man dann aber in eine Szene mit zwei Ärzten geht, die kein Textbuch haben, dann kann man das einfach vergessen, weil man weiß, die werden eh nicht das sagen, was ich möchte. Der Arzt sagt das, was er im echten Leben auch sagt. Und wenn er sein Medizinerfachdeutsch spricht und ich das nicht verstehe, hatte ich immer die Freiheit zu sagen: "Entschuldigung, das habe ich jetzt nicht verstanden. Was heißt das jetzt genau?" Es war also einfach, realistisch darauf zu reagieren. Oder auch diese schlimme Szene, wo die Spritze kommt, das war eben so, dass das ein Arzt macht, der das im wirklichen Leben auch macht, Paaren in so einer Situation so zu helfen. Wir sind in diese Szene hineingegangen wie ein echtes Paar, das jetzt weiß, okay, jetzt werden wir unser Kind verlieren. Das ist einfach schlimm, so ein Moment. Der Arzt war so toll und hat die ganzen Handgriffe so behutsam und echt gemacht, dass wir alle wussten, jetzt hat das Herz aufgehört zu schlagen. Das haben wir alle gleichzeitig gespürt und wir haben alle angefangen zu heulen. Dabei war es ein falsch angeklebter Gummibauch und trotzdem war das für uns alle wahnsinnig real. Der Arzt kam hinterher zu Julia Jentsch und mir und hat uns umarmt, weil wir ihm so leid taten, weil wir gerade unser Kind verloren haben. Und als die Regisseurin gesagt hat, wir machen das noch einmal von der anderen Seite, hat er gesagt: "Wie, noch mal?! Das kann man nicht noch einmal machen!" Ihn hat das so mitgenommen wie im echten Leben, wenn er das durchführt.

Hätte man das Ende mit der Abtreibung auch ohne den Herzfehlerplot drehen können?

Mädel: Bestimmt. Ich weiß die genaue Zahl nicht, aber 90 Prozent aller Eltern, die diese Diagnose kriegen, die wir hatten, entscheiden sich gegen das Kind. Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl. Ich sehe kaum noch Downies auf der Straße. Als ich klein war, hatte ich das Gefühl, das ist viel mehr in meinem Bewusstsein, im Straßenbild. Heutzutage sieht man sehr selten Menschen mit Down-Syndrom. Ich glaube, das liegt daran, dass wir diese Untersuchungen haben, dass die zur Verfügung stehen. Ich finde es toll, dass der Film hingekriegt hat zu zeigen, wie schwer die Entscheidung ist und dass es letztendlich eine Last ist, die die Frau zu tragen hat. Für meine Figur oder auch für mich privat hieß das, zu merken, wie hilflos man als Mann danebensitzt und überhaupt nicht zu entscheiden hat. Das ist wahnsinnig hart, aber andererseits hat man nicht so sehr die Schuld zu tragen wie die Frau, die diese Entscheidung trifft.

Das Interview führte Patricia Batlle.

Weitere Informationen

Norddeutsche Filme auf der Berlinale 2016

Norddeutschland war mehrfach bei der Berlinale vertreten: Das Drama "24 Wochen" mit dem Hamburger Bjarne Mädel und der NDR Dokumentarfilm "National Bird" haben Weltpremiere gefeiert. mehr

Kulturjournal

15.02.2016 22:45 Uhr
Kulturjournal

Auch in diesem Jahr ist Julia Westlake auf der Berlinale, läuft über den Roten Teppich, trifft starke und mutige Frauen und entdeckt Spannendes - nicht nur im Wettbewerb des Filmfestivals. mehr

22 Bilder

Berlinale: Clooney und die Stars des Festivals

Die Komödie "Hail, Caesar!" der Coen-Brüder eröffnet die Berlinale, George Clooney kommt. Ein Überblick über Jury, Stars und die Filme, die bald in aller Munde sind. Bildergalerie

Schwerpunkt Berlinale beim NDR Fernsehen

Zwei hinreißend verdorbene Schurken

23.02.2016 00:15 Uhr
NDR Fernsehen

Der kleine Schwindler Freddy kommt dem eleganten Hochstapler Lawrence in die Quere. Ein eifriger Wettkampf zwischen dem gepflegten Briten und dem flapsigen Amerikaner entbrennt. mehr

Michael Ballhaus - Eine Reise durch mein Leben

22.02.2016 23:15 Uhr
NDR Fernsehen

Vera Tschechowa hat ein Porträt über den international bekannten Kameramann Michael Ballhaus gedreht. Es zeigt den europäischen Weltbürger mit amerikanischer Karriere privat und beruflich. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 15.02.2016 | 07:20 Uhr